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20.4.2010 | Von:
Sophie Wolfrum

Stadt, Solidarität und Toleranz

Urbanität, Toleranz und Solidarität

Urbanität bedeutet, aus dem privaten Rückzugsbereich in die Welt heraustreten zu können - in eine Sphäre von Fremdheit, die durch Toleranz bis hin zur Blasiertheit gebändigt ist. So sagt Georg Simmel schon 1903: "Die Reserviertheit mit dem Oberton versteckter Aversion erscheint nun aber als Form oder als Gewand eines viel allgemeineren Geisteswesens der Großstadt. Sie gewährt nämlich dem Individuum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit, zu denen es in anderen Verhältnissen gar keine Analogie gibt."[14]

Urbanität ermöglicht fremd sein, anders sein, etablierte Rollen verlassen zu können - um den Preis, die Rolle des Urbanisten (Simmel) zu spielen. Man lässt andere Menschen nicht an sich heran, urbane Verhaltensmuster lassen physische Nähe zu, weil man weiß, dass gleichzeitig die Distanz zur Person gewahrt wird. Diese Kühle in der Nähe macht Toleranz möglich und Fremdheit erträglich. So lautet die klassische Definition von Urbanität in der Stadtsoziologie seit Simmel.

Die Stadt der Moderne setzte das Solidaritätsprinzip in gleichwertige Wohnbedingungen um, also in eine Stabilisierung der Privatsphäre. Ihr Mangel an Urbanität wurde dagegen heftig beklagt. Ihre solidarische Leistung sollten wir jedoch nicht gering schätzen, denn sie bleibt weiterhin eine politische und soziale urbanistische Aufgabe angesichts der politischen Brisanz sozialer Ungleichheit in den wachsenden Städten der Welt. Es könnte sein, dass öffentliche Räume nicht per se Urbanität erzeugen, sondern nur dann erfolgreich sind, wenn sie von großen Teilen der Stadtgesellschaft auch in Gebrauch genommen werden können. Urbanität zu ermöglichen verlangt also zugleich Rückzugsbereiche des Privaten zu schaffen, die dem Individuum erst die Stärke zur Begegnung mit dem Anderen im urbanen Raum verleihen. Heute betonen wir in der öffentlichen Sphäre neben dem Ort der Toleranz, dem klassischen urbanistischen Motiv, auch den der Solidarität. In der Folge verändert sich auch die Definition von Urbanität, denn der politische Aspekt einer gesellschaftlichen Solidarität bekommt zunehmendes Gewicht.

Fußnoten

14.
Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben (1903), in: ders., Brücke und Tür, Stuttgart 1957, S. 234.