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21.9.2011 | Von:
Sonja Hegasy

"Arabs got Talent": Populärkultur als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen

Elemente der Mobilisierung

Mona El Ghobashy identifiziert für Ägypten drei Mobilisierungsgruppen, die in den Protesten Anfang 2011 zusammenfanden: Bündnisse am Arbeitsplatz, Nichtregierungsorganisationen und Nachbarschaftsgruppen.[6] Diese Gruppen haben die gleichen Erfahrungen gemacht: Sie haben einen brutalen Polizei- und Obrigkeitsstaat kennengelernt, sie litten unter den sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel und rasant steigenden Lebenshaltungskosten, und sie mussten dem Aufstieg einer rücksichtslosen Wirtschaftselite um den jungen Gamal Mubarak zusehen. Der Stahlmagnat Ahmed Ezz gilt als herausragendes Symbol des korrupten und dekadenten Aufstiegs dieser sogenannten Gamal-Mubarak-Boys in Politik und Wirtschaft. Bilder, die Ezz zeigten, wie er sich nach dem Freitagsgebet an einer Moschee die Schuhe zubinden ließ, habe es seit den Zeiten König Faruks nicht mehr gegeben, empörten sich einige Ägypter. Ezz wurde am 17. Februar 2011 festgenommen und steht derzeit zusammen mit dem ehemaligen Innenminister Habib al Adly und anderen vor Gericht.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun beschreibt die Demonstrationen in Nordafrika als "moralische und ethische Protestbewegungen. Sie lehnen radikal und ohne Zugeständnisse Autoritarismus, Korruption und den Diebstahl staatlicher Güter ab; sie erheben sich gegen Nepotismus, Günstlingswirtschaft, Erniedrigung und illegitime Machtübernahme (...). Die Protestierenden wollen eine saubere Moral in Gesellschaften einführen, die so sehr ausgeplündert und erniedrigt worden sind. Deswegen handelt es sich nicht um eine ideologische Revolution. Es gibt keine Führungspersönlichkeiten, keine Chefs, keine Parteien, die die Revolte tragen."[7] Auch im Vorfeld der ägyptischen Demonstrationen ist es in Kairo zu Selbstverbrennungen gekommen, welche diese Perspektivlosigkeit deutlich zeigen: Der Restaurantbesitzer Abdou Abdel Moneim Jaafar aus Ismailia zündete sich am 17. Januar 2011 vor dem ägyptischen Parlament an wie auch der Rechtsanwalt Mohammed Farouk Hassan einen Tag später. Mohammed Ashour Sorour, Angestellter der Egypt Air, starb am 18. Januar 2011 vor dem Sitz des Journalistenverbands.

Fußnoten

6.
Vgl. Mona El Ghobashy, The Praxis of the Egyptian Revolution, in: MERIP, (2011) 258, online: www.merip.org/mer/mer258/praxis-egyptian-revolution (28.8.2011).
7.
Tahar Ben Jelloun, Arabischer Frühling. Vom Wiedererlangen der arabischen Würde, Bonn 2011 (bpb-Schriftenreihe Band 1140).