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8.2.2010 | Von:
Philipp Walkenhorst

Jugendstrafvollzug

Rechtstatsächliche Befunde

Vollzogen wird Jugendstrafe in "geschlossenen" und für geeignete Inhaftierte in "offenen" Anstalten. Geschlossener Vollzug beinhaltet die "sichere" Unterbringung. Beim offenen Vollzug werden keine oder nur verminderte Vorkehrungen gegen Entweichungen getroffen (keine baulichen und technischen Sicherungsmaßnahmen wie Umfassungsmauern, Fenstergitter und besonders gesicherte Türen; keine ständige und unmittelbare Aufsicht). Jugendstrafvollzug "in freien Formen" ermöglicht es, den Vollzug außerhalb einer Strafanstalt in Einrichtungen der Jugendhilfe abzuleisten, um die problematischen Begleitumstände der Unterbringung in Haftanstalten zu verringern und größere pädagogische Handlungsspielräume nutzen zu können.[8] Am 31. März 2008 befanden sich in den 27 selbständigen Anstalten des Jugendstrafvollzugs 6 557 junge Inhaftierte im Alter von 14 bis 24 Jahren, davon 6 089 im geschlossenen und 468 im offenen Vollzug. 240 junge Frauen waren in geschlossenen und 24 in offenen Formen des Jugendvollzugs untergebracht.[9] Für junge männliche und weibliche Inhaftierte bestehen zudem Sonderabteilungen innerhalb von Erwachsenenanstalten. "Eigentliche" Jugendliche (unter 18 Jahren) stellen regelmäßig eine Minderheit von selten mehr als zehn Prozent der jeweiligen Vollzugspopulation dar. Restriktive Vollzugspolitik führt zu Überbelegungen im geschlossenen und freien Kapazitäten im offenen Vollzug.

Die meisten Jugendstrafgefangenen verbüßen ihre Haftstrafe wegen Eigentums- und Vermögensdelikten (33,5 %), gefolgt von Raub und Erpressung mit 25,7 % und Gewaltdelikten mit 22,9 %. Drogendelikte haben einen Anteil von 7,4 %, Sexualdelikte von 3,6 %. Der Gewalttäteranteil ist in den ostdeutschen Bundesländern deutlich größer. Während sich der Gewaltdeliktanteil unter Einschluss von Raub und Erpressung sowie der Sexualdelikte von 1980 (22,5 %) bis 2005 (52,2 %) fast verdoppelte, ging der Anteil von Diebstahl und Unterschlagung zurück. Auch bei anderen Tätergruppen (Drogendealer, Eigentumstäter im Bereich Wohnungseinbruch, Autodiebstahl) können im Einzelfall erhebliche Aggressions- und Gewaltpotentiale angenommen werden.[10] Inwieweit daraus Begründungen für deliktspezifische Förderkonzepte (wie Anti-Aggressivitäts-Trainings) ableitbar sind, ist unklar. Dennoch wurden in den Jugendanstalten vor dem Hintergrund politischer Entscheidungen eigene Abteilungen für Sexual- und ggf. sonstige Gewalttäter eingerichtet. Unbekannt ist die Zahl partiell oder vollständig falscher jugendstrafrechtlicher Verurteilungen und unrechtmäßig Inhaftierter.[11]

Der Anteil der Betäubungsmitteldelinquenten lag 2002 bei etwa 9 %.[12] Als drogenabhängig werden bis zu 30 % männlicher und bis zu 70 % weiblicher Inhaftierter je nach Vollzugsart eingeschätzt. Ein hoher Prozentsatz konsumiert in der Haft trotz erschwerter Beschaffung und erhöhten Preisniveaus zumindest gelegentlich Drogen.[13] Bisher nicht betroffene Inhaftierte können unter Haftbedingungen zu Drogenabhängigen werden.[14]

Zahlen über psychisch kranke Inhaftierte in deutschen Jugendanstalten liegen nicht vor. Im schleswig-holsteinischen Jugendvollzug wurden jedoch bei einem Großteil der jungen Gefangenen psychische Störungen diagnostiziert. Rund 81 % der Untersuchten wiesen Störungen des Sozialverhaltens, 77 % eine Persönlichkeitsstörung auf.[15]

