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8.2.2010 | Von:
Horst Entorf

Strafvollzug oder Haftvermeidung - was rechnet sich?

Kosten und Nutzen des Strafvollzugs: Die kurzfristige Einjahresbilanz

Die in der Einleitung erwähnte Gegenüberstellung der jährlichen Kosten der Inhaftierung eines Insassen mit dem Nutzen, der sich durch die Neutralisierung und die so vermiedenen Straftaten ergibt, wird in den nachfolgenden Ausführungen konkretisiert.

Für die Bewertung des Nutzens sind zwei Angaben erforderlich:´
  • a) Wie viele Taten hätten Täter begangen, wenn sie nicht inhaftiert oder gesichert, sondern in ihrem bisherigen Umfeld belassen worden wären?
  • b) Mit welchem Eurobetrag ist jedes der Delikte, das Täter in Freiheit begangen hätten, zu gewichten?

    Die Tabelle (vgl. Tabelle der PDF-Version) liefert die entsprechenden Angaben. Zunächst werden anhand der Statistik des Strafvollzugs des Statistischen Bundesamtes die 61 106 Insassen des Jahres 2008[15] in wesentliche Straftatengruppen unterteilt. Die Kategorisierung erfolgt nach der Maßgabe, möglichst homogene Gefährdungspotenziale zusammenzufassen. Aus diesem Grund wurden unter "Tötungsdelikte" nicht nur "Straftaten gegen das Leben" (4546) erfasst, sondern weitere Täter anderer Kategorien umgruppiert, wenn deren Taten Todesfälle nach sich zogen (z.B. gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge, sexueller Missbrauch mit Todesfolge). So werden in Tabelle 1 insgesamt 5396 Personen unter "Tötungsdelikte" erfasst, das sind 8,9 Prozent aller Insassen. Die größte Gruppe stellt jedoch mit 20,9 Prozent die wegen klassischer Eigentumsdelikte einsitzenden Personen (Diebstahl, Unterschlagung, Einbruch) dar. Zahlenmäßig kleiner, aber mit überproportionaler Gefahr verbunden sind die Gruppen der Sexualdelikte (7,2 Prozent). und der Körperverletzung (11,8 Prozent). Die "Wirtschaftsstraftäter" der Gruppe "Betrug, Untreue" stellen weitere 10,9 Prozent der Gefängnisinsassen. Neben einer Vielzahl von kleineren Gruppierungen ("Sonstiges") und "Brandstiftung" stellen die auf Grund von Drogendelikten verurteilten Straftäter mit 15,6 Prozent eine relativ große Gruppe. Eigentlich ist die Zahl der Insassen mit Drogenhintergrund jedoch noch deutlich größer. Ein nicht unerheblicher Anteil der "Diebe" und "Einbrecher" sitzt wegen Beschaffungskriminalität.

    Um die potenzielle Gefährdung durch die Gefängnispopulation zu bestimmen, werden Angaben zum Dunkelfeld benötigt. Hierzu werden die Daten der bundesweiten Insassenbefragung verwendet, in der die Inhaftierten auch zu (unentdeckten) Straftaten im Jahr vor deren Inhaftierung befragt wurden.[16] Da das arithmetische Mittel des Dunkelfelds durch wenige extreme Werte (sehr wahrscheinlich verursacht durch wenige unseriöse Übertreibungen) nach allem Augenschein oft zu hoch, der Median aber gerade wegen der Existenz von Intensivtätern zu gering ausfallen dürfte, enthält die Tabelle als Häufigkeit pro Jahr (Spalte 3) das Minimum aus dem 75 Prozent-Quantil und dem Mittelwert der entsprechenden Tabelle in Entorf et al.[17] Fehlende Werte wurden durch Schätzwerte ersetzt.

    Die Schwere der Tat wird mit dem in Euro ausgedrückten Schaden gewichtet. Diese Bewertung ist notwendig, auch um der Tatsache gerecht zu werden, dass Schutz vor Gewalt wichtiger ist als Schutz beispielsweise vor einfachem Diebstahl; hierfür benötigt man eine aussagefähige Messlatte. Eine ökonomische Bewertung des Schadens ist der Ignoranz von Opferleid und anderer Folgeschäden vorzuziehen.

    Das britische Home Office nimmt bei der Gewichtung der Straftaten in Europa eine Vorreiterrolle ein. Es hat unlängst ein Update seiner Berechnung der Kosten der Kriminalität vorgelegt.[18] Diese berücksichtigt nicht nur den Wert verlorener Güter, sondern auch physische und emotionale Schäden der Opfer, vorsorgende Versicherungsleistungen (z.B. hinsichtlich PKW-Diebstahl, Wohnungseinbruch), verringerte Produktivität der Opfer, Kosten für das Justizsystem (nachgelagerte Prozesskosten, Haftaufenthalte) und anderes mehr. In dieser Studie soll daher - ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Berücksichtigung vieler Details, z.B. hinsichtlich einer bei sorgfältigerer Analyse sehr viel tiefer zu disaggregierenden Deliktgruppen - auf umgerechnete britischen Zahlen zurückgegriffen werden.

