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8.2.2010 | Von:
Philipp Walkenhorst

Jugendstrafvollzug

Perspektiven

Hinsichtlich des Vollzugsziels der Befähigung zu einem Leben in Freiheit und ohne Straftaten bedarf es dreier Hauptkomponenten angemessener Förderung:
  1. der vorinstitutionellen und diagnostischen Komponente, d.h. der Nutzung personbezogener Erfahrungsbestände "abgebender" Einrichtungen wie Schulen, Heime, sonstige Jugend- und Sozialhilfeeinrichtungen und des Einsatzes aktueller, möglichst dialogisch angelegter diagnostischer Verfahren zur Abklärung des bildungsbezogenen wie auch psychosozialen Förderbedarfs,
  2. der institutionellen Komponente differenzierter, ressourcenorientierter Förderung entsprechend den festgeschriebenen Inhaltsbereichen, durch förderliche Unterbringungsformen, qualifiziertes Personal und weitestmögliche Angleichung des Anstaltslebens an die Lebensverhältnisse in Freiheit sowie
  3. der nachinstitutionellen Komponente als qualifizierter Entlassungsvorbereitung sowie einzelfallorientierter Nachbegleitung, bei Haftentlassung auf Bewährung unter anderem durch die Bewährungshilfe, bei Entlassung nach Verbüßung der Endstrafe durch den Vollzug in Kooperation mit der freien Straffälligenhilfe sowie durch freiwilligen Verbleib in der Anstalt zum Abschluss von Bildungsmaßnahmen und weitere Stabilisierungsangebote.
Jugendstrafe ohne Bewährung weist mit etwa 78 % die höchste Rückfallquote auf, mit Bewährung dagegen nur 60 %.[32] "Wirkliche" Rückfalldeterminanten sind weitgehend unbekannt. Alter (junge Entlassene), Geschlecht (Männer), Vorerfahrungen (frühe formelle Polizei- und Justizkontakte), "kritische Zeiträume" nach Haftentlassung (höchste Rückfallgefahr in den ersten drei bis sechs Monaten nach Haftentlassung), u.U. die Beendigung der Bewährungsaufsicht markieren rückfallbegünstigende Faktoren. Hinzu kommen erschwerte Lebenssituationen wie Alkoholprobleme, oberflächliche Sozialkontakte, negative Arbeitshaltung und häufiger Kontakt zum Milieu. Aufgrund kurzer Haftzeiten und hoher Rückfallraten kommt der Nachsorge und Stabilisierungshilfen nach Haftentlassung große Bedeutung zu, wie auch schon während der Haft positive vorhandene Sozialkontakte und berufliche Orientierungen nach Möglichkeit erhalten und gefördert werden sollen.[33]

Dennoch bleibt die Inhaftierung junger Straftäter eine "ultima ratio", wenn man mit dem Straftäter nichts Besseres anzufangen wusste, als ihn einzusperren.

Fußnoten

32.
Vgl. ders., Vorbemerkungen, in: ders. (Hrsg.), Jugendstrafvollzugsrecht, Baden-Baden 2009, S. 88f.
33.
Vgl. Daniela Hosser/Oliver Lauterbach/Theresia Höynck, Und was kommt danach? Entlassungsvorbereitung und Nachentlassungssituation junger Strafentlassener, in: J. Goerdeler/P. Walkenhorst (Hrsg.) (Anm. 3), S. 409.

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