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30.6.2011 | Von:

Strategien zur Bekämpfung von Terrorakteuren und Aufständischen

Aufstandsbekämpfung versus Bekämpfung terroristischer Gruppen

Die Situation in Afghanistan hatte sich nicht zuletzt deshalb besonders schwierig gestaltet, weil es niemals allein um Aufstandsbekämpfung mit dem anschließenden Aufbau eines funktionierenden Staates ging, sondern immer auch um die Bekämpfung von Al Qaida. Aufstandsbekämpfung und die Bekämpfung terroristischer Gruppen sind aber nicht notwendig funktional äquivalent,[32] wie dies zunächst auch über die Trennung von Operation Enduring Freedom (OEF) und International Security Assistance Force (ISAF) deutlich wurde. Die Zunahme von Gewalt durch Aufständische in Afghanistan seit Mitte des Jahres 2006 hatte eine Reihe von Gründen - eine als korrupt wahrgenommene Regierung, mangelnde Regierungsleistungen und Sicherheitsgewährleistung in vielen ländlichen Gebieten, der sehr schleppende wirtschaftliche Aufbau, die Rückzugsmöglichkeiten der Aufständischen nach Pakistan. Eine wesentliche Ursache bestand aber auch darin, dass es bei Militäraktionen der USA und ihrer Alliierten immer wieder zu erheblichen Opfern bei der Zivilbevölkerung kam.[33] Auch die Zusammenarbeit mit afghanischen Warlords als Ersatz für die Entsendung eigener Truppen wirkte den Sicherheitsbedürfnissen der afghanischen Bevölkerung deutlich entgegen.

Angesichts der sich verschlechternden Sicherheitslage forderten die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten auf, ihre Aufgaben - wozu immer häufiger die Aufstandsbekämpfung zählte - auf die gefährlichen Gebiete im Süden und Osten Afghanistans auszuweiten; eine Aufforderung, die nicht bei allen angesprochenen Staaten auf Gegenliebe stieß. Nicht nur mangelnder politischer Wille angesichts skeptischer Bevölkerungen in den NATO-Staaten spielte hier eine Rolle, sondern auch die mangelnde Fähigkeit, Counterinsurgency-Missionen in größerem Umfang durchzuführen.[34] Die Gründe ähnelten, so US-General Stanley McChrystal, von 2009 bis 2010 Kommandeur der ISAF und der US Forces Afghanistan, denjenigen, die im Irak eine Rolle gespielt hatten: Die Truppen waren für konventionelle Auseinandersetzungen ausgerüstet und zu sehr mit ihrem eigenen Schutz beschäftigt, statt mit der Sicherheit der einheimischen Bevölkerung.[35] Die Aufstandsbekämpfung sollte aber die Voraussetzungen dafür schaffen, dass eine handlungsfähige, von der Bevölkerung akzeptierte und unterstützte Regierung mit einem funktionierenden Sicherheitssektor aufgebaut werden konnte. Nur eine solche Regierung würde verhindern können, dass terroristische Gruppen unbehelligt agieren konnten. McChrystal betrachtete es deshalb als wichtige Aufgabe, die Zahl der zivilen Opfer durch amerikanische und NATO-Militäraktionen deutlich zu verringern.

Ein grundsätzliches Problem blieb aber, dass trotz dieser Einsichten weiter Luftschläge und Kommandooperationen mit Spezialeinheiten durchgeführt wurden, um Taliban- und Al Qaida-Mitglieder zu töten oder gefangen zu nehmen - mit der Folge, dass nach wie vor erhebliche Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen waren. Dies war jedoch mit den neu deklarierten Zielen der Counterinsurgency von ISAF nicht zu vereinbaren.[36]

Fußnoten

32.
Vgl. Michael J. Boyle, Do counterterrorism and counterinsurgency go together?, in: International Affairs, 86 (2010) 2, S. 335.
33.
Vgl. Kenneth Katzman, Afghanistan, Congressional Research Service, Washington, D.C. 2011, S. 22.
34.
Vgl. Hans-Georg Ehrhart/Roland Kaestner, Aufstandsbekämpfung + Staatsaufbau = Stabilisierung?, in: Sicherheit und Frieden, 28 (2010) 4, S. 195-205.
35.
Vgl. Stanley A. McChrystal, Initial United States Forces - Afghanistan Assessment, August 2009, S. 2-1, online: http://media.washingtonpost.com/wp-srv/politics/documents/Assessment_
Redacted_092109.pdf (16.5.2011).
36.
Vgl. ISAF Commander's Counterinsurgency Guidance, August 2010, online: www.isaf.nato.int/from-the-commander/from-the-commander/comisaf-s-counterinsurgency-guidance.html (16.5. 2011).