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20.4.2010 | Von:
Katja Marek

Rekonstruktion! Warum?

Rekonstruktion der Identität

Bedenkt man, dass die Geschichte im (gesellschaftlichen) Gedächtnis als Teil des öffentlichen Lebens und Bewusstseins gemeinsamer emotionaler Bezugspunkt einer Nation ist, so wird deutlich, warum sich so viele Bürger in die Debatten für oder wider Rekonstruktionen einschalten. Assmann formuliert es als ein Bedürfnis zur Mitgestaltung von Geschichte im Gedächtnis. Die Beteiligung an den entsprechenden Diskussionen und der Zuspruch zu historischen Rekonstruktionen drücken den Wunsch aus, den durch die stetige Modernisierung bedingten ständigen Veränderungen eine Konstante entgegenzusetzen. Architektur als die am meisten öffentliche Kunst ist in besonderem Maß dazu geeignet, Konstantes, konkreter Historisches oder, wenn dieses nicht verfügbar ist, vermeintlich Historisches in Form einer Rekonstruktion im öffentlichen Lebensraum zu erhalten, denn urbane Bausubstanzen sind als "verräumlichte Geschichte" oder als "gebauter Geschichtsspeicher"[12] lesbar.

Architekturen sind Erinnerungsmedien, die emotionale Werte tradieren, die dem kollektiven Kulturgedächtnis angehören. Sie bilden die Grundlage einer kulturellen Gesellschaft und sind notwendige Faktoren, um Identität zu stiften. Identität dient als Konstante, um die sich die notwendigen Grundbedürfnisse Erinnern und Erleben entwickeln lassen. Die "Geschichte und ihre architektonischen und städtebaulichen Momente bilden damit eine wesentliche Dimension, in der eine demokratische Nation ihr Selbstbild konstruiert und sich der eigenen Identität vergewissert"[13] . Das Erinnern ist folglich eine Konstruktion aus verschiedenen Einstellungen gegenüber der Vergangenheit und der erlebten Erfahrung.[14]

"Jede Generation teilt gewisse Grunderfahrungen, Deutungsmuster und Obsessionen, sie verkörpert damit einen jeweils anderen Blick auf die Geschichte."[15] Da aber der Wert einer Architektur und die damit verbundene Erinnerung für die Identität von jeder Generation neu bestätigt werden müsse, führe das bei unterschiedlichen Generationen mit variierenden Vergangenheiten und Erfahrungen zwangsläufig zu verschiedenen Ergebnissen der Erinnerung und Beurteilung eines städtischen Objekts.[16] Aktuelle Wertekonflikte und konträre Denkstile in der Gesellschaft, die sich in den Debatten um ein Für oder Wider der Rekonstruktionen zeigen, können deshalb entlang der Bruchlinien von Generationen verfolgt werden.

Fußnoten

12.
A. Assmann (Anm. 10), S. 113.
13.
Ebd., S. 181.
14.
Vgl. Frederick Bartlett, Remembering. A Study in Experimental and Social Psychology, Cambridge 1950. S. 213f. Zitiert nach (und übersetzt von) Arno Gruen, Symbolik und Identität, in: Hans-Rudolph Meier/Marion Wohlleben (Hrsg.), Bauten und Orte als Träger von Erinnerung. Die Erinnerungsdebatte und die Denkmalpflege, Zürich 2000, S. 25-30, hier S. 25.
15.
A. Assmann (Anm. 10), S. 12.
16.
Vgl. ebd., S. 133.