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25.1.2010 | Von:
Karin Jürgens

Wirtschaftsstile in der Landwirtschaft

Optimales Landwirtschaften

Trotz vieler gemeinsamer Strukturmerkmale war und ist die Landwirtschaft in sich vielfältig sozioökonomisch differenziert. Jüngste Antriebskräfte dafür waren neben dem fortschreitenden wirtschaftstrukturellen Wandel sowie Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen auch politische Neuorientierungen (deutsche Vereinigung, Agrarwende, EU-Agrarreformen). Diese Prozesse haben zur Pluralisierung landwirtschaftlicher Entwicklungspfade geführt.[1] Die Landwirte folgen nicht unmittelbar der von außen an sie gerichteten Leitlinie, ein rein gewinnorientiertes landwirtschaftliches Unternehmen aufzubauen. Viele versuchen, die Landwirtschaft als Sozial- und Lebensform zu erhalten. Perspektiven dazu bieten alternative Einkommensquellen, Arbeitsfelder und Betriebszweige oder die ökologische und/oder regionale Produktion. Wirtschaftsstrategien wie Low-Input-Verfahren haben an Bedeutung gewonnen.[2] Tendenziell ist der Anteil der Nebenerwerbs- gegenüber den Haupterwerbsbetrieben gewachsen. Hofgemeinschaften, Kooperationen und Hofneugründungen sind neben den Familienwirtschaften immer bedeutsamer geworden.[3]

Doch trotz dieser Vielfalt dienen bis heute theoretische Gegenentwürfe mit substantiellen Unterscheidungen zwischen traditionell bäuerlichem und fortschrittlich unternehmerischem Wirtschaften als konzeptionelle Instrumente zur Erklärung landwirtschaftlichen Handelns. Geschaffen wurden diese polarisierenden Denkansätze im 19. Jahrhundert, als die industrielle Modernisierung und Marktorientierung der Landwirtschaft zu den vordringlichsten Zielen des städtischen Bürgertums gehörte. Mit der Intention, die eigenen Erwartungen an die Entwicklung landwirtschaftlicher Strukturen und staatliche Ansprüche an die Landwirtschaft zu rechtfertigen, betrieben Agrartheoretiker, ob Ökonomen, Volkskundler oder Soziologen, eine Idealisierung oder Stigmatisierung entweder bäuerlicher oder unternehmerischer Bewirtschaftungsformen. Drei ideologische Richtungen bestimmten in dieser Zeit die Debatte: liberale, konservative und marxistische - in allen drei Ideologien wurde das Gegensatzpaar Bauer - Unternehmer verwendet.[4]

Für Albrecht Daniel Thaer, dem Begründer der Agrarwissenschaften, war die bäuerliche Wirtschaft der Antityp (ohne Eigenpotenzial, Dynamik, Überlebensfähigkeit) und der landwirtschaftliche Großbetrieb der Prototyp, um die Landwirtschaft nach kapitalistischen, gewinnorientierten Grundsätzen zu organisieren.[5] Nach Thaers Vorstellung konnten entscheidende Produktions- und Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft nur über eine konsequente Einführung kapitalistischer Wirtschaftsmethoden erreicht werden. Sein Vorbild war der historische Sonderfall der Agrarrevolution in England (18. Jahrhundert): Im dörflichen Verband organisierte, bäuerliche Betriebe wurden zu Gunsten großbetrieblicher Strukturen zerstört. Eine soziale Klasse abhängig wirtschaftender Pächter entstand. Nationalökonomen wie Karl Bücher, Friedrich List und Werner Sombart oder der Kapitalismuskritiker Karl Marx deuteten bäuerliche Wirtschaftsweisen als primitive wirtschaftliche Entwicklungsstufe und setzten deren unausweichliche Überwindung mit kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung gleich.[6] Stellvertretend für die konservative Richtung stehen die Arbeiten des Kulturhistorikers Wilhelm Heinrich Riehl,[7] der sich gegen die Entwicklungsinteressen der "landwirtschaftlichen Theoretiker" seiner Zeit wandte und eine Politik für den Erhalt des "Bauernstandes" forderte. "Bauern von guter Art" repräsentieren hier gesellschaftliche Stabilität, Bauernbetriebe mit spezialisierten Arbeitsweisen, Handel, Gelderwerb und gewinnorientiertem Absatz dagegen "entartete".[8]

Im Nationalsozialismus begannen Agrartheoretiker damit, die beiden alternativ gedachten Szenarien vom guten oder schlechten Landwirtschaften zu einem einzigen, universalistischen und zugleich widersprüchlichen Anspruch zu verschmelzen. Sie legten ihn als Maßstab an das wirtschaftliche Handeln aller Bauern an. Trotz aller ideologischen Bevorzugungen und mystisch verklärender Zuschreibungen zielte die nationalsozialistische Agrarpolitik auf eine umfangreiche Rationalisierung der landwirtschaftlichen Produktion und eine Veränderung der landwirtschaftlichen Markt-, Verbands- und Gesetzesstrukturen. Die "unvergleichliche Beständigkeit des bäuerlichen Wesens" durfte nach dem NS-Ideologen Gunter Ipsen nicht dafür stehen, dass die Bauern selbst unberührt von gesellschaftlicher Entwicklung blieben.[9]

