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20.4.2010 | Von:
Katja Marek

Rekonstruktion! Warum?

Sich wandelndes Geschichtsbewusstsein

Die Bestrebungen der Bürgerinitiativen zum historischen Wiederaufbau treffen zum Teil auf fruchtbaren Boden. Besonders in Dresden lagen bereits vor dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkriegs im Stadtbauamt Bürgerwünsche zum Wiederaufbau der historischen Monumente vor, bei gleichzeitig herrschender Wohnungsnot. Ist also das Bedürfnis nach Geschichte ein Grund für Rekonstruktionen?

Der kulturelle Erinnerungsspeicher wurde von der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann[10] als "Geschichte im Gedächtnis" bezeichnet, die notwendig sei, um daraus eine Identität zu beziehen. Verbunden seien damit die Fragen, was von der (Kultur-)Geschichte noch vorhanden ist, was erhalten bleiben und was wieder vergegenwärtigt werden soll.

Mit der Frage, was wir erinnern wollen, und mit der Suche nach dem Inhalt der Identitätsvergewisserung hat sich der Historiker Karl Heinz Bohrer Anfang des neuen Jahrtausends intensiv beschäftigt. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer radikalen Verkürzung der deutschen Geschichte, die sich hauptsächlich auf den Holocaust reduziere. Verbunden mit dieser "Erinnerungsstörung" sei der Verlust der deutschen Nationalgeschichte. Er spricht von einem Erinnern des Einen und dem Vergessen des Vielen. Aus dem deutschen Geschichtsdenken seien die Epochen zwischen der Reformation und der Französischen Revolution verschwunden, ebenso das Mittelalter.[11] Aleida Assmann sieht inzwischen einen Wandel des deutschen Geschichtsbewusstseins, der mit einer Zunahme an Geschichtsbedarf verbunden sei. Gerade die Besinnung auf Situationen der Renaissance und des Barock, wie sie sich in den gegenwärtigen Rekonstruktionen ausdrückt, kann als eine gegenläufige Tendenz zu der von Bohrer diagnostizierten Erinnerungsstörung interpretiert werden.

Fußnoten

10.
Vgl. Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007.
11.
Vgl. Karl Heinz Bohrer, Erinnerungslosigkeit. Ein Defizit der gesellschaftlichen Intelligenz, in: Frankfurter Rundschau vom 16.6.2001, S. 20-21.