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20.4.2010 | Von:
Katja Marek

Rekonstruktion! Warum?

Einheitliche Wertebestätigung mit Hilfe der Medien?

Erstaunlich ist, dass trotz verschiedener Generationen mit vermeintlich unterschiedlichen Werten offensichtlich früher oder später eine Einigkeit hinsichtlich einer Rekonstruktion erzielt werden kann: Wurde der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche anfangs heftig diskutiert, gab es nach der Weihe keine lautstarken Gegner mehr. Untersucht man die seit 1996 bis 2005 immer wieder veröffentlichten Meinungsbilder und Umfragen aller überregionalen Tageszeitungen, so lässt sich eindeutig ein Trend ablesen: Die frühen Artikel sind sachlich, dokumentieren die Hochbauarbeiten und werden begleitet von sachlichen Berichten zu Entscheidungen und Veranstaltungen. Daran schließt sich eine kritische und immer hitziger werdende Auseinandersetzung über die Wiederherstellbarkeit historischer Monumente und die Rolle der Denkmalpflege an. Einige weitere Kontroversen ergänzen den kritischen Blick, der, mit Näherrücken der Weihe, durch überschwängliche Berichterstattungen und von Würdigungen der baulichen Leistung ersetzt wurde. Die Rede ist nun vom "Dresdner Wagnis", "schwebenden Wunder", "Traum aus Stein" und "Glücksfall"[17] . Zum Zeitpunkt der Weihe hieß es schließlich: "Empirisch ist festzustellen, dass der Wiederaufbau [...] keine, jedenfalls keine lautstarken Gegner mehr [hat] - im Gegenteil, er ist etwas, was offensichtlich sehr viele, wohl die meisten, die dazu eine Meinung haben, für richtig und notwendig halten."[18]

Dass diese Feststellung anscheinend zutreffend ist, belegt eine Umfrage von 2004[19] , welche die Wahrnehmung des Wiederaufbaus seitens der sächsischen Bevölkerung untersuchte. Nur 8 Prozent der insgesamt 854 Befragten beurteilen den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche als "schlecht". Der Aussage "Eigentlich hat es wenig Sinn, ein einmal zerstörtes Gebäude wie die Frauenkirche wieder aufzubauen" widersprachen 64 Prozent. Die Medienberichterstattung und die Meinungsbildung der Bevölkerung stehen in engem Zusammenhang. War zu Beginn der Widerstand in der Bevölkerung gegenüber dem Rekonstruktionsprojekt der Frauenkirche noch groß[20] , so hat sich dies 2004 - kurz vor ihrer Fertigstellung - komplett gewandelt, wie die Umfrage belegt. Die Medien spiegeln damit offensichtlich die unter der sächsischen Bevölkerung vorherrschende (positive) Meinung gegenüber der Rekonstruktion wider. Es stellt sich in diesem Zusammenhang aber auch die Frage, inwieweit es Medien durch gezielte Berichterstattung gelingen kann, eine ziemlich einheitliche, in dem Fall befürwortende Meinung innerhalb der Bevölkerung zu schaffen. Dass Medien den Wiederaufbau der Frauenkirche gezielt gefördert haben, bestätigen in der oben zitierten Umfrage immerhin 75% der Befragten.

Nach Assmann muss eine Architektur, über deren Rekonstruktion nachgedacht wird, in den verschiedenen, zeitgleich existierenden Generationen in ihrer Wertigkeit bestätigt werden, d.h. sie muss für die Identität eines Großteils der jeweiligen Generation von Bedeutung sein. Medien können auf Grund ihrer Breitenwirkung die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit eines Bauwerks für die eigene Stadtgeschichte, Identität oder das kollektive Miteinander überzeugen. An den Beispielen von Frankfurt und Dresden lassen sich sehr gut mögliche Strategien darstellen:

Unter der Schlagzeile "Die Neue Römerzeile passt auch ins Wohnzimmer"[21] wurde den Zeitungslesern 1983, d.h. im Jahr des Baubeginns der Rekonstruktion der Ostzeile des Römerbergs, eine Bastelvorlage aus Pappe zur Verfügung gestellt. Bis dahin war die historische Zeile aus dem Alltagsleben verschwunden, wurde auf diese Weise wieder ins Gedächtnis gerufen und damit zum Teil des gelebten Alltags. Hatte bis dahin der persönliche Bezug gefehlt, da sie in der individuellen Geschichte und Erinnerung keine Rolle spielte, wurde den Lesern durch dieses Angebot der Medien die Möglichkeit gegeben, eine persönliche Verbindung zur Rekonstruktion aufzubauen, um diese später als für die Identität notwendig bestätigen zu können.

