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7.6.2011 | Von:
Waleri Karbalewitsch

Lukaschenka forever?

Besonderes Image

Experten, Politiker und Journalisten, die versuchen, das Phänomen Lukaschenka zu begreifen, haben seine politische Intuition, sein Gespür, seinen Instinkt dafür hervorgehoben, ob ein Schritt richtig sei oder aber eine Bedrohung darstelle. Für einen dem Populismus verschriebenen politischen Führer ist die Fähigkeit, seine Nation zu spüren und deren mentale Impulse entsprechend umzusetzen, extrem wichtig. Lukaschenka ist dies über weite Strecken gelungen. Andererseits gründet sich sein politischer Triumph maßgeblich auf der erstaunlichen Fähigkeit, Menschen zu manipulieren. Niemand kann besser als er auf das Unterbewusstsein der Wählerschaft, auf die emotionale Seite der Persönlichkeit der Belarussen Einfluss nehmen. Er ist ein begnadeter Redner, ein Agitator, und beherrscht die Kunst der politischen Rede. Er gefällt sich in der Rolle eines Volkstribuns; darin ist der Präsident sehr authentisch. Lukaschenkas Charisma hat im Bewusstsein der Massen den populären Mythos wieder zum Leben erweckt, das sowjetische System sei an und für sich gar nicht schlecht gewesen, nur dessen Führer hätten versagt.

Im Unterbewusstsein spürt Lukaschenka, dass sich das autoritäre Regime ohne einen irrationalen Glauben, ohne emotionale Unterstützung nicht mehr lange halten kann. Das ausgiebige Bad in den Strahlen des Ruhms und des gesellschaftlichen Rückhalts haben ein unstillbares Verlangen nach der Liebe des Volkes, ja eine geradezu narkotische Abhängigkeit von ihr hervorgebracht. Das Image Lukaschenkas setzt sich aus einer ganzen Reihe von Elementen zusammen. Eines seiner Hauptbestandteile ist das Postulat vom "Volkspräsidenten". Lukaschenka unterstreicht seine auf Blutsverwandtschaft begründete Verbindung zum Volk und beteuert, er sei der einzige Politiker im Land, der die Probleme der einfachen Menschen wirklich verstehe, sie unterstütze, sich um sie kümmere und ihre Interessen vertrete. Lukaschenkas Charisma ist weniger politischer als vielmehr moralischer Natur. Seine Selbstdarstellung als moralisches Vorbild geht dabei bis zur Gestalt eines Märtyrers, der für sein Volk leidet. Der Präsident präsentiert uns die Gestalt eines entschlossenen, willensstarken und standhaften Politikers, eines "harten Kerls". Diese Gestalt entspricht dem Charakter Lukaschenkas, seinem Führungsstil. Mehr noch, die belarussische Gesellschaft hat geradezu auf ihn gewartet. Die allgemeine Angst, Verunsicherung, Hilflosigkeit, die Zweifel, die nach dem Untergang des sowjetischen Systems das Bewusstsein der Massen beherrschten, schrien nach einem starken Führer, der in der Lage wäre, den Menschen das Gefühl zu geben, wohl behütet zu sein. Lukaschenka unterstreicht seine "Härte" auf Schritt und Tritt. In Bezug auf den Westen äußert sich das in Unnachgiebigkeit, in harter Konfrontation. Gegenüber den Staatsbeamten zeigt er sich fordernd und greift rasch zu Strafen. Zu politischen Opponenten verhält er sich kompromisslos und ist stets bereit Gewalt anzuwenden.

Der Vorwurf, Belarus sei eine Diktatur, wird in unabhängigen Medien in Belarus und in der Welt immer wieder erhoben, doch er kümmert Lukaschenka nicht. Man merkt, dass ihm eine derartige Bewertung seiner Tätigkeit im Innersten seiner Seele sogar gefällt, da eine solche Antigestalt die Folie für seine Figur eines starken Führers bildet. Eine solche paternalistische Gestalt des allmächtigen Vaters einer patriarchalischen Familie (des "Väterchens"), der streng und zugleich gerecht ist, kam ihm hervorragend zupass. Indem er die Lösung der Probleme der Menschen selbst übernimmt, entbindet das Staatsoberhaupt dieselben psychologisch von ihrer Verantwortung. Im Gegenzug fordert Lukaschenka Unterstützung und unbegrenzte Befugnisse. So sieht der eigenartige "Gesellschaftsvertrag" zwischen dem autoritären Führer und seinem Volk aus.

Das bewusste Schüren von Spannungen, die Steigerung des politischen Kampfes bis zum Psychokrieg, ständige wiederkehrende Ausnahmezustände, Situationsmodelle einer belagerten Festung gehören zu den Gesetzmäßigkeiten eines jeden diktatorischen Regimes. Im Fall Belarus werden diese Gesetzmäßigkeiten von den Besonderheiten der Persönlichkeit Lukaschenkas überlagert. Niedrige Toleranzgrenzen, hohes Konfliktpotenzial, ständige Unzufriedenheit und die Neigung, anderen die Schuld zuzuweisen, sind prägende Eigenschaften des Präsidenten. Davon zeugt seine Biografie, die mannigfaltige Konflikte und einen übertriebenen Kampf um Gerechtigkeit, begleitet von ständigem Wechsel der Arbeitsstellen, ausweist. Seit er Präsident ist, überträgt Lukaschenka diese Konfrontationslust auf die Staatspolitik. Die ständige Suche nach Feinden und Hexenjagden aller Couleur gehören zum Alltag.