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20.4.2010 | Von:
Sophie Wolfrum

Stadt, Solidarität und Toleranz

Paradigmenwechsel

Der Wertewandel wird seit den1970er Jahren erfahrbar. "The Fall of Public Man" von Richard Sennett erhält den deutschen Untertitel: Tyrannei der Intimität.[10] Genuin private Interessen wie das Verlangen nach Ruhe und Sicherheit im privaten Haushalt beginnen öffentliche Entscheidungen zu dominieren. Das ist der Januskopf jeder Bürgerinitiative, welche die Vorlieben und Sonderinteressen ihrer Aktivisten zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen weiß.

Peter Sloterdijk entfaltet in seiner Sphären-Trilogie einen Gegensatz von Immunität und Kommunität, des Ganz-bei-sich-sein und des am Gemeinschaftswerk der Welt Teil-haben. Es ist ein zeitgenössisches Verständnis des Privaten, im Privaten ist man ganz bei sich. Der Mensch versteht sich als Individuum, das dort zur Ruhe kommen kann. Der Hauptcharakter der Wohnung liegt demnach in ihrer Aufgabe als räumliches Immunsystem, sie ist ein Bereich des "Wohlseins gegen Invasoren und Überbringer des Unwohlseins".[11] Die Wohnung ist die Abwehrmaschine des modernen Menschen, sie hat Anteil am Kernprozess der Modernisierung. Wohnen braucht Unaufmerksamkeit und Normalität, Immunität heißt: Freistellung vom Gemeinschaftswerk. Die schillernden Worte, die Sloterdijk benutzt, machen deutlich, dass hier etwas enorm Wichtiges passiert ist im Vergleich zur Welt von Hannah Arendt: Der Bereich des Wohlseins ist der private Bereich. Eine Wertung, die aufmerksam macht auf weitere Autoren, auf einen gegenwärtigen Tenor im Diskus, der das Öffentliche und das Private grundsätzlich anders bewertet. Der private Bereich ist der, in dem sich Individualität leben lässt, er ist die Sphäre persönlichen Ausdrucks und bietet das Plateau der Selbstentfaltung.

Die Sphäre der Selbsterschaffung nun im Privaten zu sehen, während sie bis in die jüngste Vergangenheit in dem Vermögen gesehen wurde, sich in der öffentlichen Sphäre betätigen zu können, werte ich als Paradigmenwechsel. Bei Hannah Arendt noch konnte man erfahren, dass bis in die Moderne die öffentliche Sphäre diejenige war, in der sich der Mensch entfalten, über die Alltagszwänge hinauswachsen und an der Welt teilhaben konnte. Dort wurde er zum "ganzen Menschen". Im Kontext der Reflexiven Moderne, Postmoderne oder Nachmoderne dagegen wird der Mensch dann "er selbst", wenn er im Privaten ganz bei sich sein kann. Selbst, Selbsterschaffung und Selbstentfaltung wird nun mit dem Privaten gleichgesetzt.

Die private Sphäre ist ein von Staat, Gemeinwesen und deren Zumutungen zu schützender Bereich. Die öffentliche ist diejenige, in dem sich das Individuum bewähren, ständig anpassen, neue Rollen einnehmen, auf der Hut sein muss und zum Manager seines Lebenslaufes wird. So argumentiert zum Beispiel die Philosophin Beate Rössler: "In liberalen Gesellschaften hat das Private die Funktion, ein autonomes Leben zu ermöglichen und zu schützen."[12] In der Privatsphäre kann man selbst den Zugang zu dieser kontrollieren. Sie bietet Schutz vor unerwünschtem Zutritt anderer, vor fremden Menschen, Handlungen, Wissen, Räumen, Entscheidungen, Verhaltens- und Lebensweisen. Auch Rössler sieht die Grenzen zwischen beiden Sphären fließend, die historische Dimension spielt da weniger eine Rolle als der Blickwinkel und das jeweilige Interesse, aus dem heraus die Grenze gezogen wird. Die Grenzen zwischen öffentlich und privat stehen nicht fest, sie sind von der Situation abhängig und stehen zur Debatte, sagt auch sie. Ihre Argumentation ist jedoch von einem politischen Interesse geprägt, indem sie fragt: Warum ist Privatheit wertvoll? Ihre Antwort: Weil sie mit dem Wunsch nach Autonomie verknüpft ist.

Die Wertungen von Arendt und Rössler sind extrem unterschiedlich, auch wenn beide in den Begriffen Freiheit, Autonomie und selbstbestimmtes Handeln kulminieren. Ist bei Hannah Arendt der Mensch erst ein aktiv Handelnder, wenn er die Sphäre unmittelbarer Selbsterhaltung übersteigt, in der Welt agiert, so sieht Beate Rössler gerade in der Privatheit das Versprechen eingebettet, als autonomes Subjekt in Freiheit handeln zu können.

Fußnoten

10.
Richard Sennett, The Fall of Public Man, New York 1974. Deutsche Ausgabe: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt/M. 1986.
11.
Peter Sloterdijk, Sphären 3. Schäume, Frankfurt/M. 2004.
12.
Beate Rössler, Der Wert des Privaten, Frankfurt/M. 2001, S. 10.