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20.4.2010 | Von:
Michael Zinganel

Auf Angst gebaut

Kontrollgesellschaft im Wandel

Der Philosoph Michel Foucault bediente sich in seiner Analyse dieser Kontrollgesellschaft einer bildmächtigen Metapher: Ihr Prinzip, "das alles durchziehende Kerkergewebe der Gesellschaft", repräsentiere sich ihm zufolge paradigmatisch im Panopticon, jenem 1787 von Jeremy Bentham entworfenen Modell eines idealen Gefängnisses, in dem sich in einem kreisförmigen Gebäude einsichtige Zellen radial um einen uneinsichtigen zentralen Überwachungsturm anordnen. Den Gefangenen soll bewusst gemacht werden, dass sie immer gesehen werden ohne ihrerseits ihre Überwacher sehen zu können. Dadurch würde "das automatische Funktionieren der Macht sichergestellt". Die Macht würde automatisiert und entindividualisiert, die Überwachung von der Architektur selbst übernommen.[1]

Das Individuum durchläuft heute aber die großen Kontrollmilieus der Gesellschaft nicht mehr allein in chronologischer Reihenfolge als Teil seiner Lebensbiografie, zuerst als Kind "eingeschlossen" in der eigenen Familie, dann in der Schule, auf der Universität, beim Militär, in der Fabrik, im Krankenhaus usw., wie sie sich Foucault vorgestellt hatte, sondern es wechselt täglich zwischen den unterschiedlichsten Kontrollmilieus, die zunehmend von privaten Unternehmen verwaltet werden,[2] und deren Zugang daher vorrangig nach ökonomischen Regulativen organisiert wird.

Die zunehmende Privatisierung der vormals öffentlichen Räume und ihre Bewirtschaftung haben zu einer Segmentierung der Territorien und ihrer Kontrolle geführt. Aber auch das Individuum selbst sieht sich zunehmend mit der eigenen fragmentierten Identität konfrontiert. Patchwork-Familie und patchwork-Einkommen werden seine Existenz in der deregulierten Wirtschaft in zunehmendem Maße kennzeichnen.

Gleichzeitig wurden in den westlichen Ländern generalisierte und konsensfähige Werteordnungen für alle von unzähligen Subkulturen abgelöst. Was früher als exzentrisches oder auffälliges Verhalten misstrauisch beobachtet und mitunter als Überschreitung geahndet wurde, wird heute womöglich als Freizeittrend für kaufkräftige Schichten vermarktet. Wie die Marketingkonzepte der Unternehmen wird auch das Handeln der Ordnungsmacht reorganisiert: "In der Kontrollgesellschaft begegnet der Staat dem Niedergang einer universalen Moral daher mit einer ,Entmoralisierung' der Kontrolle. Die Ideen der Resozialisierung, der Besserung und der Behandlung verlieren ihr Gewicht und werden durch das ,moralferne' technokratische Konzept der Sicherheit ersetzt."[3] Paradigmatisch für diese Entwicklung ist die hohe Akzeptanz einer geradezu flächendeckenden Ausbreitung der Videoüberwachung.

"Die alles durchdringende und zunehmend technisch vermittelte Überwachung bezieht sich in instrumenteller Reinheit auf die Interessen der jeweiligen Raumbesitzer. Anstelle des von Foucault beschworenen alles durchziehende Kerkergewebe der Gesellschaft stellt sich das neue Bild als Bienenstock verschiedenster Kontrollräume der unterschiedlichen privaten Regierungen dar, ,du kannst tun was du möchtest, aber tue es in dem dafür vorgesehenen Raum in der dafür vorgesehenen Weise - das gewährt dir Sicherheit vor uns und uns Sicherheit vor dir'."[4]

Der Bedarf nach "Sicherheiten" geht aber auch von den Subjekten selbst aus. Und die Akzeptanz für Überwachung und Kontrolle steigt mit dem Maß anderer sozialer Verunsicherungen, wie sie vor allem in signifikanten gesellschaftlichen Umbruchsphasen zu Tage treten: Das betrifft nun auch uns. Denn seit den vergangenen Jahrzehnten kündigt sich in den von Globalisierung, Deindustrialisierung und Flexibilisierung sowie von neuen Migrationsströmen gekennzeichneten spätmodernen Gesellschaften eine "Prekarisierung" der Lebensumstände an, die breite Teile der Bevölkerung erfassen wird und diese daher auch für Verunsicherungen aller Art in besonderem Maße anfällig macht.

Die englische Sprache hält drei semantisch klar differenzierte Begriffe bereit, um diese sich gegenseitig verstärkenden Formen der Verunsicherung zu beschreiben: "Security", "Certainty" und "Safety". Zygmunt Bauman beschreibt den Zusammenhang einer zunehmenden sozialen Unsicherheit, einer schwindenden Verlässlichkeit bezüglich existenz- und familiensichernder Erwerbspositionen und einer Angst vor Kriminalität, die eine erhöhte Erwartungshaltung gegenüber dem Staat produzieren, die dieser nicht mehr einzulösen im Stande ist. Die Akteure reagieren daher in zunehmendem Maße frustriert mit sozialen und räumlichen Rückzugs- und Einschlussstrategien ins Private, in die jeweilige eigene Subkultur, in den eigenen Stadtteil.[5]

Zum anderen war und ist "Sicherheit" seit jeher auch immer ein zur Schau gestelltes Statussymbol jener, die sie sich leisten konnten. So entstand auf Basis unterschiedlichster diffuser "Verunsicherungen" ein äußerst veritabler ausdifferenzierter Markt an ebenso diffusen "Sicherheitsversprechen": Besonders produktiv sollte sich dabei die Erfindung des volatilen Begriffs der gefühlten, subjektiven Sicherheit in den frühen 1980er Jahren erweisen, der zur Instrumentalisierung durch die neoliberale Sicherheits- und Wirtschaftspolitik geradezu einlud. Nutznießer dieser "Verunsicherungen" sind daher nicht nur die Massen-Presse, die Polizei und populistische Politiker, sondern vor allem auch eine boomende private Sicherheits- und Versicherungsindustrie.[6] Aber auch für Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner eröffneten sich neue Arbeitsmöglichkeiten, auch wenn sie das nur ungern eingestehen wollen. Denn sie begeben sich dabei in problematische Allianzen mit den oben genannten Berufsgruppen, die ihre spezifischen Ansprüche an einen "sicheren" öffentlichen Raum in Bauordnungen und technische Normen zu implementieren versuchen, die zunehmend einer internationalen Angleichung unterzogen werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Frankfurt/M. 1977.
2.
Vgl. Michael Lindenberg/Henning Schmidt-Semisch, Sanktionsverzicht statt Herrschaftsverlust, in: Kriminologisches Journal, 27 (1995) 1, S. 2-17.
3.
Ebd.
4.
Ebd.
5.
Vgl. Zygmunt Bauman, Die Krise der Politik. Fluch und Chance einer neuen Öffentlichkeit, Hamburg 2000, S. 13f., 30ff.
6.
Vgl. Fritz Sack/Michael Zinganel, Maximum Security. Zur Konstruktion von Bedrohung, in: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) (Hrsg.), Revisting Home. Wohnen als Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft, Berlin 2006, S. 40-69.