Andere Angebote dieser Art, die medial begleitet werden, sind zum Beispiel Stadtfeste. So fand in Dresden 2006 die 800-Jahr-Feier statt. In deren Rahmen sollte ursprünglich die Weihung der Frauenkirche stattfinden, die Rekonstruktion war aber bereits ein Jahr früher als geplant abgeschlossen. Die Verbindung beider Feiern hätte ein immenses Identifikationspotential gehabt, das sich nun etwas abgeschwächt dennoch bot: Die Frauenkirche und insbesondere der gelungene Wiederaufbau wurden im Festumzug entsprechend gewürdigt; von den Hunderttausenden Zuschauern konnten wichtige Stationen ihrer Geschichte - Modell für die geplante Barockkirche - Originalbau - Zerstörung - Rekonstruktion nachvollzogen werden, alles vor der Kulisse des nun erfolgten Wiederaufbaus. Den Generationen, welche die Frauenkirche nicht mehr im Original kennen, wurde so die Möglichkeit zur Identifikation gegeben - solche Aktionen schaffen persönliche Erinnerungspunkte, die eine Wertebestätigung der Objekte ermöglichen.

Diese Form der Angebote und entsprechende Berichterstattungen lassen es denkbar erscheinen, dass der Wunsch vieler Bürger nach rekonstruierter Architektur als Teil des realen Alltags wächst. Medien erzeugen Visionen und Wunschbilder, die in gebaute Realitäten, Rekonstruktionen, gipfeln können.

Fußnoten

17.
Dankwart Guratzsch, Dresdner Wagnis, in: Welt online vom 28.10.2005, online: www.welt.de/data/2005/10/28/795120.html (23.3.2010); ders., Schwebendes Wunder, in: WamS online vom 30.10.2005, online: www.wams.de/data/2005/10/30/792645.html (17.10.2006); Bernhard Honnigfort, Traum aus Stein, in: FR online vom 30.10.2005, online: www.fr-online.de/in_und_ausland/
politik/zeitgeschichte/60_jahre_nach_
kriegsende/die_dresdner_frauenkirche/?em_cnt=747823& (23.3.2010); Gerhard Matzig, Glücksfall Frauenkirche, in: SZ online vom 31.10.2005, online: www.sueddeutsche.de/politik/371/
402152/text/ (23.3.2010).
18.
Jürgen Paul, Die Frauenkirche und der Umgang mit historischen Baudenkmälern, in: Die Dresdner Frauenkirche. Geschichte ihres Wiederaufbaus, Dresdner Hefte, 71 (2002), S. 16-25, hier S. 16.
19.
Vgl. Lehrstuhl für Methoden der Empirischen Sozialforschung TU Dresden, Ausgewählte Ergebnisse der Umfrage zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Telefonische Umfrage, WS 2003/04, online: http://web.archive.org/web/
20040926043710/http://www.tu-
dresden.de/phfis/methoden/forschung/
fk_auswert.htm (23.3.2010).
20.
Vgl. Ludwig Güttler/Hans Joachim Jäger, Die Bürgerinitiative für den Aufbau der Frauenkirche zu Dresden. Bericht über die ersten Zusammenkünfte bis zur Veröffentlichung des Appells "Ruf aus Dresden - 13. Februar 1990" am 12. Februar 1990 im Hotel Bellevue Dresden, in: Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden e.V. (Hrsg.), Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und zu ihrem archäologischen Wiederaufbau, Bd. 7, Weimar 2001, S. 195-211.
21.
Vgl. Tagespresse vom 25.10.1983, Stadtarchiv Frankfurt/M., S 3 Sammlung Dokumentation Ortsgeschichte Römerberg: Ostzeile Wiederaufbau 1981-83, S3/F 16.014.