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4.3.2010 | Von:
Michael Richter

Doppelte Demokratisierung und deutsche Einheit

Demokratisierung bis zum Herbst 1989

Lange bevor die staatliche Einheit ein öffentlich debattiertes Thema war, setzten in der DDR Demokratisierungsprozesse von unten ein. Sie richteten sich gegen den Anspruch der SED auf Alleinherrschaft. Noch vor dem revolutionären Herbst 1989 entstanden auf Grundlage seit Jahren tätiger Bürgerrechtsbewegungen oppositionelle Gruppierungen, die sich teilweise untereinander vernetzten.[1] Auch in den Blockparteien und Massenorganisationen verstärkten sich, wie in der Bevölkerung überhaupt, in Folge der sowjetischen Reformpolitik Diskussionen über mehr Mitbestimmung und grundlegende Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Im Herbst 1989 liefen die Aktivitäten zur Entmachtung der SED und zur Demokratisierung parallel. Getragen wurden sie von demonstrierenden Teilen der Bevölkerung einschließlich der Bürgerrechtsgruppen. Dabei gaben deren zivilgesellschaftliche Vorstellungen der Demokratisierung wichtige Impulse. Bei Demonstrationen und Dialogveranstaltungen schuf der aktivere Bevölkerungspart mit der Infragestellung der diktatorischen SED-Alleinherrschaft die Grundlagen einer freiheitlichen Demokratie. Proteste gegen die SED sowie die Forderung nach Demokratie und Freiheit waren die bis zum November 1989 am häufigsten vorgetragenen Postulate.[2]

Die dahinter stehenden Demokratiekonzepte reichten von demokratisch-sozialistischen über direktdemokratische bis hin zu parlamentarisch-demokratischen Modellen. Sie alle bewegten sich wegen der Zugehörigkeit zum sowjetischen Machtbereich zunächst fast durchweg im Rahmen der DDR-Staatlichkeit. Demokratisch-sozialistische Visionen oszillierten zwischen demokratischen und semi-diktatorischen Modellen.[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Konrad H. Jarausch, Aufbruch der Zivilgesellschaft. Zur Einordnung der friedlichen Revolution von 1989, in: Totalitarismus und Demokratie, 2 (2006) 1, S. 25 - 46. Nach Andreas Eisen und Max Kaase beginnt die Phase der Demokratisierung erst im Dezember 1989; vgl. dies., Transformation und Transition. Zur politikwissenschaftlichen Analyse des Prozesses der deutschen Vereinigung, in: dies. u.a. (Hrsg.), Politisches System (Berichte der Kommission für die Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern [KSPW], Reihe: Berichte zum sozialen und politischen Wandel in Ostdeutschland 3), Opladen 1996, S. 9.
2.
Vgl. Michael Richter, Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90 (Schriften des HAIT 38), Göttingen 2009, S. 496.
3.
Vgl. Rainer Eckert, Sozialismusvorstellungen und Hoffnungen auf Demokratie im Herbst 1989, in: Dietrich Papenfuß/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Deutsche Umbrüche im 20. Jahrhundert, Köln-Weimar 2000, S. 567 - 583.

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