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20.4.2010 | Von:
Michael Zinganel

Auf Angst gebaut

Relativierung

Das Individuum findet sich daher in seinem Alltag zunehmend in einem Kontinuum wechselnder Kontrollmilieus wieder, die sich mehr oder weniger hermetisch voreinander abzuschließen imstande sind: Kritiker zeichnen sogar ein dystopisches Bild der Stadt aus privatisierten und privat verwalteten und bewachten Zonen des Konsums, aus Business-Bunkern und gated communities, in deren verbliebenen Zwischenräumen die staatlichen Kontrollinstanzen gegen potentielle Übergriffe patrouillieren.[15]

Diese sozialräumlichen Verinselungen sind aber keineswegs so hermetisch, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Denn Arbeitsort, Schule oder Konsum- und Freizeiteinrichtungen lassen sich nur durch die Überschreitung ihrer Grenzen erreichen. Darüber hinaus wird der dem angestrebten Milieu und Status angepasste Lebensstil durch eine Vielzahl an Dienstleistungen ermöglicht. Interessant, dass dabei gerade Subjekte aus jenen sozial niedrigen Milieus, die bislang als bedrohlich galten, in die geschützten Bereiche der Wohlhabenden eingeladen werden.

Und so kommt es tatsächlich tagtäglich zu einer Durchlässigkeit der Grenzen durch die Vielzahl von Grenzüberschreitungen, wenn beispielsweise Kindermädchen, Reinigungs- und Sicherheitspersonal aus den ärmeren Stadtteilen die Haushalte und Arbeitsstätten von Wohlhabenden aufsuchen. Besonders signifikant zeigt sich diese Überschreitung, wenn die Nachtschichten in den großen Krankenanstalten und Altenheimen beginnen, und der ohnehin große Anteil an Pflegepersonal mit migrantischem Hintergrund noch weiter anwächst - als würde über Nacht die gesamte Pflege des erkrankten oder überalterten Mittelstandes allein in die Hände von Zuwanderinnen und Zuwanderern gelegt werden.

Zudem suchen auch im urbanen Alltag in Mitteleuropa viele der behütet aufgewachsenen und gebildeten Mittelschicht in ihrer Freizeit in zunehmendem Maße gerne Areale auf, die von heterogenen sozialen Gruppen frequentiert werden, oder die zumindest eine gesicherte Aussicht auf andere "interessantere" soziale Milieus ermöglichen. Es zeigt sich sogar, dass Städte im regionalen und internationalen Wettbewerb Zonen authentischer urbaner Kultur aufweisen müssen, an denen sie ihre "Toleranz" gegenüber unterschiedlichen sozialen Randgruppen offensiv zur Schau stellen. Die hochmobilen kreativen Milieus suchen geradezu nach solchen Zonen, wie sie sich beispielsweise in der Nähe disfunktionalisierter urbaner Brachen und informeller migrantisch geprägter Märkte entwickeln. Die Präsenz sozialer Gruppen, die für die Einen der Anlassfall der Aus- und Abgrenzung sind, kann für die Anderen zum unerlässlichen Attraktor werden.

Aber auch selbst Tatorte realer Verbrechen, Orte politischer Konflikte, vormals oder aktuell gefährliche Zonen der Stadt lassen sich zu touristischen Attraktionen für "Authentizität" suchende Stadttouristen umwerten. Wiederum ist es gerade der gebildete Mittelstand, der abseits der ausgetretenen Pfade der Tourismusindustrie, die wahren Mythen der Stadt zu erfahren sucht, herumstreifend wie ein Stadtforscher, auf der Suche nach den Anderen, den Ausgeschlossenen, an deren Scharfblick er - in seinen Imaginationen - zu partizipieren versucht.

Ironischerweise wirkt die zunehmende Implementierung von Sicherheitsstrategien in Architektur und Stadtplanung gleichzeitig in einander völlig entgegen gesetzten Formen auf die Entwicklung des Gemeinwesens: zum Einen wird die erhöhte Selbsteinschließung und Abschottung von Individuen und Gruppen unterstützt. Das schwächt das Gemeinwesen und überlässt den öffentlichen Raum gefährlichen Randgruppen. Zum Anderen sind diese Rückzugsmöglichkeit und die Sicherheit in der Integrität des geschützten Privatraums die Voraussetzung, dass sich die Individuen überhaupt "gestärkt", gefestigt und entsprechend selbstsicher in die halböffentlichen und öffentlichen Räume der Stadt wagen.

Aber auch die Selbstverschließung kann gegensätzliche Wirkungen nach sich ziehen: sie kann zur völligen Vereinzelung der Akteure führen. Sie kann aber auch dazu beitragen, kleine übersichtliche soziale Gemeinschaften oder Subkulturen zu produzieren, deren spezifische Identität stiftenden Kulturen, Zeichen und Rituale wiederum bei anderen Akteuren auf erhöhtes Interesse stoßen. Was also einmal ein, aus- oder abgeschlossen war, kann so neue Begehrlichkeiten produzieren ...

Fußnoten

15.
Vgl. Mike Davis, City of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles, Berlin 1994.