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4.3.2010 | Von:
Jennifer A. Yoder

Die demokratische DDR in der internationalen Arena

DDR aus amerikanischer Sicht

Bevor ich mich den Quellen zuwende, sollen ein paar Worte über die Wahrnehmung der DDR aus westlicher, besonders aus amerikanischer Sicht verloren werden. Der außergewöhnliche Status der DDR trug dazu bei, dass Außenstehende den SED-Staat als temporäres Gebilde begriffen, bedingt durch die ideologische und geografische Teilung Europas. Zu diesem Bild trug die Tatsache bei, dass sowjetische Truppen auf ostdeutschem Boden stationiert waren, was eher auf internationales Kriegsrecht (die Besetzung des Territoriums der Besiegten) statt auf Verträge zurückzuführen war. Folglich hatte die DDR, ein nicht vollständig souveräner Staat, eine qualitativ andere Beziehung zum Warschauer Pakt als andere osteuropäische Staaten. Außerdem legte die Verfassung fest, dass die DDR als "untrennbarer Bestandteil der sozialistischen Staatengemeinschaft"[3] unwiderruflich mit der Sowjetunion verbündet sei.

Erst 1974 wurden offizielle bilaterale Beziehungen zwischen Washington und Ost-Berlin aufgenommen; sie blieben geprägt von Missachtung und Desinteresse: "In der amerikanischen Außenpolitik wurde Ostberlin, falls es überhaupt eine Rolle spielte, hauptsächlich im Licht der amerikanisch-sowjetischen oder amerikanisch-westdeutschen Beziehungen gesehen."[4] Dieser offizielle Blick korrespondierte mit dem Mangel an öffentlichem Interesse an der DDR, weil es, im Unterschied zu den Polen oder Ungarn, in den USA keine Interessengruppe von Ostdeutschen gab, die Druck auf Washington hätten ausüben können. Das Bild der DDR in den USA war hundertprozentig negativ: Bei der Führung handele sich um orthodoxe, dogmatische Kommunisten, so die verbreitete Meinung. Die Amerikaner sahen die DDR nicht als separaten deutschen Staat, sondern als Teil des Ostblocks an. Man ging davon aus, dass der Sozialismus nur eine von der Sowjetunion aufgezwungene Ideologie war. Auch nach der deutsch-deutschen Annäherung betrachteten die Amerikaner die ostdeutsche Bevölkerung als unglückselige, von der Geschichte abgekoppelte Opfer, die ohne Zweifel versessen darauf waren, aus ihrem kommunistischen Gefängnis und der Zeitschleife befreit zu werden.

Es gab nur eine kleine Anzahl von Wissenschaftlern in den USA, welche die DDR "aus nächster Nähe" kannten und Verallgemeinerungen über das Leben hinter der Mauer sowie landläufige Vorstellungen anfochten und korrigierten.[5] Mitte 1989 war eine Sonderausgabe der amerikanischen Zeitschrift "German Politics and Society" dem Thema "40 Jahre DDR" gewidmet. Im Editorial hieß es: "Das kommunistische Regime in der DDR scheint sich am Vorabend ihres vierzigsten Geburtstages hinter seiner konservativen Bürokratie und angestammten politischen Herrschaft verschanzt zu haben." Die Beiträge sollten zeigen, dass "die DDR zu Recht in ihren Anstrengungen, einen Staat aufzubauen, auf eine Erfolgsgeschichte verweisen kann und ebenso auf die Schaffung eines kulturellen Diskurses, der - unabhängig von fortdauernden westdeutschen und sowjetischen Einflüssen - ihr ganz eigener geworden ist".[6] Doch abgesehen von einer Handvoll Wissenschaftler zogen nur wenige Experten in Betracht, dass sich eine spezifische ostdeutsche politische Kultur oder eine kollektive Identität entwickelt haben oder dass ein politisches Bezugssystem entstanden sein könnte, das, wenn man es nur reformieren würde, anderen Systemen vorzuziehen wäre.

