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20.4.2010 | Von:
Katja Marek

Rekonstruktion! Warum?

Frauenkirche im Dresdner Mythos

Ein vielen Städten gemeinsamer Faktor für die Entscheidung zur Rekonstruktion ist deren Bedeutung für das erwählte oder angestrebte Stadtimage und Stadtmarketing. Nachweislich sind seit 2005, dem Jahr der Weihung der rekonstruierten Frauenkirche, die marketingrelevanten Zahlen Dresdens erheblich gesteigert worden.

Entsprechend der Marketingstrategie Dresdens wird bereits seit 2002 die Wiederbelebung des sogenannten Mythos Dresden angestrebt.[1] Dieser hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert, der Glanzzeit des Augusteischen Barock.[2] Das damit verbundene "Loblied (...) richtet sich auf die Architektur, die landschaftliche Schönheit, die großen Sammlungen, und verdichtet sich in Begriffen wie dem Diktum Herders vom deutschen Florenz oder Darstellungen wie den Veduten von Canaletto".[3] Der Dresdner Mythos setzt sich diesem Zitat zufolge aus verschiedenen Einzelsymbolen zusammen, zu denen Kunst, Architektur und der Begriff Elbflorenz gehören. Die Frauenkirche ist das konstatierende und verbindende Element der einzelnen Symbole, die zusammen den Mythos Dresden bilden.[4] Für die Kunst und Architektur gilt sie als Wahrzeichen, da sie in einer der baulich aktivsten Zeiten entstand und so ihren festen Platz als Motiv innerhalb der künstlerischen Auseinandersetzungen mit Dresden fand. Die eigentlich landschaftlich gemeinte Bezeichnung "Elbflorenz" erschließt sich erst im Zusammenhang mit der Frauenkirche, da deren Kuppel und Lage am Fluss der Stadt eine italienische Anmutung verleiht, die an das Vorbild am Arno erinnert. Aufgrund dieser Verwobenheit der Frauenkirche mit dem Mythos Dresden ist sie zum Symbol der Stadt geworden und wurde als solches auch vermarktet - anfangs als beliebtes Motiv der bildenden Künste, später auch in Verbindung mit Merchandising-Artikeln der Stadt wie beispielsweise Postkarten, Uhren oder Sammeltassen. Ihre häufige Darstellung auf Stadtansichten seit dem 18. Jahrhundert hat zu ihrer Popularisierung beigetragen. Für die Aufrechterhaltung des Mythos als Teil des Stadtimages ist sie deshalb unverzichtbar, obwohl die künstlerischen Darstellungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, belegen, dass sie für die Silhouette der Stadt abkömmlich wäre, da diese andere prägnante und einzigartige Formen aufweist, wie beispielsweise die der Dresdner Kunstakademie.

Untersucht man die gängigen Postkartenmotive seit der Zerstörung der Frauenkirche bei Fliegerangriffe britischer Bomber am 13. und 14. Februar 1945, wird deutlich, dass immer dann die Sehnsucht nach einem Wiederaufbau ausgedrückt wurde, wenn sich zugleich auf die historische Stadt und ihre Baukunst sowie ihre einzigartige landschaftliche Lage, also auf den Mythos Dresden, bezogen wurde. Die nach den Bereinigungsarbeiten der Nachkriegszeit noch vorhandenen Trümmer der Frauenkirche wurden 1966 von der DDR zum Denkmal erklärt. Dieser Status und die auf die Trümmer gepflanzte Rosendecke verhinderten weitgehend den Verlust weiterer Steine. Die Sehnsucht nach der Wiedererrichtung und letztlich der Schritt dazu sind Ausdruck des Wunsches nach der Wiederbelebung des Mythos Dresden und damit einer zielgerichteten Imagebildung.

Die Frage, warum gerade der Mythos Dresden als aktiver Teil des Stadtimages vermarktet wird, erklärt sich durch seine Wirkmächtigkeit, die sich an der bereits erwähnten Steigerung der Marketingstatistik[5] ablesen lässt. Deren Auswertung zeigt, dass besonders das Weihejahr der Frauenkirche, 2005, in allen Bereichen hervorsticht und der Stadt ein enormes Wirtschaftswachstum bescherte: Sowohl die Tourismuswerte als auch der damit verbundene Umsatz wurden gesteigert, ebenso die Zahl der Einwohner, die durch die zunehmende Attraktivität der Stadt angezogen wurden. Ähnliche Entwicklungen lassen sich bei der Zahl der Firmenniederlassungen und der damit einhergehenden Umsätze und Steuereinnahmen feststellen. Die angewandte Marketingstrategie hat Erfolg, der Mythos Dresden und seine Vermarktung haben sich für die Elbmetropole als finanziell sehr einträglich erwiesen. Auf diesen mit der Entscheidung zur Frauenkirchenrekonstruktion zusammenhängenden Effekt dürften auch andere Städte hoffen, was deren Entscheidung zur Rekonstruktion beeinflusst.

Fußnoten

1.
Vgl. Dresden-Werbung und Tourismus GmbH (Hrsg.), Dresden. Mittelfristige Marketingstrategie 2002-2005, online: http://web.archive.org/web/
20061013101725/www.dresden.de/
index.html?node=9637.
2.
Vgl. Steffen Heitmann, Grußwort. Vortrag zur Ausstellung Mythos Dresden im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden 2006.
3.
Dresdner Geschichtsverein e.V. (Hrsg.), Mythos Dresden. Faszination und Verklärung einer Stadt, Dresdner Hefte, 84 (2005), S. 2; Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, war ein italienischer Maler, der 1747 aus Venedig als Hofmaler von August III. nach Dresden kam und bis 1758 zahlreiche Stadtansichten (Veduten) von Dresden schuf.
4.
Vgl. Katja Marek, Rekonstruktion und Kulturgesellschaft. Stadtbildreparatur in Dresden, Frankfurt am Main und Berlin als Ausdruck der zeitgenössischen Suche nach Identität, Kassel 2009, online: https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2009101330569/7/DissertationKatjaMarek.pdf (11.3.2010).
5.
Vgl. Kommunale Statistikstelle, Wirtschaftsdaten 2005, Dresden 2006, online: www.dresden.de/wirtschaft (26.9.2006); Dresden-Werbung und Tourismus GmbH (Hrsg.), Tourismus 2005 in Zahlen, Dresden 2006, online: http://cms.tvdd.de/opencms/opencms/
tvdd.de/dateien/Tourismusbericht_
Dresden_2005_Teil_8.pdf (11.3.2010).