APUZ Dossier Bild

20.4.2010 | Von:
Michael Zinganel

Auf Angst gebaut

Von der Prävention zum New Urbanism

Tatsächlich hat sich in den USA und in Großbritannien die Verbrechensprävention im Bauwesen schon früh sowohl als akademisches Forschungsgebiet als auch als praktische Planungsaufgabe etabliert: Crime Prevention Through Environmental Design (CPTED) versteht sich ursprünglich als Gegenstrategie zur traditionellen Befestigungsarchitektur.[7]

Sie basiert auf der Kritik der modernen Massenwohnquartiere und der von Anonymität und zunehmender Kriminalität gekennzeichneten Großstadt.[8] Im Gegensatz dazu setzt sie vor allem auf die Verbesserung der sozialen (Selbst-)Kontrolle der Bewohner und Nutzer in kleinen überschaubaren und abgegrenzten Einheiten, in denen die halböffentlichen Räume bestenfalls belebt, jedenfalls aber permanent einsichtig und gut ausleuchtet sind.[9] Fremde sollen hier sofort als Eindringlinge erkennbar sein. Die Ansiedlung Gleichgesinnter soll die Gemeinschaftsbildung stärken und die gestalterische Aufwertung deren Identifizierung mit der Nachbarschaft.[10]

Die Immobilienwirtschaft übernahm diese Anregungen mit Begeisterung. Sie kombinierte allerdings die Strategien der situativen Prävention mit konventionellen Befestigungs- und Ausschlusstechniken. Es entstand ein regelrechter Boom an neu errichteten "sicheren" Wohnanlagen, in der Regel Einfamilien- oder Reihenhaussiedlungen, die durch die Höhe des Kaufpreises sowie die distinktiven Freizeitangebote und das Design eine gewisse Homogenität der Bewohnerschaft garantierten, und die nach außen durch Zäune, Mauern und private Wachdienste festungsartig abgeschirmt waren. Als Voraussetzung für den Erfolg dieser gated communities musste die konsequente Diabolisierung gefährlicher Subjekte, Gruppen oder ganzer Stadtteile weiter vorangetrieben werden. Auf diese Weise wurde die Flucht des Mittelstandes aus den Innenstädten beschleunigt und ein fragmentiertes Patchwork aus Hochsicherheitstrakten und Ghettos zurückgelassen - bis auch dieses einer "sicheren" Restrukturierung unterzogen wurde.

Oscar Newman, der bereits 1972 den Begriff des "defensible space"[11] geprägt und damit die wissenschaftlichen Grundlagen für den New Urbanism gelegt hat, muss daher rückwirkend wohl als einflussreichster Theoretiker der Stadtplanung in den USA betrachtet werden. In jeden Fall aber gilt er als Pionier der situativen Prävention. Und seine Arbeit hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich Sicherheitsaspekte - zuerst in den USA und in Großbritannien - zunehmend zu integralen Bestandteilen des architektonischen Entwurfprozesses entwickelt haben. Auch in Deutschland veranstaltete das Bundeskriminalamt bereits 1979 einen ersten Kongress zu Städtebau und Kriminalität.[12] Und seit 2005 bietet das Bundeskriminalamt eine Planungsmappe für Befestigungstechniken und situative Prävention sowie Schulungskurse für Planer an.

Fußnoten

7.
Vgl. C. Ray Jeffery, Crime Prevention Through Environmental Design. Beverly Hills/CA 1971.
8.
Vgl. Jane Jacobs, Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Berlin 1963.
9.
Vgl. Oscar Newman, Defensible Space. People and Design in the Violent City, New York 1972.
10.
Vgl. Barry Poyner, Design against Crime. Beyond Defensible Space, London 1983.
11.
O. Newman (Anm. 9).
12.
Vgl. Edwin Kube (Hrsg.), Städtebau und Kriminalität. Internationales Symposium im Bundeskriminalamt, Wiesbaden 1979.