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4.3.2010 | Von:
Wilfried Rott

Abschied von West-Berlin

Halbstadt auf Abruf

Der Abschied von West-Berlin in seiner Mischung aus Leichtigkeit, Wehmut und geschichtsvergessener Ignoranz ist nur vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte der Halbstadt zu verstehen. In Ost-Berlin wurde am 30. November 1948 der Gesamtberliner Magistrat für abgesetzt erklärt und ein eigenes Stadtregiment von den in Lkw aus Betrieben in sowjetischer Verwaltung herangebrachten "Massen" akklamiert, nachdem im September die nichtkommunistischen Abgeordneten angesichts des politischen Drucks seitens der SED in den Westteil Berlins ausgewichen waren. Im Prinzip war West-Berlin eine Stadt auf Abruf: Mit einer nur im Westteil der ehemaligen Reichshauptstadt erfolgten, von Ost-Berlin und der SED boykottierten und bekämpften Wahl am 5. Dezember 1948, mit der darauf erfolgten Konstituierung eines Abgeordnetenhauses und einer Stadtregierung gab es fortan ein eigenständiges westliches Berlin, von dem man zunächst nicht einmal recht wusste, wie es zu benennen sei. So gab es ein offizielles "Berlin (West)", während die DDR bald konsequent von "Westberlin" sprach und damit auch terminologisch seine Theorie von der "besonderen politischen Einheit Westberlin" manifestierte.

West wie Ost waren sich darüber im Klaren, jeweils nur über einen Berlin-Torso zu verfügen, und der Gedanke einer Vereinigung war zunächst virulent. Zu unnatürlich war die Trennung, auch wenn noch ein freier Personenverkehr zwischen den Stadthälften bestand. Jede Seite dachte indes, dass die Vereinigung unter ihrem Vorzeichen erfolgen werde. So hatte sich Ernst Reuter (SPD), als Oberbürgermeister und später Regierender Bürgermeister der dominierende politische Kopf West-Berlins, zwar vehement für die Einführung der D-Mark im Bereich der westalliierten Sektoren eingesetzt und dafür die Teilung der Stadt in Kauf genommen, aber er äußerte immer wieder die Hoffnung, dereinst durch das Brandenburger Tor ziehen und auch im Osten Freiheit und Demokratie zur Herrschaft verhelfen zu können. Solche Bekundungen waren kaum mehr als jener Schuss Utopie, der zum Überleben in einem eigentlich unmöglichen Zustand gehört. In den Reihen der SED waren derartige Pläne - mit umgekehrtem Vorzeichen - konkreter. Der spätere Verteidigungsminister der DDR, Heinz Hoffmann, damals Sekretär der Berliner SED-Landesleitung, bekannte Anfang Februar 1949: "Es gab Genossen, die (...) der Meinung waren, daß eines Tages die Kräfte des sowjetisch besetzten Berlin mit Hilfe der sowjetischen Armee durch das Brandenburger Tor marschieren, um die Befugnisse des Magistrats unter Führung von Friedrich Ebert auf ganz Berlin auszudehnen."[1] Allerdings schränkte er ein: "Wir müssen Schluß machen mit dieser illusionären Politik des Wartens auf die Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht."

Ausdruck des Wunsches nach einem Gesamt-Berlin waren auf westlicher Seite die "Mahnworte", die Willy Brandt als Präsident des Abgeordnetenhauses am 21. Oktober 1955 zum ersten Mal im Rathaus Schöneberg vortrug und die, später ergänzt, fortan am Beginn jeder Sitzung des Stadtparlaments gesprochen wurden. "Ich bekunde unseren unbeugsamen Willen, dass Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin in Frieden und Freiheit vereinigt werden muss." Über Jahre war dieser Wunsch weitgehender Konsens in West-Berlin, doch mit den Jahren schwand das Verlangen nach einer Vereinigung, und ein halbes Jahr vor dem Mauerfall wurde der Vereinigungswunsch in Teilen West-Berlins als obsolet und störend empfunden. Am 25. Mai 1989 sorgte Hilde Schramm von der Alternativen Liste (AL) im Abgeordnetenhaus für Aufregung. Ihr Gewissen, so ihre Worte, erlaube es ihr nicht, die sogenannten "Mahnworte" zu sprechen. Schramm sah in ihnen ein Relikt des Kalten Krieges, das den Realitäten der täglichen Politik widerspreche. Schramms Weigerung sorgte für Empörung bei der CDU und für Verlegenheit bei der SPD. Denn längst war auch in ihren Reihen das Reden von Wiedervereinigung verpönt und wurde als "Träumerei", "Lebenslüge" oder gar als "Geschwätz" bezeichnet. Am 19. Januar 1990 wurden die "Mahnworte" durch einen Dringlichkeitsantrag von SPD und AL abgeschafft.

Fußnoten

1.
Zit. nach Volker Koop, Kein Kampf um Berlin? Deutsche Politik zur Zeit der Berlin-Blockade 1948/1949, Bonn 1998, S. 292.

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