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8.2.2010 | Von:
Klaus Laubenthal

Gefangenensubkulturen

Verurteilte mit Migrationshintergrund

Statusfunktion in der Hierarchie kommt auch der Gruppenzugehörigkeit zu. Letztere wird in den JVAen vor allem durch soziale Kategorien bestimmt, wobei ethnische Merkmale (bestimmte ausländische Herkunft; Spätaussiedler) im Vordergrund stehen. In den bundesdeutschen JVAen war seit Mitte der 1980er Jahre eine fast kontinuierliche Zunahme der Anzahl von nichtdeutschen Inhaftierten zu verzeichnen.[10] Bewegte sich deren Quote lange im Bereich von zehn Prozent, wuchs sie seit Beginn der 1990er Jahre sprunghaft an. 1994 hatte bereits jede fünfte straffällig gewordene Person im Vollzug der Freiheitsstrafe keine deutsche Staatsbürgerschaft. Bis 1999 wuchs der Anteil auf 24,5 Prozent und lag am 31. März 2008 bei 22,2 Prozent.[11] Der relativ hohe Anteil nichtdeutscher Inhaftierter stellt besondere Anforderungen an Justizverwaltung und Anstaltspersonal. Ein bedeutender Anteil der JVA-Insassen kommt aus Kultur- und Rechtskreisen, in denen ein anderes Normen- und Werteverständnis herrscht. Dies beeinträchtigt den Behandlungsprozess zur Erreichung des Vollzugsziels einer sozialen Reintegration.

Es ist aber nicht die Zahl von Inhaftierten ohne deutschen Pass als solche, die zu vollzuglichen Belastungen führt. Schwierigkeiten in den Anstalten erwachsen vielmehr vor allem daraus, dass es sich bei den ausländischen Gefangenen gerade nicht um eine homogene Einheit handelt, sondern um eine Vielfalt von Menschen unterschiedlicher Staatsangehörigkeit und Herkunft. Das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten mit jeweils eigenständigen kulturellen Vorstellungen, Lebensgewohnheiten und anderen Einstellungen zu körperlicher Integrität auf engstem Raum führt zu Konflikten und Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Insassengruppen. Diese werden auch mittels Gewalt ausgetragen. Erschwerend kommt beim Umgang mit nichtdeutschen Inhaftierten die Problematik der Sprachbarriere hinzu. Dieser Belastungsfaktor trifft jedoch nicht nur das Verhältnis zwischen Bediensteten und nichtdeutschen Gefangenen, sondern auch dasjenige der ausländischen zu den inländischen Inhaftierten sowie die Kommunikation der Nichtdeutschen untereinander. Bereits verbale Verständigungsschwierigkeiten bedingen Gruppenbildungen, die subkulturellen Charakter haben.[12]

Die durch Gruppenhierarchien bedingten Konflikte in den Vollzugseinrichtungen werden verschärft durch die Gemeinschaft der häufig als behandlungsresistent geltenden inhaftierten Spätaussiedler im Männerstrafvollzug,[13] bei denen aufgrund ihrer hergebrachten Einstellungen, Verhaltensweisen und sozialen Einbindungen gerade die Russlanddeutschen unter den Inhaftierten als besonders problematisch gelten. Diese sind Subkulturstrukturen sehr zugeneigt. Die Russlanddeutschen haben eine ausgeprägte Subkultur mit hierarchischen Rollendifferenzierungen gebildet sowie mit einem rigiden Unterdrückungs- und Erpressungssystem. Sie legen Wert auf ihre Andersartigkeit und kommunizieren untereinander ausschließlich in russischer Sprache. Probleme bereiten in der Vollzugspraxis Sprachdefizite, Behandlungsunwilligkeit sowie der Missbrauch gemeinschaftlicher Aktivitäten zur Festigung ihrer Subkultur. Vermutet wird zudem eine Verbindung vieler russlanddeutscher Inhaftierter zur organisierten Kriminalität.[14]

Die subkulturelle Hierarchie in den Gruppen der Aussiedler in den Vollzugsanstalten teilt sich jeweils auf in drei Ebenen: der "Boss" mit seinen Gehilfen, die "Vollstrecker" und die "Opfer". Der "Boss" legt für seine Gruppe die Rollen- und Werteverteilung fest. Der Status entscheidet über Umfang und Verbindlichkeit der vom Einzelnen einzuhaltenden Regeln und dessen Einfluss in der Gruppe. Auch innerhalb dieser Gemeinschaften versucht das einzelne Mitglied, in der Hierarchie möglichst weit nach oben aufzusteigen, um Repressalien und Statusminderungen bei Verstößen gegen die internen Regeln zu entgehen. Statusniedrigere Gefangene bekommen risikoreichere Aufgaben zugeteilt. Werden sie dabei entdeckt, so erscheinen die eigentlichen Opfer als Täter - ohne das Subkultursystem zu gefährden. Verbreitete Repressalien innerhalb des subkulturellen Systems sind Demütigungen, Androhung oder Zufügung von Gewalt oder die Erteilung bestimmter Aufträge. Zum Teil erstrecken sich diese auch auf Verwandte und Bekannte des Betroffenen. Neuzugänge unterliegen besonderen Aufnahme- und Erprobungsritualen. Sie müssen etwa Mithäftlinge und Bedienstete bedrohen, angreifen oder beleidigen oder Aufgaben im Rahmen der Verteilung von Betäubungsmitteln übernehmen.

