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4.3.2010 | Von:
Martin Sabrow

Der vergessene "Dritte Weg"

Sozialistische Erneuerung

Auch eine entschlossen teleologische Deutung der friedlichen Revolution kann nicht die Kluft zwischen der kaum mehr als zweitausend mutige Köpfe umfassenden Bürgerrechtsbewegung und der Millionen zählenden Volksbewegung ignorieren, die sich vor allem über die Montagsdemonstrationen und die anschwellende Ausreiserwelle entfaltete und im Mauerdurchbruch ein Ventil für das unterdrückte Bedürfnis nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und Wohlstand fand. Hier behilft sich die erfolgsgeschichtliche Revolutionserzählung mit einer Denkfigur, die den sich aufdrängenden Gegensatz zwischen den "Oppositionellen, die im Land etwas verändern wollten", und den "Hoffnungslosen, die nur noch wegwollten", mit einer Unterscheidung zwischen empirischem und eigentlichem Geschehen zum Verschwinden bringt: "Beide Gruppen pochten auf die Einhaltung der Menschenrechte, die einen wollten sie erkämpfen, die anderen sie sofort haben. Beide Ansätze waren legitim. Öffentlich einräumen konnten beide Seiten aber nicht, dass sie eigentlich auf der gleichen Seite der Barrikade standen."[6]

Gegen die glättende Sicht der Zeitzeugen, die in ihrer Unterscheidung zwischen subjektivem und objektivem Wollen[7] die Akteure des Umbruchs zu Werkzeugen des historischen Fortschritts entmündigt, steht freilich die Aussage der Zeitzeugnisse. Beobachter der radikalen Veränderungen und der von ihnen ausgelösten Aufbruchsstimmung zeigten sich Ende 1989 vielfach ganz selbstverständlich davon überzeugt, dass die Erneuerung auf eine "sozialistisch inspirierte Alternative zur Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik" ziele,[8] die Stalinismus und Thatcherismus gleichermaßen hinter sich lassen wolle.[9] Dieser Eindruck deckt sich mit zahllosen regimekritischen Verlautbarungen des Herbstes. "Es geht nicht um Reformen, die den Sozialismus abschaffen, sondern um Reformen, die ihn weiterhin in diesem Lande möglich machen", deklarierte die Resolution der Künstler vom 18. September 1989[10] und drückte aus, was den oppositionellen Aufbruch in der DDR insgesamt beseelte: "Niemand forderte das Ende des Sozialismus, keiner dachte an das Ende vom Sozialismus."[11] Es steht außer Frage, dass sich die regimekritische Bewegung der 1980er Jahre in der DDR "an einem alternativen Sozialismus, nicht aber an einer Alternative zum Sozialismus" orientierte.[12]

Einschränkungen gelten am ehesten noch für die sozialdemokratische Neugründung SDP, die eine an die Tradition von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit anknüpfende Alternative für "unser Land" engagieren wollte.[13] Ein Bekenntnis zur sozialistischen Zukunft legte dagegen der Appell "Für eine vereinigte Linke in der DDR" vom September 1989 ab, der sich "an alle politischen Kräfte" richtete, "die für einen demokratischen und freiheitlichen Sozialismus eintreten".[14] Auf anderer weltanschaulicher Basis hielt auch der "Aufruf zur Einmischung in eigener Sache" der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" an einer sozialistischen Zukunft fest: "Was die sozialistische Arbeiterbewegung an sozialer Gerechtigkeit und solidarischer Gesellschaftlichkeit angestrebt hat, steht auf dem Spiel. Der Sozialismus muß nun seine eigentliche, demokratische Gestalt finden, wenn er nicht geschichtlich verloren gehen soll."[15] Auch der "Demokratische Aufbruch" stellte Ende Oktober 1989 den "Demokratischen Sozialismus" als Orientierungsnorm heraus: "Die kritische Haltung des Demokratischen Aufbruchs (DA) zum real-existierenden Sozialismus bedeutet keine Absage an die Vision einer sozialistischen Gesellschaftsordnung."[16] Nicht anders warnte der Aufruf zur Gründung einer Grünen Partei in der DDR im November davor, dass die "Erneuerungsbewegung (...) eine Gesellschaft der Ellbogenfreiheit, der Verschwendung und Wegwerfmentalität entstehen läßt".[17]

