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4.3.2010 | Von:
Wolfgang Templin

Das unselige Ende der DDR - Essay

Dimensionen einer Revolution

Oft werden die Oppositionellen der 1980er Jahre und die weit zahlreicheren Akteure der erfolgreichen friedlichen Herbstrevolution im Lichte einer nachfolgenden tragischen Niederlage dargestellt. Als Politamateure seien sie den Profis in Ost und West nicht gewachsen gewesen. Bereits am Runden Tisch zerstritten, hätten sie die Wähler mit utopischen und unausgereiften politischen Konzepten nicht erreicht und seien mit dem Ausgang der Wahlen in der politischen Marginalisierung verschwunden.

An diesem Bild mögen einzelne Punkte stimmen, nicht aber die Gesamtsicht. Der großen Mehrzahl der vorangehenden Oppositionellen und der dazustoßenden Akteure ging es nicht darum, die Macht für sich zu erringen, sondern ein Tor aufzustoßen, das von der abgeschotteten, geschlossenen Gesellschaft in einen neuen, offenen Raum führte. Wer sich in diesem Raum des politischen Pluralismus und der damit verbundenen Konkurrenzen für die unmittelbare Machtteilhabe entschied, versuchte dies in den neuen oder gewendeten Parteien. Viele andere Beteiligte suchten und fanden ihren Platz in den Initiativen und Organisationen einer aktiven Zivilgesellschaft. Sie gehörten zum subjektiven Potential einer DDR-Gesellschaft, das nicht mit dem oder im System wuchs, sondern im Widerstand dagegen, das DDR-geprägt war und das diktatorische System überdauerte. So weit die Meinungen über Erfolge, Defizite und Hürden des Vereinigungsprozesses in diesen Kreisen auch auseinandergehen, entscheidend bleibt der gemeinsam erkämpfte Freiheitsgewinn.

Im Bewusstsein, auf ihre Weise zum glücklichen Ausgang des kurzen 20. Jahrhunderts beigetragen zu haben, halten die meisten Beteiligten von 1989/90 an der Vorstellung von der Befreiungsrevolution fest - als Teil einer Kette von Befreiungsrevolutionen, in welcher für die DDR die Mauer fiel und für die Länder des Ostblocks der Eiserne Vorhang. Aktuelle Nachbarschaftsinitiativen mit diesen Ländern, gemeinsame Anstrengungen der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit und gegen neue totalitäre Versuchungen tragen häufig die Handschrift zivilgesellschaftlicher Akteure, deren Biographien von 1989/90 geprägt sind.


Dossier

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