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20.4.2010 | Von:
Sophie Wolfrum

Stadt, Solidarität und Toleranz

Öffentliche Sphäre - Private Sphäre

In den 1960er Jahren gab es schon einmal einen intensiven Diskurs, der den Wandel der bürgerlichen Öffentlichkeit diagnostizierte und diesen mit der Struktur der Stadt in Verbindung brachte. So auch der Titel des bekannten Buches von Jürgen Habermas 1962 "Strukturwandel der Öffentlichkeit".[1] Die harsche Kritik an der Praxis des Städtebaus der Moderne in der Nachkriegszeit beklagte unter anderem einen Verlust an Urbanität. Sie sah in den mangelhaften öffentlichen Räumen eine der Ursachen. Die funktionalistisch zugerichtete Stadt bot zwar bis dahin unbekannten Komfort für die Masse der Bevölkerung, sie ermöglichte erstmalig gesunde Wohnbedingungen, der Zauber des Städtischen blieb dabei auf der Strecke. Monotonie und Homogenität statt Vielfalt und Urbanität stellten sich ein. Alexander Mitscherlich nannte es Unwirtlichkeit.[2]

Hannah Arendt schrieb zu der Zeit ein Buch, das zehn Jahre später in Deutschland veröffentlicht wurde: "Vita activa oder Vom tätigen Leben".[3] Sie beschreibt dort ausführlich die komplexe Verschiebung, die das Verständnis von Privatem und Öffentlichem in der Vergangenheit erfahren hat und weiterhin erfährt. In den Gesellschaften der Antike in Griechenland und im römischen Reich, im Mittelalter und in der Neuzeit in Europa machten jeweils sehr verschiedene Inhalte öffentliches Leben und den Bereich des Privaten aus. Man kann zwar verallgemeinern: Öffentlich sind solche Tätigkeiten, die sich auf eine allen gemeinsame Welt richten, die Arendt als Schülerin Martin Heideggers als "welthaltig" bezeichnet. Privat sind solche Tätigkeiten, die der Erhaltung des Lebens dienen und die im Verborgenen stattfinden. Konkret sind aber jeweils in den Epochen unterschiedliche Aktivitäten in den beiden Sphären zu finden.

Mein Blick in die Geschichte folgt Hannah Arendt: Der schiere Erhalt des Lebens war in der Antike eine Zeit füllende und eine Leben füllende Tätigkeit: Bei den Griechen war der ganze Bereich der Ökonomie privat. Die Polis war von den banalen Notwendigkeiten der Lebenserhaltung befreit. Der freie Bürger brauchte Haushalt, Besitz und Wirtschaft als Basis, um sich überhaupt der Politik in der Polis widmen zu können. Haushalt und Politik waren das Paar, dem das Private und das Öffentliche entsprachen.

Auch in den folgenden Jahrhunderten, in Zeiten vor der Moderne, musste man den schützenden Bereich von Haus und Hof verlassen, um sein Leben innerhalb der öffentlichen Angelegenheiten einbringen zu können. Es erforderte immensen Mut, man musste sein Leben wagen.[4] Die Kluft zwischen dem Privaten und Öffentlichen war immens. Die mittelalterliche Stadt zeigte das am Beispiel der enormen Differenz von Kathedrale zu Wohnhaus.

In der Moderne stehen Nationalökonomie, Staatshaushalt und kommunale Daseinsvorsorge für die Ausweitung des ehemals Privaten in das Gesellschaftliche. Das, was wir heute das Gesellschaftliche nennen, ist modern, sagt Hannah Arendt: ein Zwischenreich, in dem private Interessen, die des Haushaltens, öffentliche Bedeutung bekommen. "Das auffallende Zusammenfallen des Aufstiegs des Gesellschaftlichen mit dem Verfall der Familie ..." ist die Konsequenz dieser Verschiebung der Sphären.[5] Die Familie wird zunehmend ökonomisch entlastet, als Freizeitunternehmen verliert sie ihre existentielle wirtschaftliche Bedeutung, komplementär verliert sie ihre Kraft zur personalen Verinnerlichung.[6]