Die Erosion des diktatorischen Machtgebäudes nährte unter Oppositionellen wie SED-Reformern die Hoffnung, dass "der Untergang des dogmatischen und bürokratischen Sozialismus und der Anfang des wahren, des schöpferischen Sozialismus" erst bevorstehe.[18] Die Demonstration "der Kunst- und Theaterschaffenden" am 4. November auf dem Alexanderplatz mobilisierte Hunderttausende und wurde zur massenwirksamsten Manifestation eines "verbesserlichen" Sozialismus in der Geschichte der DDR. Gemeinsam bekannten sich 22 kritische Intellektuelle und führende SED-Funktionäre von einer zur Rednertribüne umgestalteten Lastwagenpritsche hinweg zum Geist der Erneuerung, den am eindrucksvollsten Stefan Heym formulierte: "Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, (...) den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit." Die Zukunft sei der "Sozialismus, nicht der Stalinsche, der richtige, den wir endlich erbauen wollen zu unserem Nutzen und zum Nutzen von ganz Deutschland".[19] In der Menschenmenge standen Basisdemokraten neben reformwilligen SED-Mitgliedern, die von der Vorstellung beseelt waren, dass "wir es in der DDR selbst schaffen würden, Gesellschaft und politische Ordnung eigenverantwortlich umzugestalten".[20] Die Kundgebung blieb vielen Beteiligten als "das zentrale Erlebnis der Wendezeit" im Gedächtnis,[21] und der Schulterschluss zwischen Opposition, SED-Reformern und Bevölkerung ließ die Verwirklichung der alten Utopie des "Dritten Wegs" zum Greifen nahe erscheinen: "Wir schwebten noch im Traum einer Selbstbefreiung. Wir meinten, nun würde eine deutsche demokratische Republik möglich, eine revolutionäre Frucht des gemeinsamen aufrechten Gangs (...)."[22] Mit Recht konnte Egon Krenz rückblickend darauf verweisen, dass an diesem Tag keine Forderungen nach Abschaffung der DDR zu hören waren.[23]

Im Gegenteil: Selbst dem Fall der Mauer fünf Tage später kam im Horizont dieses Aufbruchsdenkens vielfach nur beiläufige Bedeutung zu.[24] Weit wichtiger konnte stattdessen der von Hunderttausenden unterzeichnete Aufruf "Für unser Land" vom 26. November 1989 erscheinen, der die Vision einer "sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik" beschwor und davor warnte, dass "ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt".[25] In der Erarbeitung einer neuen, betont plebiszitären und sozialrechtlichen DDR-Verfassung schien der Traum eines "Dritten Wegs" im April 1990 Gestalt anzunehmen - und sollte von den politischen Umständen sofort wieder in Luft aufgelöst werden: Die vom vorgezogenen Termin der Volkskammerwahl überraschte Arbeitsgruppe konnte dem Zentralen Runden Tisch auf dessen 16. und letzter Sitzung am 12. März 1990 noch keinen vollständigen Verfassungsentwurf präsentieren, und ihr Vorschlag, einen Verfassungsrat zu gründen, fand keine Mehrheit mehr.[26] Sechs Tage später entzog der Ausgang der Volkskammerwahl mit der Marginalisierung der Bürgerrechtsbewegung und dem Sieg der vereinigungsorientierten "Allianz für Deutschland" dem Konzept eines "Dritten Wegs" die politische Handlungsgrundlage und ließ nicht nur Bärbel Bohley um "die verlorene Chance" trauern, "daß hier wirklich etwas hätte entstehen können, was ganz neu ist in der Welt".[27]