In dem Jahr, als die DDR 40 Jahre alt wurde, war Bush das erste Jahr im Amt. Es war offensichtlich, dass seine Außenpolitik verglichen mit der seines Vorgängers Ronald Reagan einen abwartenden und diplomatischeren Stil hatte. Durch seine Karriere beim CIA war er über die europäischen Angelegenheiten viel besser unterrichtet. Insofern war es eine Überraschung, dass Bush bei einer Pressekonferenz in Montana am 18. September 1989 eine Erklärung abgab, in der er die deutsche Vereinigung zu befürworten, zumindest aber nicht abzulehnen schien: "Ich meine, es ist Sache der Deutschen, zu entscheiden. Mit anderen Worten: Falls das zwischen den deutschen Staaten ausgehandelt wurde, dann glaube ich nicht, dass wir es als schlecht für die westlichen Interessen einschätzen sollten. Ich glaube, im Deutschland der Nachkriegszeit hat sich eine dramatische Veränderung vollzogen. Deshalb habe ich keine Angst davor (...). In einigen Kreisen herrscht so ein Eindruck, nun ja, dass ein wiedervereintes Deutschland dem Frieden in Europa in irgendeiner Weise abträglich wäre; aber ich lasse das nicht gelten, nein."[7]

Natürlich meinte Bush, als er von Veränderungen in Deutschland redete, die Bundesrepublik. Nirgendwo bezog er sich auf die DDR, ihre Bürger, Reformen oder Alternativen zur Vereinigung. Um die gleiche Zeit etwa hatte auch Außenminister James Baker öffentliche Erklärungen abgegeben, in denen er die grundsätzliche Unterstützung für die Vereinigung erwähnte, während Sicherheitsberater Brent Scowcroft vorsichtiger war und Bush und Baker drängte, zurückhaltender zu sein, um nicht noch eher als Kohl aktiv zu werden und ihm voreilig den Rücken zu stärken.[8]

Und doch überraschte der Fall der Berliner Mauer einige Wochen nach diesen Äußerungen die Bush-Regierung. Die verhaltene Reaktion klang konfus. Würde Bush nun auf die vertrauten und speziellen Beziehungen der USA zur Bundesrepublik verweisen, die auf Vertrauen und Optimismus in Bezug auf Deutschlands Zukunft basierten, oder auf die neu geknüpften, konstruktiven Beziehungen zu Gorbatschow, die gegen Ende von Reagans Präsidentschaft ihren Anfang genommen hatten? Obwohl sich das politische Establishment der USA der Bedeutsamkeit der Ereignisse in Osteuropa für die Stabilität der kommunistischen Regime und folglich für die Stabilität der ganzen Weltregion bewusst war, gibt es kaum Anzeichen dafür, dass man die Bedeutung dessen, was sich auf den Straßen der DDR abspielte, erfasste. Der Austausch zwischen den führenden Politikern legt nahe, dass allein die internationale Sicherheit das Gebot der Stunde war. Angesichts dessen hätte man aus Washington und Moskau eine Blockadehaltung erwarten können, aber die amerikanische und die sowjetische Führung schienen geneigt, den Ereignissen ihren Lauf zu lassen; gleichzeitig mahnten sie zu Behutsamkeit. Bei einem Telefongespräch zwischen Bush und Kohl am 17. November 1989 galt die vorrangige Sorge der Stabilität. Kohl versprach: "Wir werden nichts tun, um die DDR zu destabilisieren", und Bush bekräftigte: "Die Euphorie in den USA läuft Gefahr, ungeahnte Aktionen in der UdSSR oder in der DDR heraufzubeschwören, die sehr schlimm wären. (...) Wir werden nicht das Problem verschärfen, indem wir den Präsidenten der USA auf der Berliner Mauer posieren lassen."[9]

