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20.4.2010 | Von:
Sophie Wolfrum

Stadt, Solidarität und Toleranz

Selbst, Solidarität und öffentlicher Raum

Alle diese gegensätzlichen Tendenzen sind unübersehbar. Wie kann die zeitgenössische Stadt die Privatsphäre so vorrangig bedienen, dass allerorten weltweit territoriale Enklaven für ausdifferenzierte Lebensstile entstehen? Stadtlandschaften wachsen heran, unendliche Teppiche von Einzelhäusern ohne öffentliche Räume außer Straßen. Wie kann man gleichzeitig eine Wiederentdeckung des öffentlichen Raumes konstatieren und seine Krise diagnostizieren? Die unterschiedlichen Tendenzen sind schwer in ein schlüssiges Theoriegebäude zu bringen, das an die urbanistische Praxis konzise anschließt.

Eine Hilfe bietet der amerikanische Philosoph Richard Rorty: Auch er sieht im privaten Raum die Sphäre der Selbsterschaffung der Individuen, im öffentlichen Raum die Sphäre der Solidarität. Der Irrtum, das Vorurteil, unserer Profession besteht darin, beide im Widerspruch und in Konkurrenz zueinander zu sehen. Als ob wie auf einer Waage mehr Privatheit die Schale des Öffentlichen leeren würde. So ist es jedoch nicht, sagt Rorty. Die eine Sphäre entfaltet sich nicht notwendig auf Kosten oder in Abhängigkeit der anderen. Rorty "versucht zu zeigen, wie es aussieht, wenn wir die Forderung nach einer Theorie, die das Öffentliche und das Private vereint, aufgeben und uns damit abfinden, die Forderungen nach Selbsterschaffung und nach Solidarität als gleichwertig, aber für alle Zeit inkommensurabel zu betrachten".[15]

Mit diesem hilfreichen Hinweis können wir uns wieder dem diffizilen Verhältnis beider Sphären zuwenden. Stadt, die ein öffentliches Leben begünstigt, wird als Indikator oder als Nährboden für Urbanität angesehen. Aber wo ist öffentliches Leben in der Stadt? Was können wir über Straße, Platz und Park hinaus, die Prototypen des bürgerlichen öffentlichen Raumes, als öffentliche Räume bezeichnen? Die möglichen Antworten sind auch von der oben angeführten Bewertung des Privaten beeinflusst. Wo sieht man die Räume autonomen Handelns und könnte damit weiterhin auch Öffentlichkeit eingeschlossen sein?

Das urbane Leben, das Alltagsleben des Städters, ist von der Polarität der öffentlichen und privaten Sphären, dem Wechsel von der einen in die andere Raumsphäre geprägt.[16] Die Zuordnung von Aktivitäten zu öffentlichen oder privaten Räumen, wenn es diese Zuordnung in dieser Trennschärfe je gegeben haben sollte, verschiebt sich heute wiederum. Private Tätigkeiten, die im "Prozess der Zivilisation" (Norbert Elias) in die private Sphäre eingehaust wurden, werden an die Öffentlichkeit gezerrt: Eine Verschiebung der Scham- und Tabugrenzen ist offensichtlich. Was allein beim Telefonieren in die Öffentlichkeit getragen wird! Wird es damit zu einer öffentlichen Angelegenheit? Was offenbaren Menschen über sich in einschlägigen Fernsehshows! Um sich als Teil der Welt zu empfinden?

Privates Territorium wird über die Wohnung hinaus auf ganze Teile der Stadt ausgedehnt, ehemals öffentliche Funktionen werden eingehaust, ein ganzer Ausschnitt der Stadt unter privates Hausrecht gestellt. Die Einhausung von Teilen der Stadt ist das eine Phänomen: die Ausdehnung privat (auch privatrechtlich) kontrollierter Zonen auf Bereiche, die wir als öffentlich zugänglich kannten, Straßen und Märkte vor allem.

Aber hat es eine säuberliche Trennung der Sphären und der realen Räume für das eine oder das andere je gegeben? Viele Räume für Einrichtungen, die wir dem öffentlichen Leben zuzählen, sind schon immer "gated" und haben ein privates Hausrecht: In die Oper kommt man nicht ohne Eintrittskarte hinein, auch nicht ins Fußballstadion. Bibliotheken haben Öffnungszeiten und soziale Zugangscodes. Also wären nur diese Räume urban, die jedem ohne Unterschied und jederzeit zugänglich sind? Die Straße? Aber auch da gibt es eine soziale Kontrolle: Frauen meiden Straßen und Parks in der Nacht: ein temporärer Ausschluss. Kleine Kinder kann man nicht auf öffentliche Straßen lassen, die dem Autoverkehr seit 50 Jahren gewidmet sind.

So wie man nicht nur lesen können, sondern tunlichst auch über eine gewisse kanonisierte Bildung verfügen muss, sowie den Diskurs der Zeit um Politik, Kultur und Wirtschaft verfolgt haben sollte, um eine große Tageszeitung lesen zu können, so muss man auch über gewisse Codes verfügen, um öffentliche Räume überhaupt in Gebrauch nehmen zu können. "Öffentlicher Raum als jederzeit für jedermann zugänglicher Raum hat (...) noch nie in irgendeiner Stadt existiert. Er ist immer auch exklusiver Raum. Verschiedene Städte in verschiedenen historischen Epochen unterscheiden sich vor allem darin, wer auf welche Weise aus welchen Räumen ausgeschlossen wird."[17]

Warum also die Klage, seit ein paar Jahren sei alles anders? Verschwinden nicht immer wieder öffentliche Räume, und dafür entstehen neue?

Fußnoten

15.
Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt/M. 1992, S. 14.
16.
Vgl. Walter Siebel, Wesen und Zukunft der europäischen Stadt, in: DISP, Heft 141 (2000), S. 31.
17.
W. Siebel/J. Wehrheim (Anm. 7), S. 4.