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4.3.2010 | Von:
Wilfried Rott

Abschied von West-Berlin

Langer Abschied nach dem Ende

Das Jahr 1990 war für West-Berlin kaum von Abschiedsgedanken erfüllt, sondern von einem latenten Aufbruchgefühl grundiert. Nicht nur die Mauer war endlich verschwunden. Auch die immer unangenehmen, aber das Lebensgefühl der West-Berliner prägenden Transitfahrten entfielen. Ost-Berlin, auf Grund der prohibitiven Einreisebestimmungen tendenziell gemieden, wurde ebenso wie das Umland "entdeckt". Für den Gedanken, dass eine Abwicklung West-Berlins ansteht, war kaum Raum. Wie anders sollte sich die Einheit der Stadt vollziehen als in einer Angleichung des Ostteils an den Westteil?

Es dauerte einige Zeit, bis auffiel, was die Schriftstellerin Katja Lange-Müller auf die deftige Formel brachte: "Den West-Berlinern wurde die Stadt unterm Arsch weggezogen."[18] Der schleichende Prozess der Bewusstwerdung dieses Umstands setzte erst nach 1990 ein, nachdem West-Berlin am 3. Oktober 1990 noch einmal gegen den Widerstand aus Bonn und des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière glanzvoller Schauplatz deutscher Geschichte war: Vor dem Reichstag, also im Westteil der Stadt, wurde die deutsche Einigung gefeiert.

Der Abschied von West-Berlin ist ein langer, noch immer nicht abgeschlossener Prozess mit einigen markanten Punkten. Das Scheitern von Eberhard Diepgen und Klaus-Rüdiger Landowsky, der langjährigen grauen Eminenz West-Berliner CDU-Politik, im Zuge des Skandals um die Berliner Bankgesellschaft, war einer der Einschnitte. Ausgerechnet diese Vertreter des "alten" West-Berlins waren es aber auch, die massiv in die Struktur der ehemaligen Halbstadt eingriffen, indem sie 1993 das Schiller-Theater, einen genuinen Teil West-Berlins, schlossen. In vielem, was in der Folge von West nach Ost abwanderte, spiegelte sich indes vor allem die Wiederherstellung früherer Verhältnisse wider, der Abschied von teilungsbedingt angelegten Provisorien, angefangen beim Auszug der Stadtregierung aus dem Schöneberger Rathaus bis zur Rückstufung des Bahnhofs Zoo vom Fernbahnhof zu einer Station der Stadtbahn.

Schon 1994 registrierte die Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer alarmiert den Niedergang des einstigen West-Berlins und wähnte sogar - unzutreffend - die Edeladresse "Kaufhaus des Westens" zum Kontakthof russischer Prostituierter heruntergekommen.[19] Derartige Klagen reißen nicht ab,[20] begleitet von immer wiederkehrenden Sorgen um Zustand und Zukunft des Kurfürstendamms, dem Inbegriff West-Berlins.[21] Die Klagen über den Abstieg und das Verschwinden von West-Berlin werden befördert durch eine Stadtregierung, die kein rechtes Zukunftsbild für die einstige Vorzeigeregion hat. Von einem aus dem DDR-Kulturapparat stammenden, früheren Berliner Kultursenator musste sich die Stadt sagen lassen, dass es enttäuschend sei, wie mit dem West-Berliner Erbe umgegangen werde und wie die Stadt ihre eigene Traditionslosigkeit immer weiter fortführe.[22]

West-Berlin, das seit fast 20 Jahren offiziell nicht mehr existiert, ist dennoch im Positiven wie im Negativen weiter präsent. Schon wird ein Wiedererwachen West-Berlins als Hort neuer Bürgerlichkeit registriert.[23] Umgekehrt wird aber auch argumentiert, dass eine Verwahrlosung des öffentlichen Raums und ein "bewusst proletenhaftes" Outfit des Konzert- und Opernpublikums in ganz Berlin dem Vorbild West-Berlins folge.[24]

Ob es je einen definitiven Abschied von West-Berlin geben wird, ist mehr als ungewiss. Sicher ist, dass diese vierzig Jahre bestehende urbane Merkwürdigkeit nicht nur im Sprachgebrauch der DDR eine "besondere Einheit" war, die in ihrer Eigenheit fortdauert, solange die Amalgamierung der beiden Stadthälften nicht an ihr Ende gekommen ist.

Vgl. zu diesem Beitrag Wilfried Rott, Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948 - 1990, München 2009.

Fußnoten

18.
Zit. nach: Der Tagesspiegel vom 4.11. 2007.
19.
Antje Vollmer in: Die Zeit, Nr. 7 (2006).
20.
Vgl. aktuell u.a. Der Tagesspiegel vom 7.1. 2010.
21.
Vgl. Die Welt vom 18.1. 2010.
22.
Vgl. Thomas Flierl in: Berliner Zeitung vom 6.5. 2009.
23.
Vgl. Ulf Poschardt, Die leise Rückkehr von West-Berlin, in: Die Welt vom 27.9. 2009.
24.
Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.1. 2010.

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