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8.2.2010 | Von:
Horst Entorf

Strafvollzug oder Haftvermeidung - was rechnet sich?

Kosten der Haftzeit: Sicherung und Resozialisierung

Die Kosten der Sicherung und Resozialisierung bestehen hauptsächlich aus Lohnkosten sowie aus Investitionskosten für die Bereitstellung neuer Gefängniskapazitäten und für anstehende Modernisierungsmaßnahmen. Ein Blick auf die Variation der sich daraus ergebenden Ausgaben zeigt eine erstaunliche Breite, und zwar nicht nur auf Anstaltsebene, sondern auch im Vergleich der Bundesländer. In den erfassten 30 Justizvollzugsanstalten des erwähnten Forschungsprojekts schwankt der Personalaufwand für 100 Gefangene zwischen 29 und 79 Vollzeitkräften. Das Statistische Bundesamt berichtet in seiner Broschüre "Justiz auf einen Blick" über die laufenden Ausgaben je Gefangenen im Justizvollzug in den 16 Bundesländern.[4] Diese liegen zwischen 36 100 Euro in Brandenburg und 22 600 Euro in Sachsen. Die Gründe für die hohen Unterschiede liegen teilweise im Dunklen, auch ist unklar, ob die großen Differenzen durch entsprechende Qualitätsunterschiede des Strafvollzugs der Anstalten und Länder (existieren ähnliche Unterschiede in den Rückfallquoten?) berechtigt sind.

Der Versuch, die Variation der Ausgaben nachzuvollziehen, offenbart eine große Bandbreite kostenwirksamer Resozialisierungs- und Behandlungsmaßnahmen in den Anstalten der Stichprobe. Da auch die zukünftigen Arbeitsmarktchancen eines Insassen die Rückfallwahrscheinlichkeit beeinflussen, sollte folgerichtig viel Wert auf die Ausbildung gelegt werden. Die angebotenen Programme bestehen beispielsweise in Alphabetisierungskursen und in der Möglichkeit, den Hauptschulabschluss zu erwerben. Die Erhebung ergab, dass nur wenige Anstalten weiterführende Ausbildungskurse anboten, wobei solche Offerten allerdings auch nur für Inhaftierte mit langen Haftstrafen sinnvoll erscheinen. Wie die Studie weiter zeigte, hatten Strafanstalten mit einer hohen Zahl von Alkohol- und Drogenabhängigen im Mittel auch höhere Abbrecherquoten bei den Hauptschulkursen zu verzeichnen. Auch eine neuere Untersuchung[5] über den Zusammenhang zwischen Reintegration und Arbeitsmarktperspektive verdeutlicht, dass eines der wichtigsten Probleme der Wiedereingliederung die Drogen- und Alkoholsucht der Haftinsassen darstellt. Etwa ein Drittel (31,4 Prozent) der Haftinsassen gibt an, schwerwiegende Alkohol- und/oder Drogenprobleme zu haben. Eine wirksame Drogentherapie und eine präventive Anti-Drogen-Politik sind, so eine zentrale Schlussfolgerung der Studie, folglich die wichtigsten Grundvoraussetzungen für eine Eingliederung von Haftinsassen in den Arbeitsmarkt und somit für eine Reintegration in die Gesellschaft.

Erfolgreiche Betreuung von Straftätern erfordert qualifiziertes Personal. Die Erhebung der Situation in den Bundesländern ergibt auch hier eine große Variation. So liegt die die Anzahl der Sozialarbeiter und Diplompädagogen je 100 Gefangenen zwischen 3,19 in Berlin und 2,64 in Niedersachsen auf der einen Seite und bei 1,09 in Bayern und 0,99 in Thüringen auf der anderen Seite der Skala, der Quotient schwankt also um mehr als den Faktor drei.[6] Es wäre sehr hilfreich zu wissen, ob sich dieser erhöhte Personalaufwand lohnt. Einen Hinweis könnten länderspezifische Rückfallquoten geben. Diese liegen jedoch - trotz umfangreicher aber lediglich bundesweiter Auswertungen[7] - nicht vor.

Fußnoten

4.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Justiz auf einen Blick, Wiesbaden 2008.
5.
Vgl. Horst Entorf, Crime and the Labour Market: Evidence from a Survey of Inmates, in: Journal of Economics and Statistics, 229 (2009) 2 - 3, S. 254 - 269.
6.
Vgl. H. Entorf/J. Möbert/S. Meyer (Anm. 2), S. 208.
7.
Vgl. Jörg-Martin Jehle/Wolfgang Heinz/Peter Sutterer, Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen: Eine kommentierte Rückfallstatistik, herausgegeben vom Bundesministerium der Justiz, Berlin 2003, online: www.bmj.bund.de/media/archive/632.pdf (5.1. 2010).

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