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20.4.2010 | Von:
Sophie Wolfrum

Stadt, Solidarität und Toleranz

Kulturen des öffentlichen Raums

Deswegen führt die gegenwärtige Diskussion weg von dem Fokus auf die Funktionalität städtischer Räume, er beschäftigt sich vielmehr mit ihrer oft schillernden Bedeutung und performativen Ingebrauchnahme. Die Urbanistik interessiert sich für temporäre Räume und Möglichkeitsräume, new public domains und kommerzielles Entertainment, Peripherie und Zwischenzonen, Niemandsländer und Prachtplätze, Museen und Theater, Schulen und Tempel, Clubs und Szenen, Strände und Flüsse, Parks und öffentliche Gärten, Straßen und Boulevards.

In jeder Stadt sind zudem Räume wichtig, die außerhalb der Aufmerksamkeit stehen, die von neuen Gruppen entdeckt werden können. Eine Brache in der Innenstadt, ein temporär der Jugendszene überlassenes Haus in zentraler Lage, das sind die interessanten Orte, wo etwas Neues entstehen kann. Aber nur dank dieses temporären Status, der ökonomische Verwertbarkeit und tradierte Bedeutung für eine kurze Zeit außer Kraft setzt und Experimente zulässt. Denn schnell würden sie wieder belegt und exklusiv für eine kleine Szene sein. Temporäre Orte, die urbane Qualität haben, sind letztendlich nicht planbar. Ihr sozialer Effekt, Randgruppen und Szenen einen Ort für Aufführung, Darstellung, Zuhause oder Experiment zu bieten, ergibt sich gerade daraus, dass diese Orte im Windschatten der Aufmerksamkeit, oft auch in dem der Ökonomie, liegen.

Wichtiger werden auch die Schnittstellen und Schwellen zwischen beiden Sphären, Übergangsräume, die zwischen Privatem und Öffentlichem vermitteln können, oder auch die nötige Distanz erlauben. Die Erdgeschosszone von Wohnhäusern bietet einen solchen Schwellenbereich. Vorgärten, kleine Plätze in den Stadtteilen, breite Gehwege, es gibt viele beiläufige Orte, die dem dienen können.

Die Kulturen des Öffentlichen sind so vielfältig wie die Orte des Öffentlichen. Gleichzeitig ist die Pflege der öffentlichen Räume eine öffentliche Aufgabe der jeweiligen Stadtgesellschaft. Wir fragen uns heute, welches öffentliche Potential ein Themenpark, ein Flughafen, ein Einkaufscenter hat. Entstehen nicht in einer sich ändernden Gesellschaft zwangsläufig neue öffentliche Räume, die wir als solche erkennen müssen, um sie auch im Sinne der Stadt gestalten zu können? Die Herausforderung der Urbanistik, der Stadtplanung und des Städtebaus liegt heute darin, in diesem komplexen Feld zu agieren. Die sich ausdifferenzierende Gesellschaft erzeugt einen großen Teil der Stadtproduktion über den privaten Markt. So entstehen auch Räume, die öffentliche Rollen spielen können, obwohl sie nicht offensichtlich öffentlich sind. Weiterhin wird es jedoch eine explizit politische Aufgabe sein, die Räume der Solidarität und der Toleranz in einer Gesellschaft aktiv bereitzustellen. Sie machen die Kultur des Städtischen aus, sie ermöglichen ein großes Spektrum an Kulturen des Öffentlichen. Schauen wir uns die sozialen Konflikte in vielen Städten der Welt an, so erkennen wir leicht die immense Bedeutung einer guten Politik des Städtischen, die die Pflege der öffentlichen Räume einschließt.