APUZ Dossier Bild

20.4.2010 | Von:
Michael Zinganel

Auf Angst gebaut

Re-Militarisierung der Städte

Nicht nur Wohnanlagen sondern vielmehr auch die riesigen Büroanlagen, Shopping Malls und Freizeitparks, die immer größere Anteile des vormals öffentlichen Raums der Stadt einnehmen, verschließen sich zusehends. Es ist aber keineswegs ein Privileg der privaten Immobilienentwickler und ihrer Sicherheitsdienste, eine Re-Militarisierung der Städte voranzutreiben und immer smarter werdende Ausschlusstechniken für Unerwünschte zu entwickeln. Auch die Staatsmacht selbst ist daran beteiligt. Im Folgenden werden in chronologischer Reihenfolge drei Beispiele angeführt, wie aufgrund jeweils unterschiedlicher Gefahrenszenarien präventive Maßnahmen gegen Unerwünschte gesetzt und dabei vergangen geglaubte Strategien wiedererweckt werden:

Wien nach 1848:
Die Wiener Rindstrasse, ein breiter prächtiger Boulevard an dem sich weiträumige Parks, Repräsentationsbauten der konstitutionellen Monarchie und der aufgeklärten Kultur wie das Parlament, das Rathaus, Theater, Museen und die Universität sowie die Wohnpaläste des neuen bürgerlichen Establishments aneinander reihen, stellt unzweifelhaft eine der signifikantesten topographischen Zäsuren im Stadtbild gewachsener europäischer Großstädte dar. Die alten 1641 bis 1672 errichteten Bastionen und das sie umgebene bis zu 350 Meter breite unbebaute Glacis, die einst die Stadt gegen Angriffe von außen (z.B. gegen die Türken) geschützt hatte, sollten nun die Voraussetzung bilden, Maßnahmen zu schaffen, um auch gegen die neuen Feinde von innen erfolgreich vorzugehen.

Denn der Bau der Ringstrasse war nicht nur vom bürgerlichen Repräsentationsbedarf, sondern vor allem auch von militärstrategischen Erwägungen geleitet. Nach der Revolution von 1848 suchte das Militär seine Maßnahmen gegen zukünftige Volksaufstände zu verbessern. Um die Implementierung ihrer Forderungen zu garantieren, wurden Offiziere in die Vorbereitung und Entscheidung des Wettbewerbes zur Neugestaltung der Ringstrasse eingebunden. Den Kern ihrer Strategie bildete ein "Festungsdreieck",[13] bestehend aus zwei riesigen Defensivkasernen an den jeweiligen Enden der Ringstraße am Donaukanal. Die Waffenlager in der Innenstadt, die im Revolutionsjahr dem "inneren Feind" in die Hände gefallen waren, wurden zu einem großen zentralen Arsenal (1849-1855), zusammen gefasst, das nunmehr die Spitze des Festungsdreiecks bildete und mit seiner modernen Artillerie bis ins Zentrum reichte. Auch das äußere Burgtor sollte bewaffnet und jeweils auf halbem Wege zu den Defensivkasernen zwei zusätzliche Wachthäuser errichtet werden, um die Sichtbeziehung zwischen den einzelnen militärischen Anlagen rund um den Ring zu garantieren. Der gesamte Boulevard hätte so unter Feuer genommen werden können, sollten "aufrührerische Volksmassen aus den Vorstädten" in die Innenstadt einzudringen versuchen. Wie in Paris entsprach auch hier Fahrbahnbreite des Boulevards der Breite der eines geordnet aufmarschierenden Bataillons. Die beidseitig parallel geführten Reitalleen sollten das Vordringen der Kavallerie erleichtern.

London nach 1992:
In London sind die Grenzziehungen zwischen historischer Innenstadt und deren Vorstädten bei weitem nicht so signifikant wie in Wien. Die alte City ist aber ebenso wie in Wien Ziel des Städte-Tourismus, teuerste Konsumzone und eines der weltweit bedeutendsten Finanzzentren.

