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8.2.2010 | Von:
Philipp Walkenhorst

Jugendstrafvollzug

Pädagogische Herausforderungen

Jugendvollzug soll die jungen Inhaftierten zu einem Leben ohne Straftaten befähigen. Vorhandene, sozial akzeptierte Verhaltensmuster und -bereitschaften sind zu unterstützen und zu ermutigen, unakzeptable Muster und Bereitschaften zu konfrontieren und auch deutlich zu begrenzen sowie nicht vorhandene (pro-)soziale Verhaltensmuster und -bereitschaften aufzubauen und einzuüben.

Jugendvollzug gestaltet sich anders als Erwachsenenvollzug. Das Zeitempfinden junger Menschen ist anders, ihr Gegenwartsbezug größer als die Zukunftsorientierung, ihre Selbstkontrolle bisweilen unterentwickelt. Sie leiden stärker unter erzwungenem Alleinsein, der Trennung vom gewohnten Umfeld und fallen häufiger durch Disziplin- und Autoritätskonflikte gegenüber dem Personal auf. Ihr Verhalten ist weniger verfestigt, ihre Entwicklungsmöglichkeiten sind offener. Die Haftzeit birgt Chancen, junge Inhaftierte über eine große Bandbreite pädagogisch-psychologischer Hilfen zu erreichen, aber auch Gefahren durch schädliche Wirkungen der Inhaftierung (gewalttätige Subkulturen, Langeweile, schwierige Zukunftsaussichten durch den Strafmakel). Immerhin werden in der Mehrzahl der Länderstrafvollzugsgesetze weit über die Bestimmungen der bis zum 31.12. 2007 geltenden VVJug hinausgehend präzise Inhaltsbereiche der Förderung beschrieben. Z.B. heißt es im § 5 Abs. 3 des hessischen Jugendstrafvollzugsgesetzes (HessJVollzG) vom 19.11. 2007: "Die Maßnahmen sollen den Gefangenen ermöglichen, sich mit ihrer Straftat und deren Folgen auseinanderzusetzen. Sie umfassen darüber hinaus insbesondere schulische und berufliche Bildung, Arbeitstherapie, soziales Training, Sport und die verantwortliche Gestaltung des alltäglichen Zusammenlebens, der Freizeit sowie der Außenkontakte."

Dies ist ein gelungener Versuch, als wesentlich im Hinblick auf das Vollzugsziel erkannte inhaltliche Schwerpunkte vollzuglicher (Re-) Sozialisierungsarbeit festzuschreiben. Pädagogisches Handeln ist ständig gefordert, junge Gefangene auf der Basis ermutigender Grundhaltung mit Phantasie und Kreativität dafür zu gewinnen, ihre Lebensführung zu überdenken, Handlungsmuster einer alternativen, dem Vollzugsziel näher kommenden Lebensperspektive zu entwickeln und entsprechende Entscheidungen zu treffen.[29] Jedoch weist Jugendvollzug diesbezüglich strukturelle und nur begrenzt korrigierbare Schwachstellen und Widersprüche auf. Merkmale der Haft sind auch die Mikroökonomie illegaler Güter und Dienstleistungen, Misstrauen gegenüber Mitgefangenen und Bediensteten sowie Strategien des "Überlebens" in einer permanent unsicheren Situation mit psychischen und sozialen Belastungen. Offiziellen Programmen von Schule, Berufsausbildung, Freizeitgestaltung und Therapie steht ein Schattenprogramm gegenüber, das in erster Linie auf Anerkennung durch Mithäftlinge im Nahbereich, Konformität mit eigenen Bezugsgruppen bzw. Cliquen und nicht zuletzt auf Anwendung körperlicher Gewalt basiert.[30] Autonomie und Verselbständigungsversuche kollidieren mit den starren Ordnungs- und Organisationsstrukturen einer Haftanstalt, welche auf Disziplinkonflikte eher mit Bestrafung als mit erzieherischen Gesprächen reagieren. Auswirkungen solcher Widersprüche auf spätere Reintegration wurden bislang kaum untersucht (man denke an Folgen der Zwangsgemeinschaften von Menschen, die fast alle mehr oder weniger langdauernde abweichende Karrieren, teils schon Hafterfahrung hinter sich haben und mit dieser Erfahrung den Apparat gut durchschauen und für sich nutzbar machen).[31]

Widersprüchlich ist auch das Lernen für die Freiheit unter Bedingungen von Abgeschlossenheit, dessen Chancen als Labor und Trainingsmöglichkeit für angemessenes Verhalten jedoch auch zu beachten sind. Hinzu kommt das systemkonstitutive Machtgefälle zwischen Inhaftierten und Mitarbeiterschaft, wenn doch Lernen aufgrund von Einsicht und nicht aufgrund erzwungener Opportunität stattfinden soll - eine bislang kaum bewältigte Herausforderung für glaubwürdige und handlungsorientierte politische Bildung im Jugendvollzug. Problematisch ist die Konzentration schwieriger junger Menschen auf engstem Raum unter weitgehender Absenz nicht-delinquenter, positiver und nacheifernswerter Verhaltensmodelle, die finanzielle und personalbezogene Unmöglichkeit, allen vorhandenen Förderbedarfen in differenzierter Weise gerecht zu werden und recht kurze Verweildauern, welche eine umfassende Förderung kaum zulassen. Hinzuweisen ist auf die Marginalstellung des Mädchen- und Frauenvollzugs innerhalb eines auf männliche Inhaftierte abgestellten Strafvollzugs sowie das verbreitete Desinteresse von Öffentlichkeit und Medien an gelingender vollzuglicher Reintegrationsarbeit.

Fußnoten

29.
Vgl. Philipp Walkenhorst, Rehabilitationspädagogische Perspektiven des Jugendstrafvollzugs, in: Helmut Reiser/Andrea Dlugosch/Mark Willmann (Hrsg.), Professionelle Kooperation bei Gefühls- und Verhaltensstörungen, Hamburg 2008, S. 196ff.
30.
Joachim Walter/Uli Waschek, Die Peergroup in ihr Recht setzen. Das Just-Community-Projekt in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim, in: Mechthild Bereswill/Theresia Höynck (Hrsg.), Jugendstrafvollzug in Deutschland, Mönchengladbach 2000, S. 194f.
31.
Vgl. H. Ostendorf (Anm. 22), S. 86f.

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