Speziell unter den russlanddeutschen Inhaftierten findet sich eine besondere Art von Subkultur: die "Diebe im Gesetz" - eine Bewegung, die auch außerhalb der Vollzugseinrichtungen operiert.[15] Diese verfügt über einen eigenen Kodex, einen eigenen Sprachgebrauch sowie eine Zeichensprache. In den Anstalten des Justizvollzugs trifft ein ausdifferenziertes Tätowiersystem Aussagen über Straftat, Strafdauer, Anzahl von Verurteilungen und den Rang des Trägers. Ein internes Strafensystem dient der Sanktionierung von Abweichlern und der Maßregelung von sogenannten unehrenhaften Gefangenen (wie Sexualstraftätern). Aus einer Art Solidarkasse, in die jeder Inhaftierte einzubezahlen hat, werden Anschaffungen von Genuss- bis hin zu Suchtmitteln finanziert. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Gesetze der Bewegung sich unter den inhaftierten russlanddeutschen Spätaussiedlern immer stärker ausbreiten und sie den Status allgemein verbindlicher Regelungen zu beanspruchen versuchen. Die Vereinigung der "Diebe im Gesetz" ist ferner gekennzeichnet durch eine Zwangsmitgliedschaft jedes inhaftierten Landsmanns. Der Statusbestimmung dient zunächst die "Kasjak"-Prozedur. Neuankömmlinge werden auf persönliche Einstellungen und ihre kriminelle Karriere überprüft. Auf Regelverstöße oder statusreduzierende Delikte folgen Repressalien wie Demütigungen, Bedrohung oder Einschüchterung. Das interne Bestrafungssystem wird bedingungslos akzeptiert. Des Weiteren ist jeder Landsmann zur Teilnahme am gemeinsamen Versorgungssystem verpflichtet. "Abschtschjak", die aus "freiwilligen" Spenden und Erpressungsgeldern gebildete gemeinsame Kasse, hält die russisch sprechende Subkultur zusammen. Neben der Funktion als Bank ist sie eine Art Anlaufstelle für Rat suchende Loyale und zugleich Kontroll- bzw. Repressionsinstanz gegenüber Illoyalen. Der "heilige Abschtschjak" ist im Bewusstsein der Kriminellen eine nicht zu hinterfragende Instanz. Vorgegeben ist auch ein absolutes Aussageverbot gegenüber staatlichen Organen bis hin zur Übernahme von Verantwortung für von anderen begangene Delikte.

Fußnoten

10.
Zur vollzuglichen Ausländerproblematik vgl. Anja Rieder-Kaiser, Vollzugliche Ausländerproblematik und Internationalisierung der Strafverbüßung, Frankfurt/M. 2004, S. 38ff.
11.
Statistisches Bundesamt, Strafvollzug - Demographische und kriminologische Merkmale der Strafgefangenen, Wiesbaden 2008, S. 14.
12.
Dazu Klaus Laubenthal, Migration und Justizvollzug, in: Vierteljahresschrift für Flüchtlingsfragen (AWR-Bulletin), 42 (2004) 3, S. 33-46.
13.
Zur vollzuglichen Aussiedlerproblematik vgl. Bayerisches Staatsministerium der Justiz, Bericht zur Situation Jugendlicher und junger erwachsener Gefangener aus der ehemaligen UdSSR, München 1999; Gabriele Dolde, Spätaussiedler - "Russlanddeutsche" - ein Integrationsproblem, in: Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligenhilfe, 51 (2002) 3, S. 146-151; Simone Kleespies, Kriminalität von Spätaussiedlern, Frankfurt/M. 2006, S. 170ff.
14.
Vgl. Hans-Dieter Schwind, Kriminologie, Heidelberg 200919, S. 537.
15.
Siehe zu dieser Bewegung Peter Skoblikow, Vermögensstreitigkeiten und Schattenjustiz im postsowjetischen Russland, in: Kriminalistik, 59 (2005) 1, S. 19-25; H.-D. Schwind (Anm. 14), S. 625.

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