Der Zehn-Punkte-Plan des Bundeskanzlers, den er am 28. November 1989 dem Bundestag präsentierte, war der Wendepunkt für Bush. Im Unterschied zu den meisten Politikern in Europa und zu den Sowjets, deren Reaktionen von Verdruss bis Furcht reichten, war Bush von Kohls Zuversicht beeindruckt und fühlte sich durch seine Führungsqualitäten und das Vorlegen des Aktionsplans rückversichert. Bush vertraute Kohl, wie auch Manfred Wörner, dem Generalsekretär der NATO und Kohls Parteifreund. Kohl wiederum vertraute Bush; Berichten zufolge beriet er sich mit Washington mehr als mit seinem eigenen Außenministerium über seine Pläne, was Ostdeutschland betraf. Dennoch gab es in Washington Verwirrung über die nächsten Schritte. Die Bush-Regierung war des Drucks, der auf Gorbatschow innerhalb der UdSSR lastete, deutlich gewahr. Darum übte Bush in der Öffentlichkeit Zurückhaltung. Auf Drängen der Sowjets, Briten und Franzosen hatte Baker zugestimmt, an einem Vier-Mächte-Treffen im Dezember in Berlin teilzunehmen. Baker, der ranghöchste Amtsträger der USA, der je die DDR besucht hat, hoffte, "die Modrow-Regierung hinreichend zu stärken, damit sie freie Mehrparteienwahlen für die DDR vorbereiten konnte".[10] Hinter seinem Besuch in Ost-Berlin stand als Zielsetzung nicht die Stärkung von Modrows Legitimation oder Zuspruch für die Ostdeutschen, die eine separate, demokratische DDR beibehalten wollten, sondern die Entschärfung der potentiell explosiven Situation. Auch Verteidigungsminister Dick Cheney setzte sich kaum für die Bürgerbewegung ein und misstraute den Gesten der kommunistischen Eliten in Richtung Reform. Schon früh hatte er davor gewarnt, Gorbatschows Politik "könnte eine nur zeitweilige Abweichung unseres Gegners ersten Ranges von seinem üblichen Verhalten sein".[11]

Es war bezeichnend, dass Bush mit Kohl vollkommen darin übereinstimmte, dass das Modell Bundesrepublik das richtige für ein wiedervereinigtes Deutschland sei und dass es keinen Bedarf an Experimenten mit einem ungewissen "Dritten Weg" gebe. Bush sagte zu seinen Beratern über die Dissidenten in Osteuropa: "These really aren't the right guys to be running the place."[12] Mary Sarotte urteilt: "Bushs Bereitschaft, Kohl die Führung bei der deutschen Vereinigung zu überlassen, war bemerkenswert. Wie der US-Präsident selbst in seinen Memoiren feststellte, hatte er erstaunlicherweise keine ausgeprägte Meinung bezüglich des Vorgehens, als das Chaos von 1989 in Deutschland eine Reaktion erforderte. Wie verlautet, klagte Thatcher, das Problem mit Bush sei, dass er nichts gegenüber eine ausgeprägte Meinung habe."[13]

Im Gegensatz zu den vorsichtigen, ja mitunter abstrusen Reaktionen der Regierung reagierten die amerikanischen Medien jubelnd auf den Mauerfall und schienen sicher zu sein, dass die deutsche Vereinigung komme. Während allerorten in Osteuropa Selbstbestimmung und Reformen gefeiert wurden, schenkten die Medien der DDR kaum Aufmerksamkeit, ebensowenig der Vorstellung, dass es eine (demokratisch-sozialistische, ökologische oder andere) Alternative zur Bundesrepublik geben könnte. Doch nicht alle Journalisten jubilierten. Abraham Michael Rosenthal schrieb im Februar 1990 in der "New York Times" über "versteckte Wörter", die er und viele andere mit Deutschland assoziieren, die man jedoch bezeichnenderweise nicht laut aussprechen und drucken würde: Jude, Auschwitz, Sklavenarbeit, Nazi. "Fast alle reden so, als ob die Sehnsucht der Deutschen nach Wiedervereinigung so gewichtig und moralisch mächtig sei, dass es absolut frevelhaft wäre, sie aufzuschieben, bis für die gesamte Nazigeneration der Jüngste Tag anbricht. (...) Wollen wir es um Himmels willen wirklich dem Außenministerium überlassen, zu entscheiden und zu sagen, welche Hoffnungen und Ängste wir mit Deutschland verbinden?"[14]

Während Charles Krauthammer dem Projekt Vereinigung in Gänze Beifall spendete ("Die deutsche Wiedervereinigung wird die dramatischste Wiedergeburt der Souveränität in der Nachkriegszeit sein"), mahnte er doch: "Die Mauer ist zu früh gefallen. Wäre Ostdeutschland als letzte sowjetische Provinz gefallen, auf die, wie wir dachten, der Kreml pocht, dann wäre es ein nur Stückchen, das ein neues, stabiles Europa in sich aufnehmen könnte. Da die deutsche Wiedervereinigung so schnell gekommen ist, droht sie das Ganze zu sprengen, indem sie im Herzen Europas ein größeres Deutschland entstehen lässt (...)."[15]