Dieses Thema nimmt in den Diskursen der 1960er Jahre breiten Raum ein, es begann mit der Klage über den Autoritätsverfall des Familienvaters. Bis heute ist der "Verfall der Familie" ein Thema der aktuellen Politik. Die traditionelle Form der Familie als Versorgungsinstitution wird zum Randphänomen in unserer Gesellschaft. Das Zusammenleben in kleinen Gruppen wird je nach Bedürfnis jeweils neu verhandelt. Alle Funktionen des Haushaltes können heute durch infrastrukturelle oder warenförmige Angebote abgedeckt werden. "Die moderne Stadtmaschine mit ihrer Überfülle an Gütern, Dienstleistungen und Infrastrukturen kann als die vollständige Vergesellschaftung des privaten Haushaltes begriffen werden."[7] Viele Menschen kochen nicht mehr zu Hause, wenige nähen sich noch Kleider, Wintervorsorge, Vorratshaltung, das alles lässt sich auslagern. Was dabei von kommunaler oder staatlicher Hand oder durch die private Wirtschaft bewältigt werden sollte (Brot: privat, Wasser: kommunal, Infrastruktur: staatlich) ist Inhalt eines darüber hinausgehenden politischen Diskurses, der immer wieder mit Vehemenz geführt wird.

Zurück zu Hannah Arendt: "Ob eine Tätigkeit privat oder öffentlich ausgeübt wird, ist keineswegs gleichgültig. Offenbar ändert sich der Charakter des öffentlichen Raumes, je nachdem welche Tätigkeiten ihn ausfüllen."[8] Auch die Tätigkeiten selbst ändern sich vice versa. Ob also Essen für fünf Personen in einer kleinen Küche gekocht wird oder für viele in einem Schnellrestaurant, das macht einen großen Unterschied. Ist das Schnellrestaurant nun ein öffentlicher Ort oder ist es ein privates Unternehmen?

Das Öffentliche ist welthaltig und das Private ist so weltlos, dass es in letzter Konsequenz nicht kommuniziert werden kann. An eingängigen Beispielen erläutert das Hannah Arendt: Der Schmerz ist eine Empfindung, die schlechterdings nicht mitteilbar ist und nicht wirklich mitempfunden werden kann, er kann höchstens Mitleid erwecken. Er ist die privateste intime Empfindung überhaupt. Und auch die Liebe: "Wegen der ihr inhärenten Weltlosigkeit muten uns daher alle Versuche, die Welt durch Liebe zu ändern oder zu retten, als hoffnungslos verlogen an."[9]

Hannah Arendt zitiere ich so ausführlich, weil sie eine Protagonistin der Moderne ist, die uns verstehen lässt, wie Erwartungen meiner Generation an den öffentlichen Raum geprägt wurden. Öffentlicher Raum nicht im städtebaulichen Sinne, als architektonisch definierter Ort für öffentliche Tätigkeiten, sondern als allgemeine Sphäre, in der diese bestimmte Art von Begegnung und Austausch, das Gemeinsame zwischen Menschen stattfindet. Wenn ein Mensch zum ganzen Menschen wird, dann hat er Teil an dieser Welt, bringt sich in die Öffentlichkeit ein, er kann die Mühen, Alltagszwänge und Geheimnisse des Privaten hinter sich lassen, sogar über sie hinauswachsen. Im Öffentlichen erfährt man als gesellschaftliches Wesen Bestätigung, es ist der Bereich der Selbstverwirklichung.

Dort lag offenbar der Bereich der Selbstverwirklichung bis in die Moderne hinein. Doch das hat sich geändert.

Fußnoten

1.
Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied-Berlin 1962.
2.
Vgl. Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt/M. 1965.
3.
Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1967, zitiert nach Ausgabe 1981.
4.
Vgl. ebd., S. 36, 37.
5.
Vgl. ebd., S. 40.
6.
Vgl. J. Habermas (Anm. 1), S. 189. In Berufung auf Helmut Schelsky.
7.
Walter Siebel/Jan Wehrheim, Öffentlichkeit und Privatheit in der überwachten Stadt, in: DISP, Heft 153 (2003), S. 5.
8.
Vgl. H. Arendt (Anm. 3), S. 47.
9.
Vgl. ebd., S. 51.