Im April 1992 hatte nun genau dort eine Lastwagenbombe der IRA zwei Büroblöcke in Stücke gerissen: das Baltic Exchange, in dem der weltweit führende Markt für den Schiffshandel angesiedelt war, sowie das Gebäude der Commercial Union. Zwar richtete sich der Krieg der IRA gegen die britische Krone und die staatlichen Institutionen, doch mit diesem Angriff traf er tatsächlich die Achillessferse der britischen Metropole: vor allem internationale Finanzdienstleistungsunternehmen fühlten sich besonders von der Anschlagserie betroffen. Nachdem diese der City of London drohten, in andere Metropolen abzuwandern, falls ihre Sicherheit nicht garantiert werden könne, musste umgehend reagiert werden. Nun ging es nicht mehr allein um den symbolischen Schaden der angegriffenen Institutionen in einem aus den engen Grenzen ausbrechenden Bürgerkrieg, sondern Londons Status als Wirtschaftsstandort, als global city, schien plötzlich auf dem Spiel zu stehen - und damit die Wirtschaft der gesamten Nation.

Der Financial District in der City of London musste daher zu einer Hochsicherheitszone ausgebaut werden, in der neben verbesserten Fortifikationstechniken der einzelnen Bauten und einer umfassenden Videoüberwachung der völligen Neuordnung des Verkehrssystems der City eine bedeutende Rolle zukam. Die Anzahl der Zufahrtsstraßen (und später auch die der Ausfahrtsstraßen) wurde auf nur sieben reduziert, die alle mit Kontrollposten ausgestattet wurden, an denen jeweils zwei Videoüberwachungskameras sowohl die Kennzeichen der einfahrenden Autos als auch die Gesichter ihrer Fahrer aufnehmen und mit Dateien aus dem Polizeicomputer vergleichen können.[14]

Genua 2001:
Keineswegs Sitz der Spitzen des internationalen Kapitals, wurde Genua im Juli 2001 Opfer des Repräsentationsdrucks im Städtewettbewerb, nachdem Silvio Berlusconi die Idee hatte, sich selbst und die aktuelle Gentrifizierung der Hafenstadt durch ein Treffen der Allermächtigsten weltweit mediengerecht vorzustellen - in einem Mega-Event, dessen außergewöhnliche Inszenierung schlussendlich außer Kontrolle zu geraten schien.

Der Hafen und die engen Gassen der Altstadt wurden für die Dauer des Gipfels als Hochsicherheitszone ausgewiesen, gänzlich geräumt und systematisch abgeriegelt. Während die Wirtschaftskapitäne und Regierungschefs der acht mächtigsten Staaten der Welt auf eigens angemieteten (Kreuzfahrt-)Schiffen im Hafen konferierten, wurden private Boote verbannt und mussten sich während des Gipfels einen anderen Ankerplatz suchen. 30.000 Bewohner der Altstadt wurden überprüft und registriert. Niemand durfte die zona rossa ohne Sondergenehmigung betreten. Die Zugangsstraßen und Gässchen zur Altstadt wurden mit über zwei Meter hohen Stahlgittern abgeriegelt. Und dort, wo der Platz es zuließ, wie beispielsweise am Hafen, wurden sogar Trennwände aus übereinander geschichteten Containern errichtet, als ginge es darum, die mittelalterliche Stadtmauer wieder aufzubauen. Anlässlich des G8-Gipfels wurde für wenige Tage tatsächlich ein Ring of Steel errichtet, der die rote Hochsicherheitszone von der gelben Gefahrenzone abgrenzen sollte.

Die potentiellen Feinde waren hier weder aufrührerische proletarische Massen wie im kaiserlichen Wien noch Terroristen wie in London, sondern rund 200.000, inzwischen weltweit organisierte Kritiker der Politik der westlichen Wirtschaftsmächte.

Fußnoten

13.
Vgl. Kurt Mollik/Hermann Reining/Rudolf Wurzer, Planung und Verwirklichung der Wiener Ringstraßenzone, in: Renate Wagner-Rieger (Hrsg.), Die Wiener Ringstraße. Bild einer Epoche, Wiesbaden 1980, S. 164.
14.
Vgl. Jon Coaffee, Fortification, Fragmentation, and the Threat of Terrorism in the City of London in the 1990s, in: John R. Gold/Georg Revill (eds.), Landscapes of Defence, London 2000, S. 114-129.