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21.9.2011 | Von:
Sonja Hegasy

"Arabs got Talent": Populärkultur als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen

Zeitungen und Widerstand

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Medienlandschaft in der arabischen Welt stark ausdifferenziert. Insbesondere in Nordafrika wuchs der Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt in den 1990er Jahren stetig an. Trotz bis heute anhaltender politischer Einflussnahme und Fällen von Zensur wurden immer neue Printmedien gegründet. Auch wenn Oppositionsparteien in der Region nur marginal in den Parlamenten vertreten waren, so haben ihre parteieigenen Zeitungen in der Vergangenheit doch immer wieder eine wichtige Rolle für die öffentliche Debatte gespielt. Neben oppositionellen Tages- und Wochenzeitungen, die zum Teil mehrere Neugründungen durchlebten, um ihrem Verbot zu trotzen, entwickelte sich eine Boulevardpresse, die Korruption und Nepotismus ebenso deutlich aufs Korn nahm wie die Qualitätspresse. Auch das vitale Interesse junger Erwachsener an individualisierten Freizeitaktivitäten fernab von gemeinsamen Aktivitäten mit der traditionellen Großfamilie manifestiert sich im Zeitschriftenmarkt. Immer neue Frauen-, Männer-, Lifestyle-, IT-, Sport- und Kulturmagazine sind in den vergangenen 20 Jahren (neben einer Flut islamistischer Pamphlete) auf den arabischen Markt gebracht worden.

In Ägypten machten in den 1990er Jahren insbesondere vier Printmedien mit ihrer beißenden Kritik an Mubarak Furore: die Parteizeitung "Al-Schaab" ("Das Volk", gegründet 1979) unter dem ehemaligen Marxisten und anschließenden Anhänger der iranischen Revolution Adel Hussein, die Wochenzeitschrift "Rose al-Yusuf" (der Name ihrer libanesischen Gründerin 1925), "Al-Dustur" ("Die Verfassung", im Jahr 1995 gegründet von Ibrahim Eissa), und "Al-Masry al-Yawm" ("Der Ägypter heute", gegründet 2003). Unter Adel Hammouda (Chefredakteur von 1992 bis 1998) stieg die Auflage von "Rose al-Yusuf" von 8000 auf 150000 Exemplare. Zwar gehört "Rose al-Yusuf" zum weitverzweigten Imperium der Regierungsmedien,[8] die radikal-säkulare und extrem regimekritische Haltung Hammoudas wurde aber offensichtlich unter Mubarak toleriert, um in den 1990er Jahren ein Gegengewicht zur islamistischen Presse zu halten. 2000 veröffentlichte Hammouda eine Anklageschrift mit acht Porträts korrupter Geschäftsleute unter dem Titel "Sie fliehen mit den Milliarden Ägyptens. Das Geheimnis von Rami Lakah und Mahmud Wahba". Ibrahim Eissa und Adel Hammouda wurden die enfants terribles des ägyptischen Journalismus gegen Korruption und Willkür und motivierten eine ganze Generation junger ägyptischer Journalisten (Adel Hussein starb bereits 2001). Beide veröffentlichten harsche Kritik an Mubaraks Regime, dem Einfluss seiner Familie, einer möglichen Machtübergabe an Gamal Mubarak, der herrschenden Einheitspartei NDP, der Westbindung, Korruption und Vetternwirtschaft. 1998 wurde Adel Hammouda als Kolumnist in das regierungstreue Flagschiff "Al-Ahram" zwangsversetzt. Und "Al-Dustur" (Leitspruch: "Die Gemeinschaft ist die Quelle der Macht") wurde im selben Jahr die Druckerlaubnis entzogen. Ibrahim Eissa selbst wurde mehrmals zu Geld- und Haftstrafen verurteilt, unter anderem für einen Artikel über den Gesundheitszustand des Präsidenten. 2005 gründete er "Al-Dustur" erneut. Allerdings schränkte ein neues Pressegesetz ein Jahr später die Pressefreiheit gerade in den vergangenen Jahren stark ein. Trotzdem veröffentlichte Eissa in dem alteingesessenen ägyptischen Verlag Madbouly eine Auswahl seiner Aufsätze unter dem Titel "Meine Schriften. Über Mubarak, seine Ära und sein Ägypten" (Kairo 2007). Nach der Absetzung Mubaraks gründete Eissa eine weitere Zeitung unter dem Namen "Garida al-Tahrir" ("Zeitschrift der Befreiung") sowie einen Fernsehkanal.

Schon im Sommer 2009 hatte eine Gruppe unabhängiger Journalisten in Kairo die erste Nachrichtenwebseite gegründet, die lokale Nachrichten für ein globales Publikum aufbereitet. "Bikya masr" bedeutet so viel wie "Ägypten entrümpeln". Bis heute arbeitet die Redaktion ehrenamtlich, um unabhängig von privaten Investoren und politischen Parteien zu bleiben. Nur wenige Tage vor Beginn der Proteste auf dem Tahrir-Platz kam im Januar 2011 das ebenfalls selbstfinanzierte Comic-Magazin "Toktok" heraus.[9] Ein Jahr lang bereitete sich eine Gruppe von acht Künstlerinnen und Künstlern um den Zeichner Shennawy vor, um nach langer Zeit wieder ein reines Comic-Magazin für Erwachsene herauszubringen. "Toktok" steht für eine Reihe satirischer und humoristischer Kulturprodukte, die in den vergangenen Jahren aus der Region kamen. Auch in den Wirren der Umbrüche hat sich "Toktok" halten können; im Sommer 2011 erschien die dritte Ausgabe.

Fußnoten

8.
Auch im Bereich der Presse leistet sich das ägyptische Regime einen aufgeblähten Staatsapparat: Ende der 1990er Jahre gab es acht staatliche Verlage, die über 50 Zeitungen und Zeitschriften herausbrachten und 28000 Angestellte beschäftigten.
9.
Vgl. Webseite des Magazins: www.toktokmag.com (28.8.2011).