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19.2.2010 | Von:
Alexandra Senfft

Wider die "Kultur des Konflikts": Palästinenser und Israelis im Dialog

Unverarbeitete Traumata und unterschiedliche Narrative behindern die palästinensisch-israelische Verständigung. Friedensaktivisten auf beiden Seiten wollen die inneren und äußeren Barrieren, die Klischees und Ängste abbauen.

Einleitung

Auch Worte können töten" lautet das Medien-Beobachtungsprojekt, das die "Palästinensische Initiative zur Förderung des Globalen Dialogs und der Demokratie" (Miftah[1]) und das "Zentrum zum Schutz der Demokratie in Israel" (Keshev[2]) durchführen. Sie dokumentieren die negative Berichterstattung in Israel und den palästinensischen Gebieten und arbeiten mit den Redaktionen, um den verbreiteten Vorurteilen sowie der Diffamierung und Hetze im Nahost-Konflikt entgegen zu wirken. Haben die Medien doch einen starken Einfluss darauf, ob die öffentliche Meinung auf Gewalt oder Frieden eingestimmt ist. "Mit dem von den Medien wiedergekäuten Slogan Auf palästinensischer Seite gibt es keinen Partner schafft man keine Voraussetzungen für Verhandlungen", so Keshevs Direktor Yizhar Be'er.[3]




Die Zusammenarbeit der beiden Nichtregierungsorganisationen klappt meist gut, obgleich die von der israelischen Regierung gebaute Mauer die ohnehin schon existierende Asymmetrie verstärkt: Die Israelis können ihre Partner bei Miftah in der Westbank besuchen, die Palästinenser ihre Kollegen bei Keshev jedoch nicht, weil sie meist keinen Passierschein von den israelischen Behörden besitzen, ohne den sie nicht nach Jerusalem einreisen dürfen. Beharrlich leisten beide Seiten jedoch Aufklärungsarbeit und lassen sich von den politischen Verhältnissen nicht beirren.

Gleichwohl gibt es wiederholt Spannungen, aus denen sie bislang jedoch stets Auswege fanden. An einem Punkt war die Beziehung während einer Arbeitssitzung in Ramallah stark belastet: Es war der israelische Gedenktag für die Gefallenen und Terroropfer, und einige der israelischen Mitarbeiter bestanden darauf, eine Schweigeminute einzulegen. Ihre palästinensischen Kollegen fühlten sich von diesem Wunsch vereinnahmt und mit ihren eigenen Bedürfnissen ignoriert - sei die Besatzung denn nicht genug der Dominierung, und wo bleibe das Andenken für die palästinensischen Toten? Bevor die Situation in einem Fiasko enden konnte, fand sich ein Kompromiss - die Palästinenser und Israelis einigten sich darauf, der Opfer beider Seiten zu gedenken und zwar fünfzehn Minuten vor dem offiziellen Ereignis. "Wenn Vertrauen besteht, können wir diese durch Symbolik und Rituale überfrachteten Hindernisse überwinden", fasst Be'er das positive Schlüsselerlebnis zusammen, in dem einige entscheidende Faktoren für einen konstruktiven Dialog zu erkennen sind: Offenheit, Gleichberechtigung und gegenseitige Wahrnehmung.

"Vernünftige Menschen finden immer leicht einen Kompromiss, wenn ihnen die wichtigsten Anliegen der anderen Seite bewusst sind", sagt der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh.[4] Folgt man diesem Postulat, ist festzustellen, dass die Politiker der Region und ihre Wähler offenbar unvernünftig sind: Von Kompromissbereitschaft oder Vertrauen kann keine Rede sein. Es ist gegenwärtig unwahrscheinlich, dass die Friedensverhandlungen wieder aufgenommen werden, ja, die Lage im Nahen Osten war noch nie so aussichtslos wie heute. So manche Skeptiker halten das palästinensische Streben nach Staatlichkeit mittlerweile für aussichtslos, die Pessimisten unter ihnen sehen gar das Ende Israels nahen. Auch das Model des binationalen Staats ist wieder im Gespräch.

Es mangelt der politischen Spitze an Visionen, Mut und Durchsetzungskraft für unpopuläre Veränderungen, und mit jedem Tag der Ratlosigkeit wächst die Gefahr, dass Waffen statt Worte das Geschehen bestimmen. Der Gaza-Krieg Ende des Jahres 2008 war Ausdruck dieses gefährlichen Trends.

Fußnoten

1.
Vgl. www.miftah.org (28.1. 2010).
2.
Vgl. www.keshev.org.il (28.1. 2010).
3.
Zit. in: Alexandra Senfft, Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis, Hamburg 2009, S. 168.
4.
Sari Nusseibeh, Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina, München 2008, S. 309.

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