APUZ Dossier Bild

8.2.2010 | Von:
Horst Entorf

Strafvollzug oder Haftvermeidung - was rechnet sich?

Externe Effekte des Strafvollzugs: Der Aspekt der Abschreckung

Jegliche Kosten-Nutzenbetrachtung gerät schnell in die Schieflage, wenn man anstatt einer gesamtgesellschaftlichen eine rein "betriebswirtschaftliche" Sichtweise walten lässt. Zu einer ganzheitlichen Vorgehensweise gehört die Untersuchung möglicher externer Effekte, also von unbeabsichtigten Nebenwirkungen, die bei Fokussierung auf rein betriebswirtschaftliche Effizienz entstehen könnten. Es ist zu berücksichtigen, dass eine signifikante Änderung der Vollzugspolitik auch eine Verhaltensänderung der Rechtsadressaten zur Folge hätte. So würde wohl beispielsweise eine hypothetische Kurzzeittherapie von Sexualstraftätern anstelle eines langjährigen Freiheitsentzugs das empfundene Vertrauen der Bürger gegenüber der Rechtsprechung nachteilig beeinflussen und vermutlich die eigene Rechtstreue infrage stellen. Die Folge davon wäre eine vom Gesetzgeber nicht intendierte allgemeine Steigerung abweichenden Verhaltens.

Die hier angesprochene Wirkung von "Abschreckung"[12] wird in großen Teilen der deutschen Kriminologie kritisch gesehen. Um die Widersprüchlichkeit der zahlreichen Studien in der Literatur systematisch hinsichtlich der Bestätigung oder Ablehnung der Abschreckungshypothese zu untersuchen, wurden in einem gemeinsamen Projekt von Kriminologen und Ökonomen der Universität Heidelberg und der TU Darmstadt 700 kriminologische und ökonomische Studien zur negativen Generalprävention ermittelt und mittels einer Metaanalyse untersucht.[13] Einen Hinweis auf die Gültigkeit der Abschreckungshypothese erhielt man dabei in 73,8 Prozent der Schätzungen, wobei 41,7 Prozent auch im statistischen Sinne "signifikant" sind. Ein gegenteiliges Ergebnis (also deutlich mehr Kriminalität in Folge von erhöhter Abschreckung durch eine Anhebung der erwarteten Sanktionierung) ergab sich lediglich bei 7,8 Prozent der Effektschätzungen. Dies lässt den vorsichtigen Schluss zu, dass die Ergebnisse eher die Abschreckungshypothese bestätigen als sie ablehnen.

Hinweise auf perzipierte Abschreckung liefern auch die Ergebnissen des Projekts "Kosten und Nutzen von Haft und Haftvermeidung". Inhaftierte des Strafvollzugs wurden unter anderem nach ihrer Wahrnehmung bezüglich der eventuell vorherrschenden unterschiedlichen Strenge bei der Auslegung bestehender Gesetze in den deutschen Bundesländern gefragt, um so Antworten über die Existenz und das Ausmaß generalpräventiver Wirkungen zu bekommen.[14] Offensichtlich existieren klare Unterschiede in der Wahrnehmung. Während die Inhaftierten in Bayern und Baden-Württemberg die Justiz eindeutig als "streng" einordnen, wird sie in den Stadtstaaten Berlin und Hamburg überwiegend als eher "mild" angesehen.

Fußnoten

12.
Im Folgenden wird Generalprävention mit negativer Generalprävention bzw. "Abschreckung" gleichgesetzt. Insbesondere aus empirischer Sichtweise ist eine Unterscheidung von der positiven Generalprävention, also der Sanktionierung des Rechtsbruchs zwecks Einhaltung der Rechtstreue der Bevölkerung, kaum operationalisierbar.
13.
Vgl. Dieter Dölling/Horst Entorf/Dieter Hermann/Thomas Rupp, Is Deterrence Effective? Results of a Meta-Analysis of Punishment, in: European Journal on Criminal Policy and Research, 15 (2009) 1 - 2, S. 201 - 224; Thomas Rupp, Meta Analysis of Crime and Deterrence: A Comprehensive Review of the Literature (Diss.), TU Darmstadt 2008, online: http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/1054/2/rupp_diss.pdf (5.1. 2010).
14.
Vgl. H. Entorf/J. Möbert/S. Meyer (Anm. 2).

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch 70 Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus?

Mehr lesen