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8.2.2010 | Von:
Klaus Laubenthal

Gefangenensubkulturen

Rangordnungen unter den Gefangenen

Mit dem Haftantritt erfolgt für die Verurteilten eine Ausgliederung aus ihrer gewohnten sozialen Umwelt. Sie verlieren ihren bisherigen gesellschaftlichen Status und werden in ein neues, geschlossenes soziales System eingegliedert. Das Leben in einer Einrichtung des Justizvollzugs setzt die Insassen einer Vielzahl unerwünschter Situationen und Kontakte aus, ohne dass sie stets in der Lage wären, diesen auszuweichen. Die Inhaftierten erleben so einen Verlust an persönlicher Sicherheit. Über ein hohes Angstniveau unter Insassen berichten nicht nur nordamerikanische Strafvollzugsstudien. Ein angstbesetztes Klima in den Vollzugseinrichtungen ermittelten auch jüngere Untersuchungen im deutschen Strafvollzug.[5]

Die Inhaftierten finden in der JVA hierarchische Statusdifferenzen unter den Mitgefangenen vor. Neuankömmlinge erfahren auf der zwischenmenschlichen Ebene, dass sie sich behaupten müssen. Sie sind gezwungen, in ihrem eigenen Interesse einen Platz in der Rangordnung zu finden. Neuinsassen sind zunächst besonders gefährdet, Opfer von Unterdrückung und Misshandlung zu werden. Sie stehen vor der Aufgabe, sich beweisen zu müssen. Sie erfahren, dass ein ganz wesentlicher Aspekt zur Statuserlangung physische Stärke darstellt. Wer Durchsetzungsvermögen besitzt, wer in der Lage ist, sich Respekt zu verschaffen, wer sich nichts gefallen lässt, der läuft weniger als andere Gefahr, Opfer zu werden oder zu bleiben. Männliche Inhaftierte testen aus, wie die eigene Männlichkeit unter den Augen der anderen Männer abschneidet.[6] Statusfunktion kommt neben der physischen Stärke noch anderen Gesichtspunkten zu. Macht und Ansehen in der Gefangenengemeinschaft bedingen etwa die Deliktsebene (wie Mord), die Haftdauer sowie Hafterfahrung. Statusfunktion kommt sozialer und intellektueller Kompetenz zu. Von Bedeutung sind ferner Zugangsmöglichkeiten zu illegalen Gütern (vor allem zu Betäubungsmitteln), Kontakte zu einflussreichen Mitinhaftierten oder gute Rechtskenntnisse.

In der vollzuglichen "Hackordnung" besitzen jedoch nicht nur Neuankömmlinge zunächst ein höheres Opferrisiko. Dies betrifft auch diejenigen, die durch körperliche Schwäche auffallen, denen es an Durchsetzungsvermögen fehlt oder die aus anderen Gründen nicht bereit sind, Gewalt anzudrohen oder auszuüben. Eine Ausgrenzung erfahren solche Tätergruppen, die aufgrund der Art ihrer Straftat von vornherein von einem Aufstieg ausgeschlossen bleiben. Das gilt für Sexualstraftäter im Männerstrafvollzug - vor allem solche des sexuellen Kindesmissbrauchs - sowie für wegen Kindestötung inhaftierte Mütter in den Fraueneinrichtungen; Gleiches betrifft auch transsexuelle Gefangene. Sie alle rangieren in der Gefangenenhierarchie auf niedrigster Stufe. Gewalt gegen sie dient nicht der Bestimmung eines Platzes in der "Hackordnung", sondern ist Ausgrenzungsgewalt. Zudem kommt es zu erniedrigenden Vorgehensweisen u.a. aus sadistischer Veranlagung heraus.

Gewaltandrohung und -ausübung stellen unter den Insassen von Vollzugseinrichtungen anerkannte Mittel dar, die Position der einzelnen Inhaftierten in der Gefangenenhierarchie zu bestimmen. Der Zwang, sich durchsetzen zu müssen, beherrscht aber nicht nur das Verhalten der Neuinhaftierten. Über die gesamte Haftzeit hinweg ist der Alltag von fortwährenden Anerkennungsritualen und Positionskämpfen in einer dynamischen Rangordnung geprägt. Präsentiert wird Aggressivität. Es kommt zu physischer Gewalt, wobei es nicht nur bei Körperverletzungen bleibt. Die Gewalttätigkeit unter Inhaftierten erfolgt nicht selten auch sexualbezogen. Ein spezifisches Problem in den Vollzugs-einrichtungen stellt der sexuelle Missbrauch von Mitgefangenen dar.[7] Nordamerikanische empirische Untersuchungen gehen von einem Anteil von bis zu 20 Prozent der Inhaftierten aus, die während der Haft mindestens einmal Opfer von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung durch andere Gefangene wurden.[8] Sexuelle bzw. sexualisierte Gewalt in Haftanstalten werden häufig aus Scham oder Angst vor Rache verschwiegen, und es existiert deshalb eine hohe Dunkelziffer. Dabei ist sexuelle Gewalt in Strafvollzugseinrichtungen für Männer offenbar stärker verbreitet als in Haftanstalten für Frauen. Dennoch kommt es auch unter weiblichen Gefangenen zu sexuellen Übergriffen.

Zu den Formen des Gewalthandelns in den Vollzugseinrichtungen gehört ferner das Unterdrücken von Mitgefangenen. Insbesondere inhaftierten Jugendlichen dient das sogenannte Bullying, das systematische Schikanieren einer Person, als Durchsetzungsmittel zur Statuserlangung. Über einen längeren Zeitraum hinweg kommt es zu einem andauernden aggressiven und herabsetzenden Verhalten gegenüber einem Gefangenen durch einen oder mehrere Mitinhaftierte. Dabei existiert zwischen Opfer und Täter(n) ein Ungleichgewicht der Kräfte. Oftmals ist aber keine eindeutige Zuordnung zu Opfer- und Täterschaft möglich. Es gibt Inhaftierte, die sowohl Täter als auch Opfer des Bullying sind.[9]

Fußnoten

5.
Vgl. Helmut Kury/Ursula Smartt, Gewalt an Strafgefangenen, in: Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligenhilfe, 51 (2002) 6, S. 323-339; Eckart Werthebach/Hubert Fluhr/Klaus Koepsel/Johannes Latz/Klaus Laubenthal, Kommission Gewaltprävention im Strafvollzug - Nordrhein-Westfalen. Ergebnis der Überprüfung des Jugend- und Erwachsenenstrafvollzuges, Bonn 2007.
6.
Vgl. Mechthild Bereswill, The Society of Captives - Formierungen von Männlichkeit im Gefängnis, in: Kriminologisches Journal, 36 (2004) 2, S. 92-108; siehe auch Wolfgang Kühnel, Gruppen und Gruppenkonflikte im Jugendstrafvollzug, in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 89 (2006) 4, S. 276-290.
7.
Siehe H. Kury/U. Smartt (Anm. 5), S. 323-339.
8.
Vgl. Nicola Döring, Sexualität im Gefängnis, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 19 (2006) 4, S. 315-333; siehe auch Gerlinda Smaus, Die ultimative Erniedrigung - Was die Vergewaltigung von Männern durch Männer in Gefängnissen bedeutet, in: Neue Zürcher Zeitung vom 2.11. 2007, S. 29.
9.
Vgl. Eduard Matt, Gewalthandeln und Kontext: Das Beispiel Bullying, in: Bewährungshilfe, 53 (2006) 4, S. 339-348.

Dossier

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