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4.3.2010 | Von:
Wolfgang Templin

Das unselige Ende der DDR - Essay

Satrapie und Fußnote der Geschichte

Zeithistoriker und Publizisten, die den Unterdrückungs- und Zwangscharakter des zweiten deutschen Staates von Beginn an herausarbeiten, stehen mit ihren Arbeiten nostalgiegeladenen und verharmlosenden Darstellungen gegenüber. So wichtig es ist, die deutsch-deutsche Teilungssituation letztendlich als Konfrontation von Diktatur und Demokratie zu verstehen und die DDR nicht als gut gemeinten Aufbruch zu sehen, der in den Frösten des Kalten Krieges erstarrte: Die Trilogie von Mauer, Schießbefehl und Stacheldraht reicht zur Erklärung einer vierzigjährigen komplexen Geschichte nicht aus. Hans-Ulrich Wehler reduziert in seiner monumentalen deutsch-deutschen Geschichte die ostdeutsche Seite auf ein sowjetisches Okkupationsregime, eine "Satrapie", die zur welthistorischen Fußnote der Geschichte einschnurrt.[5] Damit verkürzt er den Eigenanteil der deutschen Kommunisten um Walter Ulbricht an der Installierung der Machtverhältnisse und der Gesellschaftswerdung der DDR. Vor allem kann er nicht die Faszination der Jahrhundertidee Kommunismus und die Mobilisierungs- und Bindekräfte des damit verbundenen gesellschaftlichen Großexperiments erklären - Bindekräfte, die nicht nur als Nostalgie und Phantomschmerz über den Untergang der DDR hinausreichen. Eine Gesellschafts- und Alltagsgeschichte des zweiten deutschen Staates, die man bei Wehler vermisst, muss nichts von dessen Unterdrückungscharakter relativieren, sondern kann die "heile Welt der Diktatur" jenseits der klassischen Repressionsinstitutionen ausleuchten.

Jüngere Zeithistoriker ostdeutscher Sozialisation wie etwa Ilko-Sascha Kowalczuk mit seiner fulminanten Arbeit zur Vorgeschichte und Geschichte der friedlichen Revolution[6] und Stefan Wolle mit seinen eindringlichen Alltagsanalysen der Honecker-DDR[7] haben dies überzeugend unter Beweis gestellt. In der über sechshundertseitigen, glänzend geschriebenen Analyse Kowalczuks nimmt das Panorama der späten DDR weit über die Hälfte ein. Stagnation und Zerfall, ökonomischer, sozialer und ökologischer Zerfall werden ebenso eindringlich beschrieben wie die Parallel- und Gegenwelten der sich formierenden Opposition. Zwischen einer trotz wachsendem Niedergang und Perestroika-Signalen aus Moskau weiter stabilen und funktionsbereiten Herrschaftselite und einer übergroßen Bevölkerungsmehrheit, die bis zum vorletzten Moment stillhielt, war diese Opposition zur absoluten Minorität verurteilt. In den Höhepunkten des Herbstes 1989 wuchs ihr eine Bedeutung zu, die sie im letzten Jahr der DDR erneut mit der Randsituation einer Minorität vertauschte. Dennoch bedeutete dies keine Niederlage, denn das Wichtigste war gewonnen.

Fußnoten

5.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 5: Bundesrepublik und DDR 1949 - 1990, München 2008.
6.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009.
7.
Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971 - 1989, Berlin 1998.

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