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4.3.2010 | Von:
Jennifer A. Yoder

Die demokratische DDR in der internationalen Arena

Anderswo im Westen

Trotz öffentlicher Erklärungen, in denen die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall gerühmt wurden, belegen die Unterlagen, dass die meisten politischen Führer im Westen, allen voran Margaret Thatcher und François Mitterrand, die deutsche Vereinigung ablehnten und sich Sorgen um die von ihr ausgehende Gefahr für die Nachkriegsgrenzen und, damit zusammenhängend, um die europäische Sicherheit machten.

Nur Thatcher wagte öffentlich ihren Widerstand zu äußern, während andere im Stillen opponierten und in der Öffentlichkeit diplomatischer und verhaltener reagierten. In einem Artikel im "Wall Street Journal" Ende Januar 1990 wurde Thatcher mit den Worten zitiert, Kohl müsse "dem Weitblick auf die Erfordernisse Europas" seine eigene "beschränktere, nationalistische Programmatik" unterordnen: "Demokratie aufzubauen ist viel schwerer, als sie niederzureißen."[17] Im Juli 1990 wurde ein Memorandum veröffentlicht, welches das tiefe Misstrauen der politischen Entscheidungsträger in Großbritannien gegenüber den Deutschen und ihre unablässigen Befürchtungen gegenüber der Vereinigung offenbarte.[18] Zu den brisanten Abschnitten des Memorandums gehörten, von Thatchers Privatsekretär Charles Powell alphabetisch aufgelistet, angebliche Wesenszüge der Deutschen, wie sie bei einem Treffen auf dem Landsitz in Chequers zur Sprache gekommen waren: "Existenzangst, Aggressivität, Rücksichtslosigkeit, Selbstgefälligkeit, Minderwertigkeitskomplexe, Sentimentalität." Am 24. November 1990 sagte Thatcher zu Bush: "Das erste und übergeordnete Ziel sollte der Aufbau echter Demokratien in ganz Osteuropa und letzten Endes auch in der Sowjetunion sein (...). Die Wiedervereinigung war nicht nur eine Sache der Selbstbestimmung, auch die Vier Mächte hatten bestimmte Verpflichtungen."[19]

Auch bei Mitterrand löste der Mauerfall Besorgnis aus, aber in der Öffentlichkeit bekundete er, er habe "keine Angst vor der deutschen Vereinigung". Seine gedämpfte Befürwortung erklärte sich aus seinen langjährigen und sehr konstruktiven Beziehungen zu Kohl sowie daraus, dass Frankreich die Bundesrepublik brauchte, um die europäische Integration voranzutreiben. Dass Frankreich von Juli bis Dezember 1989 den Vorsitz in der Präsidentschaft der Europäischen Union innehatte, stellte sicher, dass Mitterrand mit Umsicht zu Werke gehen und den europäischen Rahmen im Auge behalten würde. Wiederholt ließ sich er sich von Kohl versichern, dass die Vereinigung Teil der europäischen Integration sein würde. Dennoch war Mitterrand verärgert darüber, dass er von Kohl nicht vorab in den Zehn-Punkte-Plan eingeweiht worden war. Infolgedessen hielt er es nicht für nötig, mit Kohl Rücksprache zu halten, als er ein Datum für seinen DDR-Besuch festlegte. Zum Abschluss seines Staatsbesuchs in Ost-Berlin am 22. Dezember 1989 erklärte er: "Ich habe keinerlei Absicht, Deutschland zu diktieren, wie sein zukünftiger Status sein soll. (...) Wir sind auch Garanten für den Frieden in Europa. Wir sind selbst Garanten für den Status von Deutschland. Aber 45 Jahre sind vergangen (...). Heute gibt es eine neue Generation, dies ist ein neues Kapitel in der Geschichte; ich persönlich nehme es daher nicht hin, dass man die Deutschen behandeln kann, als stünden sie unter Vormundschaft. Aber sobald es um die Lage in Europa geht, dann geht es uns wohl etwas an; dann müssen wir sicherstellen, dass kein Ungleichgewicht entsteht, das letztendlich das Europa der Kriege wiederherstellen würde."[20]

Fußnoten

17.
Zit. nach: M. E. Sarotte (Anm. 13), S. 100.
18.
Zum Memorandum vgl. Timothy Garton Ash, The Chequers Affair, in: The New York Review of Books vom 27.9. 1990, S. 14.
19.
Zit. nach: M. E. Sarotte (Anm. 13), S. 67.
20.
Zit. nach: R. Fritsch-Bournazel (Anm. 3), S. 82.

Dossier

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