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4.3.2010 | Von:
Martin Sabrow

Der vergessene "Dritte Weg"

Fazit

Dass die Zukunftsvorstellung eines "Dritten Wegs" im Verlauf des Umbruchs von 1989/90 so widerstandslos unterging und heute aus der öffentlichen Erinnerung geschwunden ist, findet seine tiefste Ursache im Abschied von der Moderne des 20. Jahrhunderts und ihrer gesellschaftlichen Großordnungen. Mit dem Ende der Systemkonkurrenz und ihrer weltanschaulich geführten Religionskriege (Eric Hobsbawm) hatte sich auch die Suche nach historischen Alternativen zu den beiden beherrschenden sozialen Großordnungen von Kapitalismus und Kommunismus erschöpft.

Als die realsozialistische SED-Herrschaft zerfiel, zeigte sich, dass auch ihre mutigsten Kritiker stärker auf sie bezogen waren als die eben noch überwiegend loyale Bevölkerung, die sich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien suchte, sobald sich ihr die Gelegenheit dazu bot. In der Anziehungskraft, welche die Idee eines inhaltlich vage bleibenden "Dritten Wegs" auf Dissidenten und Oppositionelle ausübte, drückte sich die ideologische Abgeschlossenheit der DDR aus, deren Opposition mit zwanzigjähriger Verspätung eine Systemauseinandersetzung im Nachgang der 68er-Bewegung nachholte,[57] für die es im Westen kaum mehr einen politischen Resonanzboden gab.[58]

Zugleich aber war die Auseinandersetzung postmaterialistisch gefärbt. Von der westdeutschen Friedens- und Umweltbewegung angestoßen und ihren zivilisationskritischen Werten verpflichtet, bewegte sich die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung gerade nicht in der Tradition der neomarxistischen Vordenker eines "Dritten Wegs" in der DDR und ihrem Politikverständnis samt der ungebrochenen Bindung an das Fortschrittsdenken der industriegesellschaftlichen Moderne.[59] Im Untergang des Kommunismus an der Macht am Ende des 20. Jahrhunderts erwies sich die historische Utopie eines "Dritten Wegs", die nie den Ort ihrer Verwirklichung gefunden hatte, zugleich als politische Uchronie, deren Zeit abgelaufen war.

Fußnoten

57.
Zum engen Bezug der DDR-Opposition auf "1968" vgl. Ch. Geisel (Anm. 12), S. 163ff.
58.
Vgl. Helga Grebing, Die schöne Gewöhnlichkeit. Vom Ende des Dritten Weges, in: Deutsches Institut für Fernstudienforschung an der Universität Tübingen (Hrsg.), Funkkolleg Deutschland im Umbruch. Studienbrief 3, Tübingen 1997, S. 25ff.
59.
Hellsichtig charakterisierte Rudolf Bahro schon 1982 den hoffnungsvollen Eigencharakter der sich formierenden Ökologie- und Friedensbewegung in der DDR: "Während hier manche angestrengt und dann enttäuscht nach dem DDR-Pendant zu Solidarnosc Ausschau hielten, schickte sich dort gerade eine völlig eigenständige Bewegung an, ins volle Tageslicht zu treten. (...). Das sind keine marxistischen Dissidenten, wie etwa Robert Havemann und ich es waren. Obwohl sie unsere Ideen aufgenommen haben, der Ansatz ist verschieden. (...) In dem Maße, wie dieses Netz nicht nur auf politische Ziele hin, sondern aus Lebens-, Gesinnungs-, Glaubensentscheidungen heraus gewebt ist, wird es sich als unzerstörbar, weitgehend auch unangreifbar erweisen." Ein Netz von erheblicher Spannkraft. Rudolf Bahro über die Friedensbewegung in der DDR, in: Der Spiegel, Nr. 50 vom 13.12. 1982, S. 58ff.

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