Peter Marcuse, der lange Zeit sowohl in West- als auch in Ostdeutschland verbracht hatte, schrieb im Oktober 1990 einen nachdenklichen Kommentar. Nach vierzig Jahren DDR blieben seiner Meinung nach das Wissen darüber, was Sozialismus eben nicht sei, sowie Lehren über exzessive staatliche Planwirtschaft, aber auch Errungenschaften auf dem Gebiet der sozialen Gerechtigkeit zurück. Am wichtigsten sei jedoch das ostdeutsche Volk, "das andere Erfahrungen gesammelt und in einer Gesellschaft gelebt hat, die andere Ziele verkündete, und das diese Ziele verfolgt hat, auf Seiten des Staates, zuletzt oft gegen ihn. (...) Vielleicht besteht ein bleibender Beitrag aus vierzigjähriger DDR-Erfahrung darin, dass mindestens 16 Millionen Deutsche nicht zu denen gehören, die von Macht- und Vorherrschaftsstreben besessen und von ihrer Überlegenheit und absoluten Rechtschaffenheit überzeugt sind." Und: "Die Menschen aus Ostdeutschland wissen besser als die meisten anderen, was der Preis von Dogmatismus und einer geschlossenen Gesellschaft ist."[16]

Einige, die in Veröffentlichungen in den USA als "links" bezeichnet wurden, schrieben wie Marcuse über den Nationalismus, der die Regierung Kohl und viele Ostdeutsche zu ergreifen schien. Aber im Großen und Ganzen nahmen die meisten Tageszeitungen und auch der Nachrichtensender CNN mit seiner breiten Zuschauerschaft Siegesfreude und Freiheit als Grund zum Feiern wahr. Man verschwendete wenig Zeit auf die neue DDR-Führung, ihre Handlungsspielräume oder den wirtschaftlichen und sozialen Druck, der auf ihr lastete. Das Ende des Kalten Krieges als Generationenlegende, das Kräftemessen zwischen den Supermächten, versinnbildlicht durch den Fall der Mauer, und die fixe Idee, ein Stück von ihr zu besitzen, übten Faszinationskraft aus. Insgesamt setzte die amerikanische Öffentlichkeit als gegeben voraus, dass die Vereinigung unausweichlich und "richtig" sei. Der Mauerfall und das Abschütteln der kommunistischen Herrschaft bestätigten, was die Amerikaner schon immer glaubten: dass nämlich Demokratie und Kapitalismus letzten Endes den Sieg davontragen.

Fußnoten

3.
Verfassung der DDR von 1974, zit. nach: Renata Fritsch-Bournazel, Europe and German Unification, Providence, RI 1992, S. 91.
4.
Ronald Asmus, Bonn and East Berlin: The View from Washington. RFE/RL Background Report 190 (17.10. 1984), online: www.osaarchivum.org (18.12. 2009).
5.
Zum Beispiel Thomas Baylis, Henry Krisch, James McAdams, Marilyn Rueschemeyer, und Bradley Scharf.
6.
German Politics and Society, Sonderausgabe "The GDR at Forty", 17 (Summer 1989), Editors' note.
7.
Zit. nach: P. Zelikow/C. Rice (Anm. 2), S. 81.
8.
Vgl. ebd., S. 93.
9.
Aufzeichnung des Telefongesprächs zwischen Bush und Kohl am 17.11. 1989 in: The National Security Archive, The Soviet Origins of Helmut Kohl's 10 Points, Dokument Nr. 1, online: www.gwu.edu/~ nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB296/index .htm (18.12. 2009).
10.
P. Zelikow/C. Rice (Anm. 2), S. 146.
11.
Zit. nach: Timothy Garton Ash, 1989!, in: The New York Review of Books vom 5.11. 2009, S. 6.
12.
Ebd.: "Das sind wirklich nicht die Richtigen, um den Laden zu schmeißen."
13.
Mary E. Sarotte, 1989: The Struggle to Create Post-Cold War Europe, Princeton 2009, S. 210.
14.
A. M. Rosenthal, Hidden Words (4.2. 1990), in: Harold James/Martha Stone (eds.), When the Wall Came Down: Reactions to German Unification, New York 1992, S. 168.
15.
Charles Krauthammer, The German Revival (26.3. 1990), in: ebd., S. 180.
16.
Peter Marcuse, East German Requiem (22.10. 1990), in: ebd., S. 230.

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