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3.5.2010 | Von:
André Chahoud

Blicke hinter die Kulissen: Aus dem "Alltag" eines Politikberaters

Planen ...

Politikberatung ist keine Hexerei und auch kein Zauber. Es ist ein Handwerk. Vielleicht nicht im klassischen Sinne, wie beispielsweise Tischler oder Installateur, sie ähnelt eher der Arbeit eines Pressesprechers oder Werbetexters. Ihre Werkzeuge sind in erster Linie Tastatur und Telefon.

Die Arbeit in einer Public-Affairs-Agentur umfasst neben der Erstellung von Kommunikationskonzepten und dem Führen von Strategiegesprächen viele ausführliche Recherche- und Redaktionstätigkeiten, die erlernt und bewältigt werden müssen. Das Fachwissen zu den einzelnen Themengebieten kann nur selten im Studium erworben werden. Zu Beginn ist es wichtig, seine Auftraggeber genau kennenzulernen und ihnen zu vermitteln, dass die Unternehmensphilosophie und die konkreten Anforderungen verstanden wurden. Anschließend müssen die Zielgruppen identifiziert und Wege zu ihnen aufgezeigt werden.[4] Eine existenzielle Grundlagenarbeit ist das monitoring (Beobachtung, Sammlung von Informationen) und die Differenzierung von Informationen. Welche Information aus den Politikfeldern ist für das Unternehmen wirklich relevant, und wie können die Unternehmensziele optimal für die Politik aufgearbeitet werden? Was möchten die Auftraggeber der Politik mitteilen? Wie bekommt das Anliegen des Auftraggebers eine besondere Priorität? Die Ausgestaltung von Einzelmaßnahmen umfasst dabei ein Spektrum von politischen Diskussionsabenden, über Arbeitsessen bis hin zu Pressekonferenzen. Dabei ist es stets wichtig zu wissen, wann und wie man mit Politikern und ihren Mitarbeitern in Kontakt tritt.

Die Vorgehensweisen einer Public-Affairs-Agentur sind eng an die Abläufe der verschiedenen politischen Referenzsysteme gekoppelt. Die Kalender politischer Institutionen geben den Takt bei der Umsetzung aller Maßnahmen vor. Da sind zum einen die Termine auf EU-Ebene: Kommissionstreffen, Sitzungswochen des Europäischen Parlaments (EP), Ausschusssitzungen des EP, Termine der EU-Ministerräte sowie deren vorbereitenden Sitzungen, Veranstaltungen im Rahmen der Ratspräsidentschaften, Tagungen der Generaldirektionen, aber auch sonstige politiknahe Veranstaltungen in Brüssel und Straßburg. Gleiches gilt für die nationale Ebene: Wann sind Sitzungswochen im Deutschen Bundestag, wann im Bundesrat? Handelt es sich im Deutschen Bundestag dabei um eine Haushaltswoche oder um eine "normale" Sitzungswoche? Wann treffen sich die Ausschüsse in Bundestag und Bundesrat? Wann sind die Treffen der einzelnen Arbeitsgruppen der im Bundestag vertretenen Parteien? Wann sind Fachministerkonferenzen im Bundesrat? Wann werden diese vorbereitet? Stehen sonstige Termine an, wie beispielsweise Wahlen, Parteitage oder für den Kunden wichtige Branchenveranstaltungen? In der Regel weiß der Politikberater diese Fragen auch für die Landes- und Kommunalebene zu beantworten. Die gesammelten Daten werden zu einer Übersicht zusammengefügt und laufend aktualisiert.

Teile dieses Kalenders wirken sich auch auf einen zweiten wichtigen Bereich der Politikberatung aus, nämlich den des Kontaktmanagements. Jedes Politikfeld, jede Institution setzt sich aus relevanten Einzelakteuren zusammen. Diese müssen identifiziert und deren Kontaktdaten erfasst werden. Wahlen und Geschäftsverteilungspläne verändern jedoch die Akteurskonstellation: Neue Spieler tauchen auf und alte Bekannte verabschieden sich. Das "Pflegen von Kontakten" hat in der Realität der Politikberatung oft ein weniger glamouröses Antlitz: das Datenbankmanagement. Dies ist so zeitintensiv, dass sich für dieses Aufgabenfeld bereits ein eigener Dienstleistungsmarkt entwickelt hat.

Doch zurück zum Informationsmanagement: Aus dem Kalender wird ebenfalls abgeleitet, zu welchem Zeitpunkt Tagesordnungen und Dokumente der verschiedensten politisch-administrativen Treffen zusammengetragen werden müssen, die dann, in einem weiteren Schritt, nach Kundenrelevanz hin ausgewertet und zu einem Themenmonitoring aufbereitet werden. Dieses Monitoring ist die Kernaufgabe der Politikberatung. Es basiert auf Tagesordnungen, Protokollen und den behandelten Dokumenten der Sitzungen.

Die bereits in der Konzeptionsphase geleistete Analyse wird auf die Erstellung eines Monitorings übertragen. So werden zunächst in einer sogenannten Issue-Analyse die Kernthemen des Monitorings fixiert. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Was sind die strategischen Zielsetzungen des Unternehmens? Welchen Status besitzen das Unternehmen bzw. dessen Produkte oder Dienstleistungen in der Öffentlichkeit? Was sind gegebenenfalls kritische Themen? Danach beginnt die sogenannte Stakeholder-Analyse, welche man in drei Bereiche gliedern kann:

Politikfeldanalyse.
Hier wird untersucht, welche Politikfelder von den Entscheidungen des Unternehmens betroffen sind bzw. vice versa. Hierbei stehen die policy-Analyse (Welche politischen Maßnahmen werden diskutiert?), die polity-Analyse (Wer sind die relevanten politischen Akteure?) und die politics-Analyse (In welchem Stadium befinden sich relevante politische Verfahren? Wie sind Machtverhältnisse ausgestaltet? Wie hoch ist die Umsetzungswahrscheinlichkeit der diskutierten politischen Maßnahmen? Sind Machtverschiebungen unter den Akteuren zu erwarten?) im Mittelpunkt.

Umfeldanalyse.
Bei der Konkurrenzanalyse müssen einerseits zum Auftraggeber konkurrierende Interessengruppen und deren Forderungen in den relevanten Politikfeldern identifiziert werden, andererseits auch die Positionen von Wettbewerbern, also Akteuren mit gleichen Interessen.

Medienanalyse.
Das Themenmonitoring ist zwar kein Pressemonitoring, dennoch empfiehlt es sich, die in den Medien verbreiteten Äußerungen im Auge zu behalten. Denn einerseits nutzen Entscheider aus Politik und Wirtschaft die Medien gezielt für ihre Interessen, andererseits aber passt sich dieser Personenkreis nicht selten auch veröffentlichten und öffentlichen Meinungen an.

Fußnoten

4.
Vgl. Jürg W. Leipziger, Konzepte entwickeln: Handfeste Anleitungen für bessere Kommunikation, Frankfurt/M. 2004.