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8.2.2010 | Von:
Winfried Hassemer

Vom Sinn des Strafens - Essay

Begrifflichkeit und Wirklichkeit

Man könnte, mit aller Vorsicht, sagen: Die Welt der klassischen, der absoluten Theorien ist das System, ist die Begrifflichkeit, und ihr Ziel ist die Bewahrung der Gerechtigkeit, der Angemessenheit des Strafens, der Menschenwürde. Die Welt der modernen, der relativen Lehren hingegen ist der Alltag der Kriminalität und der Verbrechensverfolgung, und ihr Ziel ist die effiziente Beherrschung der Kriminalität durch Individual- und Generalprävention. Und einen Schritt weiter: Anders als die absoluten Theorien lassen sich die relativen auf Empirie, auf die Welt ein; sie versprechen tatsächliche Folgen der Strafe und ihres Vollzugs: gelingende Abschreckung, resozialisierende Besserung, und sie lassen sich durch sichtbare Ereignisse falsifizieren. Oder auch so: Der Packen, den sich die relativen Lehren bei ihrem Verständnis von Strafe aufladen, wiegt bedeutend schwerer als die Last der absoluten. Letztere weigern sich, der Strafe irdische Ziele zuzuweisen, und entgehen damit einem Einwand, der die relativen Theorien schwer belasten kann und auch immer belastet hat: dem Einwand, die staatliche Strafe sei ja gar nicht imstande, wirklich zu bessern und abzuschrecken; diese Theorie verspreche etwas, das sie nicht halten kann, sie sei unaufrichtig, und deshalb könne man nicht auf sie bauen.

Diesen Hintergrund kann man konkreter und auch genauer an den Problemen studieren, die sich angesichts von Strafprozessen gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher aufdrängen. Bei diesen Konstellationen nämlich finden wir auf die Frage nach dem Sinn der Strafe noch am ehesten eine Antwort bei den absoluten, den klassischen Straftheorien, welche die staatliche Strafe ausschließlich auf Vergeltung und Sühne verpflichten. ("Klassisch" heißen sie, weil es ihren relativen Widersachern gelungen ist, sich selber als die "modernen" Lehren auf dem Markt der Dogmengeschichte zu behaupten; die Bezeichnung "klassisch" besagt also nicht viel - auch schon deshalb nicht, weil sich sowohl die "klassischen" als auch die "modernen" Lehren von der Strafe im Dunkel der Geschichte verlieren; hier gibt es keine Generationen, kein Alt und Jung.) "Absolut" besagt schon mehr. So heißen diese Lehren nämlich deshalb, weil sie sich um die Folgen der Strafe nicht sorgen, weil sie ihre Rechtfertigung nicht in einer Verbesserung der realen Welt suchen; "zweckgelöste Majestät der Strafe" wurde ihnen einmal rühmend nachgerufen. "Absolute" Theorien kommen mit dem Sinn der Strafe in extremen Konstellationen offenbar besser zurecht als "relative", und der Grund liegt auf der Hand: Sie haben sich von der Last gelöst, Besserung und Abschreckung begründen und verwirklichen zu müssen auch angesichts von Situationen, in denen es auf diese Ziele tatsächlich gar nicht mehr ankommt: Der Kriegsverbrecher ist seit Jahren sozial integriert, die Verhinderung einer neuerlichen Diktatur mittels Strafrechts ist eine absurde Hoffnung; in diese Falle laufen die absoluten Theorien nicht. Gleichwohl kommen auch diese Lehren mit einem Teil der Realität des Strafens nicht zurecht: Extreme Verbrechen kann man nicht gerecht, nicht angemessen vergelten, und selektive Strafverfolgung bleibt ein Skandal; dazu fällt auch den klassischen Lehren nichts Vernünftiges ein. An dieser Stelle ist ihre konzeptionelle Decke zu kurz.


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