Fußnoten

6.
I.-S. Kowalczuk (Anm. 2), S. 386.
7.
Exemplarisch Rainer Eckert, der unter Berufung auf Neubert der Opposition ein Politikverständnis attestiert, das "indirekt und direkt die Werte bzw. politischen Ziele Freiheit, Recht und Menschenrecht, Pluralismus und Entideologisierung des Staates, Selbstbestimmung sowie freie Wahlen verfolgte. Diese Forderung nach grundlegenden Werten der Demokratie stellte die Herrschaft der SED in Frage und damit indirekt auch die des eigenständigen deutschen Teilstaates DDR." Rainer Eckert, Sozialismusvorstellungen im Herbst 1989: Opposition und SED-interne Kritiker, in: Horch und Guck, Nr. 24, (1998) 3, S. 26f.
8.
Hubertus Knabe, Die deutsche Oktoberrevolution, in: ders. (Hrsg.), Aufbruch in eine andere DDR, Reinbek 1989, S. 19.
9.
Vgl. John Palmer, Eastern Bloc in Search of a Third Way, in: The Guardian vom 22.11. 1989, S. 23: "In East Germany, New Forum and other groups are beginning to polarise along new lines. Some seek to influence the reform wing of the ruling Communist Party in a more social democratic direction. Others want to fight for a distinctive third camp (...) - equally opposed to Stalinism and East European-style neo-Thatcherism."
10.
Zit. nach: Gerhard Rein (Hrsg.), Die Opposition in der DDR. Entwürfe für einen anderen Sozialismus, Berlin 1989, S. 150f.
11.
Frank Eigenfeld, Bürgerrechtsbewegungen 1988 - 1990 in der DDR, in: Andrea Pabst/Catharina Schultheiß/Petra Bohley (Hrsg.), Wir sind das Volk? Ostdeutsche Bürgerrechtsbewegungen und die Wende, Tübingen 2001, S. 68.
12.
Sung-Wang Choi, Von der Dissidenz zur Opposition, Köln 1999, S. 116. Stellvertretend für die mit zahlreichen empirischen Belegen gegen die teleologische Entfärbung der sozialistischen Oppositionsziele anschreibende Forschungsliteratur siehe des Weiteren: Dirk Rochtus, Zwischen Realität und Utopie. Das Konzept des "dritten Weges" in der DDR 1989/90, Leipzig 1999, S. 201ff.; Christof Geisel, Auf der Suche nach einem dritten Weg, Berlin 2005, S. 55ff.; Thomas Klein, "Frieden und Gerechtigkeit!" Die Politisierung der Unabhängigen Friedensbewegung in Ost-Berlin während der 80er Jahre, Köln-Weimar-Wien 2007, S. 512ff.
13.
Vgl. R. Eckert (Anm. 7), S. 27.
14.
Für eine vereinigte Linke in der DDR! Appell, in: Charles Schüddekopf (Hrsg.), "Wir sind das Volk!" Flugschriften, Aufrufe und Texte einer deutschen Revolution, Reinbek 1990, S. 19.
15.
Aufruf zur Einmischung in eigener Sache. Flugschrift der Bürgerbewegung "Demokratie jetzt" vom 12.9. 1989, in: ebd., S. 32, S. 35.
16.
Vorläufige Grundsatzerklärung und Diskussionspapier des "Demokratischen Aufbruch" (DA) vom 30.10. 1989, in: ebd., S. 163.
17.
Erklärung der Gründungsinitiative für eine Grüne Partei, zit. nach: G. Rein (Anm. 10), S. 120.
18.
Friedrich Schorlemmer, Umkehren und Gestalten, in: ders., Träume und Alpträume, Berlin 1990, S. 49f.
19.
4. November 1989. Protestdemonstration Berlin-Alexanderplatz. Tonbandprotokolle, in: Ch. Schüddekopf (Anm. 14), S. 207f.
20.
D. Segert (Anm. 3), S. 108.
21.
Vgl. Larissa Klinzing, Mein eigenwilliges Gedächtnis. Spannende Tage an der Humboldt-Universität, in: blz. Zeitschrift der GEW Berlin, (2009) November, S. 11.
22.
Friedrich Schorlemmer, Worte öffnen Fäuste, München 1992, S. 295.
23.
Vgl. Neues Deutschland (ND) vom 12.10. 2009.
24.
"Mich hat das erstaunlich wenig berührt, (...) zu erfahren, daß die Mauer auf ist. Ich war noch ganz beschäftigt mit unserem Mauerdurchbruch in den Sälen meiner Stadt." F. Schorlemmer (Anm. 22), S. 297.
25.
Zit. nach: ND vom 29.11. 1989.
26.
Vgl. D. Rochtus (Anm. 12), S. 252f. Zur Mobilisierungswirkung des Aufrufs siehe auch: Karsten Timmer, Vom Aufbruch zum Umbruch. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989, Göttingen 2000, S. 341ff.
27.
Konrad H. Jarausch, Die unverhoffte Einheit: 1989 - 1990, Frankfurt/M. 1995, S. 180.

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