    Der höchste angesetzte Betrag (Spalte 4) ist der für Mord und Totschlag, für den das Home Office 2,146 Mio. Euro ansetzt, was in etwa der von Spengler errechneten Untergrenze von 2,250 Mio. Euro entspricht. Sexual Offences werden in England und Wales mit 31 438 Pfund, etwa 46 000 Euro (es werden Wechselkurse des Jahres 2006 angesetzt), eingestuft, wobei "Sexual Offences" bei der Verwendung deutscher Statistiken am ehesten mit der Kategorie "Sonstige Sexualdelikte" übereinstimmen. Mangels einer besonderen Berücksichtigung der besonders schweren Sexualdelikte (Vergewaltigungen, sexueller Missbrauch von Kindern) werden hierfür die diesbezüglichen (inflationsangepassten) Berechnungen von Miller, Cohen und Wiersema verwendet (100 000 Euro pro Tat).[19] Für Raub und räuberische Erpressung würde man bei Anwendung der in der Polizeilichen Kriminalstatistik des BKA nur einen Wert von etwa 1600 Euro pro Fall erhalten, der jedoch vernachlässigt, dass es sich um eine Gewalttat handelt, die auch physische und emotionale Schäden (allein hierfür setzt das Home Office 3048 Pfund an) und Kosten der Justiz mit sich bringt (Ansatz von 2601 Pfund). Insgesamt ergibt sich so ein Betrag von 10 700 Euro pro Fall. Ähnlich sind die Fälle von leichter und gefährlicher Körperverletzung gelagert. Für Serious Wounding setzt das Home Office 21 422 Pfund an, für Other Wounding einen Betrag von 8056 Pfund. Die hohen Beträge kommen nur zum Teil durch die physischen und psychischen Schäden bei den Opfern zustande (4554 Pfund), sondern vor allem durch die Kumulierung der Posten Lost Output, Health Services und Criminal Justice System. Diebstahl ist vom Home Office in eine Vielzahl von Teilkategorien unterteilt worden, für die Oberkategorie Theft ergibt sich ein durchschnittlicher Betrag von 844 Pfund (1241 Euro), auf den auch in der vorliegenden Studie zurückgegriffen wird. Die Schäden durch Betrug und Untreue wurden mangels einer Entsprechung beim Home Office durch die Zahlen des BKA (3700 Euro je Tat bzw. 37 000 Euro pro Täterjahr) abgedeckt. Sehr schwierig ist die Situation bei Drogendelikten. Der Schaden besteht, soweit er nicht als Eigentums- oder Gewaltdelikt anderswo verortet ist, hauptsächlich in der fortwährenden Selbstzerstörung, die jedoch für die Gesellschaft enorme Folgekosten für medizinische und soziale Betreuung mit sich bringt.

    Wie zu erwarten ist, drohen durch lebensbedrohende Gefahren die größten Schäden. Wären die wegen Tötungsdelikten einsitzenden Straftäter in Freiheit und würden sie sich so verhalten wie kurz vor ihrer Inhaftierung, so hätte die Gesellschaft einen in Geldeinheiten bewerteten Verlust in Höhe von 1,157 Mrd. Euro zu erwarten (Spalte 5; sie ergibt sich aus der Multiplikation der Größen in den Spalten 2 bis 4). Das sind 31,9 Prozent aller vermiedenen Schäden, die sich insgesamt auf 3,625 Mrd. Euro belaufen. Die prozentuale Verteilung zeigt vor allem eines, nämlich dass Gewaltstraftaten deutlicher in den Vordergrund rücken, als es die rein zahlenmäßige Auflistung der Gefängnispopulation vermuten lässt. Nimmt man alle Gewaltstraftaten zusammen (Tötungs- und Sexualdelikte, Körperverletzung, Raub), so ergibt sich daraus ein Anteil von 70,6 Prozent der zu befürchtenden Gesamtschäden, die sich auf lediglich 40,3 Prozent der Insassen verteilt.

    Komprimiert man die heterogene Zusammensetzung deutscher Justizvollzugsanstalten auf einen Durchschnittsinsassen, so ist zu erwarten, dass durch diesen potentiellen Straftäter pro Jahr rund 59 000 Euro Schaden (Division des Gesamtschadens durch die Anzahl der Haftinsassen, siehe die Tabelle) entstehen würden. Der Nutzen seiner Sicherung übersteigt also deutlich die Kosten von 29 000 Euro,[20] die sein Haftplatz die Gesellschaft kostet. Schaut man genauer hin, so geht die Rechnung nicht für jede einzelne Kategorie auf. Bei Diebstahls- und Drogendelikten scheint - zumindest unter den getroffenen Annahmen - die durchschnittlich teure Unterbringung von etwa 29 000 Euro den Nutzen (24 000 bzw. 12 500 Euro) zu überwiegen. Diese Diskrepanz gibt Anlass, für Teilgruppen der Verurteilten über Haftalternativen (beispielsweise elektronische Fußfessel, Fahrverbote) nachzudenken.

  • Fußnoten

    15.
    Vgl. Statistisches Bundesamt, Strafvollzug: Demographische und kriminologische Merkmale der Strafgefangenen zum Stichtag 31.3. 2008, Fachserie 10, Reihe 4.1, Wiesbaden 2009; nicht erfasst wurden jene 1242 Personen, die wegen Verstößen gegen das Straßenverkehrsgesetz eine Haftstrafe verbüßen.
    16.
    Vgl. H. Entorf/J. Möbert/S. Meyer (Anm. 2).
    17.
    Vgl. ebd., S. 58.
    18.
    Vgl. Home Office, The economic and social costs of crime against individuals and households 2003/04, Home Office Online Report 30/05, 2005, in: www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs05/rdsolr3005.pdf (4.1. 2010).
    19.
    Vgl. T. R. Miller/M. A. Cohen/B. Wiersema (Anm. 9).
    20.
    Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 4), S. 58f.

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