Lebens- und Lerngeschichten junger Inhaftierter, ihre schulische und berufliche Qualifikation werden als ungünstig beurteilt (übermäßige Aggressivität, geringe schulische Qualifikation, Lehrabbrüche, sexueller Missbrauch, Drogenkonsum, Anschaffungsprostitution, Heimaufenthalte, frühe Kriminalisierung). Die in westdeutschen Jugendanstalten vorhandene ethnische Vielfalt markiert angesichts mangelnder sprachlicher Verständigungsmöglichkeiten, unterschiedlichster Religionszugehörigkeiten und ritueller Bedürfnisse sowie vorhandener Gegensätze zwischen einzelnen Ethnien oder Religionen weitere erzieherische Herausforderungen. Die meisten Jugendstrafgefangenen verbüßen eher kurze Strafzeiten.[16] Diese liegen bei männlichen Inhaftierten in der Regel zwischen fünf und 30, im Durchschnitt bei etwa 13 Monaten. Bei weiblichen Inhaftierten umfassen sie fünf bis 16, im Durchschnitt 8,5 Monate.[17] Ein Teil der Gefangenen kommt wegen kurzer Haftzeit nicht für den Besuch schulischer oder beruflicher Maßnahmen infrage.[18] Die Fluktuation in den Anstalten führt zu ständigem Wechsel von Maßnahmeteilnehmern mit störenden Auswirkungen auf die Bildungsprozesse.

Fußnoten

8.
So beispielsweise das Projekt "Chance" in Baden-Württemberg, online: www.projekt-chance.de/Jugendprojekte/Jugendprojekt.htm (5.1. 2009).
9.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Rechtspflege: Strafvollzug - Demographische und kriminologische Merkmale der Strafgefangenen zum Stichtag 31.3. - Fachserie 10, Reihe 4.1 (Stand: 31.3. 2008), Wiesbaden 2009, online: www.destatis.de (30.12. 2009).
10.
Vgl. Frieder Dünkel/Bernd Geng, Rechtstatsächliche Befunde zum Jugendstrafvollzug in Deutschland, in: Forum Strafvollzug, 56 (2007) 2, S. 69f.
11.
Vgl. Ulrich Eisenberg, Zum RefE eines JStVollG des BMJ vom 28.4. 2004, in: Recht der Jugend und des Bildungswesens, 87 (2004) 5, S. 355.
12.
Vgl. Ulrich Eisenberg, Kriminologie - Jugendstrafrecht - Strafvollzug, München 2000, S. 70.
13.
Vgl. Bundesministerium des Innern/Bundesministerium der Justiz (Hrsg.), Zweiter Periodischer Sicherheitsbericht, Berlin 2006, S. 612.
14.
Vgl. Michael Walter, Strafvollzug, Stuttgart 1999, S. 282f.; Heino Stöver, Drogenkonsum und Infektionskrankheiten im Strafvollzug, in: Kriminologisches Journal, 31 (1999) 4, 271 - 288.
15.
Vgl. Denis Köhler, Psychische Störungen bei jungen Straftätern, Hamburg 2004.
16.
Beispiel NRW: zwischen zehn und zwölf Monaten; vgl. Ulrike Eder, Jugendstrafvollzug in NRW heute. Ein aktueller Sachstandsbericht, in: Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Ist der Jugendstrafvollzug noch zeitgemäß?, Düsseldorf 2004, S. 4.
17.
Vgl. J. Walter (Anm. 1), S. 252 und 264; Justizministerium des Landes NRW (Hrsg.), Justizvollzug in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2008, S. 29.
18.
Zur Notwendigkeit pädagogischer Kurzzeitmodule vgl. Gotthilf Gerhard Hiller, Lebenslagen und Lebenswege junger Menschen als Bezugsrahmen für Bildungstheorie und Schulpädagogik, in: Evangelische Akademie Bad Boll (Hrsg.), Neue Herausforderungen für die Pädagogik im Justizvollzug: Berufsbild - Didaktik - Werte, Bad Boll 2000, S. 43.

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