Die gesellschaftlichen Probleme nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (Ernährungssicherung, Eingliederung von Flüchtlingen, zweite Industrialisierung) führten schließlich dazu, dass die Agrartheoretiker die fiktiven, simplen, aber scharfen Kontrastbilder übergangslos übernahmen. Sie behielten die Deutungsmacht darüber, welche Art des Landwirtschaftens als das unerwünschte Andere, als das Dysfunktionale überwunden werden musste.[10] Ohne die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Ausgangsbedingen wirtschaftlichen Handelns in der Landwirtschaft zu beachten wurde von der Agrartheorie ein unauflöslicher Orientierungswiderspruch auf die Menschen übertragen: nämlich sozial und kulturell als Bauern zu handeln, wirtschaftlich aber als kalkulierender Unternehmer. Dieser Widerspruch sollte sich in den folgenden Jahrzehnten nicht auflösen. Denn dieser an die Landwirtschaft gerichtete Wertmaßstab sollte in Form begrifflicher Spielarten wie "bäuerlicher Familienbetrieb" (1970er/1980er Jahre), "landwirtschaftliches Familienunternehmen" (1980er/1990er Jahre) oder - aktuell - dem "erweiterten Familienunternehmen" nicht nur in der wissenschaftlichen Agrardebatte immer wieder auftauchen; er hatte großen Einfluss auf Beratungsansätze, das Politikverständnis und vor allem auf die Umsetzung agrarpolitischer Förderinstrumente.

Bis über die 1990er Jahre hinaus blieb der Blick auf die tatsächlichen Aspekte wirtschaftlichen Handelns in der Landwirtschaft verstellt. Selbst als die Forschung begann, sich kritisch den Folgen der industrialisierten Landwirtschaft zuzuwenden, blieb sie in den denselben Kontrastbildern verhaftet: etwa, wenn sie wirtschaftliche Anpassungsleistungen und soziale Bewältigungsstrategien des Agrarstrukturwandels als Ablösung vom bäuerlichen Oikos, als Austarieren von Traditionserhalt und -bruch, als Bereitschaft zur Rationalisierung oder in Form von Handlungstypen wie subsistenz-/marktlogisch denkende Landwirte beschrieben.[11] Damit trug sie die alte Dichotomie und ihre impliziten Bewertungen stillschweigend weiter. Auch die fachwissenschaftliche Diskussion von heute leidet noch unter den alten Agrarkonzepten: Als Konsequenz der "Agrarwende", die als neues landwirtschaftliches Leitbild "Klasse statt Masse" propagierte, stand Anfang 2000 die Ausweitung der ökologischen Landwirtschaft an. Von Neuem begann die deutsche Agrarforschung, das wirtschaftliche Handeln (nun: der Ökobauern) anhand der markanten Trennlinie zwischen marktorientiert/modern und idealistisch/traditionell einzuteilen.[12]

Fußnoten

1.
Vgl. Götz Schmidt/Ulrich Jasper, Agrarwende, München 2001.
2.
Vgl. Jan Douwe van der Ploeg, Revitalizing Agriculture, in: Sociologia Ruralis, 40 (2000) 4, S. 498 - 511.
3.
Dieser Text bezieht sich auf die westdeutsche Landwirtschaft. Auch in den ostdeutschen Bundesländern entstanden nach 1990 differenzierte Produktions- und Sozialstrukturen mit vielfältigen Organisations- und Rechtsformen. Einzelbäuerliche Neu- und Wiedereinrichtungsbetriebe entstanden, viele Genossenschaftsmitglieder hielten aber auch an der gemeinschaftlichen, kollektiven Landbewirtschaftung fest.
4.
Vgl. Andreas Bodenstedt/Andreas Nebelung, Agar-Kultur-Soziologie, Gießen 2003.
5.
Hauptwerke: Die Landwirtschaft ist ein Gewerbe (1809); Grundsätze der rationellen Landwirtschaft (1809 - 1812).
6.
Vgl. Michael Kopsidis, Agrarentwicklung, Stuttgart 2006. Die Gedanken des in Russland wirkenden Alexander Tschajanow, der eine auf der sozialen Eigenständigkeit begründete "Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft" (1923) erarbeitete, erfuhren erst ab den 1960er Jahren unter deutschen Entwicklungssoziologen Anerkennung; vgl. A. Bodenstedt/A. Nebelung (Anm. 4), S. 289.
7.
Vgl. ebd., S. 286.
8.
Wilhelm H. Riehl, Die bürgerliche Gesellschaft, Stuttgart 1861.
9.
Vgl. Gunter Ipsen, Das Landvolk, Hamburg 1933, S. 17.
10.
Vgl. Clemens Dirscherl, Bäuerliche Freiheit und genossenschaftliche Koordination, Bamberg 1989, S. 50f.
11.
Vgl. Peter Schallberger, Subsistenz und Markt. Bäuerliche Positionierungsleistungen unter veränderten Handlungsbedingungen, Bern 1996.
12.
Vgl. hierzu Katrin Hirte/Jürgen Walter, Handlungsstrategien und Werte, Neubrandenburg 2005.