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8.2.2010 | Von:
Horst Entorf

Strafvollzug oder Haftvermeidung - was rechnet sich?

Betrachtung der Zeit nach Haftentlassung

Evaluation erfordert eine Messung des "Erfolgs" der im Strafvollzug durchgeführten Maßnahmen. Dieser besteht letztendlich in vermiedener Kriminalität, streng genommen ist auch ein Rückfall auf ein minderschweres Niveau ein Erfolg. Eine Analyse der Effizienz des Vollzugswesens setzt folglich eine Bewertung der (vermiedenen) Kriminalitätsschäden voraus. Dabei ist die Verwendung einer gemeinsamen Messlatte in Geldeinheiten unumgänglich, um
  • verschiedene Arten von Kriminalität miteinander vergleichbar zu machen (z.B. den Rückfall bei der Mehrheit von Dieben und Betrügern im Vergleich zu einem eher seltenen, aber verhängnisvollen Rückfall bei Mördern oder Vergewaltigern) und
  • den Nutzen alternativer Strafformen (wie offener Vollzug gegenüber geschlossenem Vollzug) den jeweiligen finanziellen Kosten gegenüberstellen zu können.
Diese Überlegung führt zu einem wesentlichen Baustein der ökonomischen Evaluation, nämlich der Ermittlung der Kosten je Straftat bzw. der Kosten der Kriminalität generell. Die Bestimmung der Kosten der Kriminalität ist ein komplexes Unterfangen. Gleichwohl ist die Abwesenheit jedweder Information über die Höhe eines Schadens, den es zu vermeiden und möglichst zu steuern gilt, das ungleich größere Problem.

Die besondere Herausforderung bei der Bestimmung der Kosten der Kriminalität liegt darin, die Opferkosten einzubeziehen. Voraussetzung dafür ist, die Anzahl der Opfer und die Höhe des persönlichen Schadens zu erfassen. Das ist hierzulande nicht möglich, da Deutschland an den auf internationaler Ebene regelmäßig durchgeführten Opferbefragungen nicht teilnimmt.[8] Damit ist es ebenfalls nicht möglich, wichtige Erkenntnisse über das Ausmaß des Dunkelfelds und über die Relation der Schäden der bei der Polizei gemeldeten und nicht gemeldeten Straftaten aus Daten einer bundesweiten Opferbefragung zu gewinnen. Es muss allerdings betont werden, dass auch bei Vorliegen dieser Daten eine umfassende und hinreichend präzise Schadenserfassung ein schwieriges Unterfangen bleibt, was unter anderem darin begründet ist, dass Tötungsdelikte eine pekuniäre Bewertung des menschlichen Lebens erfordern. Dennoch bewirkt eine völlige (implizite) Nullbewertung dieser Kosten vermutlich größere Fehlschlüsse als beispielsweise eine Orientierung anhand von Ressourcenausfallkosten oder Produktivitätsverlusten für die Volkswirtschaft. Unterstützt durch Forschungsergebnisse für die USA,[9] die seelische und körperliche Schäden berücksichtigen, ist auch für Deutschland mit einer volkswirtschaftlichen Gesamtschadenssumme aus Kriminalität zu rechnen, die ein Vielfaches des vom Bundeskriminalamt (BKA) ausgewiesenen Wertes beträgt. So stellt Hannes Spengler eine Rechnung unter Verwendung des Wertes eines "statistischen Lebens" vor, in der sich für die vom BKA für das Jahr 2003 berichteten 1996 Todesopfer infolge von Kriminalität mit etwa 4 bis 5 Mrd. Euro[10] bereits ein wesentlich höherer Schaden ergibt als für das Massendelikt Diebstahl (bei etwa 2,76 Mio. Fällen), dessen Schaden das BKA mit 2,42 Mrd. Euro[11] bezifferte.

Fußnoten

8.
Vgl. John van Kesteren/Pat Mayhew/Paul Nieuwbeerta, Criminal Victimisation in Seventeen Industrialised Countries: Key findings from the 2000 International Crime Victims Survey, Den Haag 2000, online: www.politieke-vlieg.nl/download/wodc/2001/wodc187_web.pdf (5.1. 2010).
9.
Vgl. Ted R. Miller/Mark A. Cohen/Brian Wiersema, Victim Costs and Consequences: A New Look, U.S. Department of Justice, National Institute of Justice Research Report, 1996.
10.
Vgl. Hannes Spengler, Ursachen und Kosten der Kriminalität in Deutschland - Drei empirische Untersuchungen (Diss.), TU Darmstadt 2004, S. 226, online: http://elib.tu-darmstadt.de/diss/000531/spengler_hann es_diss.pdf (5.1. 2010).
11.
Bundeskriminalamt (BKA), Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2003, Wiesbaden 2004, S. 66.

Dossier

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