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26.2.2010 | Von:
Tanja Ernst
Ana María Isidoro Losada

Nord-Süd-Beziehungen: Globale Ungleichheit im Wandel?

Ungleichheit: eine begriffliche Annäherung

Soziale Ungleichheiten kennzeichnen alle Gesellschaften, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Es geht dabei nicht um körperliche Merkmale oder kulturelle Differenzen, sondern um die Verteilung von Lebenschancen und ungleiche Verfügungsrechte über materielle und immaterielle Güter, die innerhalb einer Gesellschaft als notwendig, wertvoll sowie erstrebenswert erachtet werden.[2]

Ungleichheit ist kein Naturzustand, wie Jean-Jacques Rousseau bereits im Jahr 1754 schrieb, sondern ein gesellschaftlich produziertes und reproduziertes Phänomen, deren Legitimität stets umkämpft bleibt. Damit vertritt Rousseau, wie später Karl Marx, einen relationalen Ungleichheitsbegriff. Relational bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass die historische Entstehung von gesellschaftlichen Klassen und Ausbeutungsverhältnissen in einem direkten bzw. ursächlichen Zusammenhang mit der Durchsetzung von Arbeitsteilung und Privateigentum stehe.

Auch Kritikerinnen und Kritiker des Klassenkonzeptes bestreiten nicht, dass Ungleichheit gesellschaftlich produziert und reproduziert wird. Aber sozialstrukturelle Unterschiede sind aus ihrer Sicht die Voraussetzung für die Sicherung von Konkurrenz- und Leistungsprinzipien, welche als unverzichtbar für die gesellschaftliche Entwicklungsdynamik betrachtet werden. In dieser als funktionalistisch bezeichneten Lesart stellen materielle (z.B. Einkommen) und immaterielle (z.B. Macht) Güter wichtige Anreize und Belohnungen für Leistungsträgerinnen und -träger dar.

Empirisch lässt sich das funktionalistische Argument rasch widerlegen. So lässt sich anhand verschiedener geschichtlicher Epochen und Kulturen zeigen, dass die Besetzung wichtiger Positionen keineswegs allein aufgrund von Kompetenz und Leistungsmerkmalen erfolgt, sondern diese häufig an Herkunft und sozialen Status gebunden sind. Das Glück der Geburt sowie höchst ungleich verteilte Förderungsmöglichkeiten und Zugangschancen dienen so der Sicherung und Fortführung von bestehenden Privilegien, Macht- und Besitzverhältnissen. Sozial und ökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen hingegen verfügen oft gar nicht über die Möglichkeiten, ihre Talente zu entdecken, zu entfalten und gesellschaftlich einzubringen. Strukturell betrachtet ist soziale Ungleichheit demnach relational, auch wenn sie, funktionalistisch betrachtet, Einzelnen über individuelle Leistungen soziale Mobilität und Aufstiegschancen eröffnen kann.

Soziale Ungleichheit spiegelt die Macht-, Herrschafts- und Besitzverhältnisse sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch zwischen den nationalstaatlich verfassten Gesellschaften wider. Die Ungleichheitsforschung unterscheidet zwischen vertikalen und horizontalen Ungleichheiten. Zu den vertikalen Ungleichheiten zählen sozioökonomische Benachteiligungen wie die Einkommens- und Vermögensverteilung und die Art der Besteuerung, der (fehlende) Zugang zu Land, Produktionsmitteln und Krediten, zum formalen Arbeitsmarkt oder auch staatlichen Leistungen der Daseinsfürsorge (Bildung, Gesundheit, Basisinfrastruktur und soziale Sicherungssysteme).

Diese Benachteiligungen sind mit horizontalen Ungleichheiten verschränkt. Diese umfassen eingeschränkte gesellschaftliche und politische Teilhabe oder verringerte Zugangschancen, die über symbolische sowie institutionalisierte Benachteiligungen und Ausschlüsse durchgesetzt werden, welche sich aus der Nationalität bzw. Staatsangehörigkeit, dem Geschlecht, der Hautfarbe, der Religionszugehörigkeit, der Kultur, dem Alter, Behinderungen, räumlichen Disparitäten oder negativen Klima- und Umweltbedingungen ergeben.

So zählen Rassismus, Geschlechterverhältnisse und Klassenantagonismen bis heute zu den zentralen Achsen weltweiter Ungleichheit, die sich jedoch nicht automatisch addieren, sondern überlagern und wechselseitig verstärken oder auch abschwächen können.

Das heißt, obwohl lokale und nationale Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Erklärung von Ungleichheit einnehmen, muss immer auch ihre globale Verfasstheit berücksichtigt werden. So beeinflussen globale Regime (wie das europäische Grenz- und Migrationsregime) sowohl direkt als auch indirekt die Lebenslage Einzelner und sind eng mit der Entwicklung sozialer und ökonomischer Disparitäten in den einzelnen Nationalstaaten verknüpft.[3] Die globale Durchsetzung von Partikulinteressen der ökonomisch, politisch und militärisch einflussreichen Staaten lassen sich auch anhand protektionistischer Handels- und Subventionsmaßnahmen der Industrieländer und hier insbesondere im Kontext der massiven Agrarsubventionen veranschaulichen.

Wichtig ist also bei der Betrachtung der weltweiten Ungleichheit nicht nur ökonomische Daten heranzuziehen, sondern weitere Faktoren zu berücksichtigen. Das Privileg oder der Nachteil einer bestimmten Staatsbürgerschaft (Pass) und damit verbundener Rechte (wie Mobilität und Visa) oder eben auch die Rechtlosigkeit (illegalisierte Migration), die Auswirkungen der internationalen Arbeitsteilung (Rohstoffexporteur versus Fertigwaren- und Konsumgüterexporteur) sowie historische und aktuelle Dimensionen ihrer Durchsetzung (Kolonisierung, Imperialismus, Protektionismus und Subventionspolitiken, Neokolonialismus) üben einen entscheidenden Einfluss aus.

Des Weiteren sind das Geschlecht, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnisch-kulturellen Gruppe oder auch räumliche Aspekte (Stadt-Land-Gefälle, Wachstumszentren und prosperierende Pole versus Hinterland und ökonomisch an Bedeutung verlierende Branchen und Regionen) von großer Bedeutung für die weltweit höchst ungleichen Lebenschancen, den Grad der sozialen und politischen Teilhabe sowie den Zugang zu materiellen Ressourcen.

Aus sozial-ökologischer Perspektive spielen zudem auch Konflikte um knapper werdende natürliche Ressourcen (wie Wasser oder fossile Energieträger) innerhalb und zwischen Gesellschaften eine immer wichtigere Rolle. So illustriert die aktuelle Diskussion um den Klimawandel die drastische internationale Ungleichverteilung von Nutzen und Kosten bzw. den höchst ungleichen Ressourcenverbrauch und das Konsum- und Wohlstandsgefälle zwischen dem Norden und Süden sowie die ungleichen technologischen und finanziellen Möglichkeiten von Individuen und Gesellschaften, um auf die klimatischen Umweltauswirkungen sowie vermehrt auftretenden Naturkatastrophen reagieren zu können.

Fußnoten

2.
Vgl. Nicole Burzan, Soziale Ungleichheit: Eine Einführung in die zentralen Theorien, Wiesbaden 2007, S. 7; Reinhard Kreckel, Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit, Frankfurt/M. 2004, S. 17.
3.
Vgl. Thomas W. Pogge, Why Inequalities Matters, in: D. Held/A. Kaya (Anm. 1), S. 132 - 147.

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