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9.5.2011 | Von:
Eckhard Nagel
Kathrin Alber
Birgitta Bayerl

Transplantationsmedizin zwischen Fortschritt und Organknappheit. Geschichte und aktuelle Fragen der Organspende

Geschichte der Transplantationsmedizin

Medizinhistoriker beschreiben die Vorstellung, dass komplexe innere Krankheiten auf das Versagen eines einzelnen Organs, das ersetzt werden kann, zurückzuführen sind, als Entwicklung des späten 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit konnten bedeutsame wissenschaftlich-technologische Errungenschaften verzeichnet werden, die das gesellschaftlich-kulturelle Selbstverständnis veränderten. Vor diesem Hintergrund wurde auch die Medizin zunehmend als mechanisch-technische Wissenschaft wahrgenommen. Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Übertragung von Gewebe, vor allem der Haut, systematisch erforscht.

Die erste Transplantation einer menschlichen Leichenniere wurde 1936 vom ukrainischen Chirurgen Yu Yu Voronoy realisiert. Jedoch überlebte die Patientin nur wenige Tage, und das Spenderorgan funktionierte zu keinem Zeitpunkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Biomedizin an diesen Vorarbeiten an. Forschungsarbeiten über Immuntoleranz und Gewebeübereinstimmung schafften die Grundlage für die erste erfolgreiche Nierentransplantation am Menschen, die 1954 am Bent Brigham-Krankenhaus in Boston/USA durchgeführt wurde. Das Ärzteteam um den Chirurgen Joseph Murray übertrug einem Patienten eine Niere des eineiigen Zwillingsbruders, ohne dass eine immunologische Abwehrreaktion eintrat. Dieser erste klinische Erfolg zeigte, dass die genetische Kompatibilität eine grundlegende Voraussetzung für das Überleben und Funktionieren des Transplantats darstellt. Im Jahr 1963 führte Wilhelm Brosig in Berlin erstmals eine erfolgreiche Lebendspende zwischen Mutter und Tochter durch.[2]

Diese Erkenntnisse aus dem Bereich der Nierentransplantation ebneten den Weg für die Transplantation weiterer Organe wie Herz, Lunge, Leber oder Pankreas. 1963 gab es die erste erfolgreiche Lungentransplantation in Richmond/USA, 1967 die erste erfolgreiche Pankreastransplantation in Minneapolis/USA. Die erste erfolgreiche Lebertransplantation, die zu einem der schwierigsten chirurgischen Eingriffe überhaupt zählt, führte der Chirurg Thomas Starzl am University of Colorado Health Sciences Center im Jahr 1967 durch. Im selben Jahr wurde durch Christiaan Barnard im südafrikanischen Groote Schuur-Krankenhaus in Kapstadt die erste erfolgreiche Herztransplantation durchgeführt.[3]

Nicht beherrschbare Abstoßungsreaktionen blieben aber weiterhin das Grundproblem der Transplantationsmedizin, da adäquate Methoden der Immunsuppression nach wie vor fehlten. Die nicht zufriedenstellenden klinischen Ergebnisse führten dazu, dass die Transplantationsmedizin Anfang der 1970er Jahre wieder stagnierte.[4] Erst durch die Entwicklung und klinische Einführung des Arzneistoffs Cyclosporin A gelang im Jahr 1981 ein Durchbruch in der Transplantationsmedizin. Durch dieses Immunsuppressivum können Abstoßungsreaktionen reduziert und die Transplantatüberlebensraten deutlich verlängert werden. Durch die verbesserten Möglichkeiten der Immunsuppression stieg die Zahl der Transplantate, die länger als drei Jahre überlebten, bei der Nierentransplantation von 45 Prozent im Zeitraum von 1966 bis 1970 auf 84 Prozent im Zeitraum von 1996 bis 2000.[5] Heute gilt die Transplantation von Spenderorganen als Goldstandard-Therapie bei terminalem Organversagen. So sind alleine in Deutschland von 1963 bis 2010 insgesamt 103125 Organe transplantiert worden.[6]

Doch seit Beginn der Transplantationsmedizin als reguläre Versorgungsaufgabe besteht nicht nur in Deutschland ein absoluter Mangel an Spenderorganen. Damit einher geht eine häufig existenziell bedrohliche Situation für die betroffenen Patienten. Aufgrund des Mangels an Spenderorganen starben allein in Deutschland im Jahr 2009 931 Menschen, die auf der Warteliste standen und nicht rechtzeitig ein Organ erhielten.[7] Diese Zahl erhöht sich, wenn auch diejenigen Patienten berücksichtigt werden, die wegen ihres schlechten Gesundheitszustands von der Warteliste genommen werden mussten.[8] Durch den Anstieg an durchgeführten Transplantationen, insbesondere auch durch die Nierenlebendspende, konnte die Warteliste trotz der leichten Zunahme an Neuregistrierungen etwas abgebaut werden. Dennoch warteten Ende des Jahres 2010 7515 Patienten auf eine Spenderniere. Im Schnitt gibt es demnach etwa zweieinhalbmal so viele Patienten auf den Wartelisten wie Patienten, die ein Spenderorgan erhielten.

Fußnoten

2.
Vgl. Mark Achilles, Lebendspende-Nierentransplantation, Berlin 2004, S. 99.
3.
Vgl. Jessica Walter/Martin Burdelski/Dieter C. Bröring, Chancen und Risiken der Leber-Lebendspende-Transplantation, in: Deutsches Ärzteblatt, 105 (2008) 6, S. A-101-A-107; Hans Lehmkuhl/Roland Hetzer, Herztransplantation, in: Manfred G. Krukemeyer/Arno E. Lison (Hrsg.), Transplantationsmedizin, Berlin 2006, S. 123-148.
4.
Vgl. Jürgen Schüttler, 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Berlin 2003, S. 218f.
5.
Vgl. Ilias I. Doxiadis et al., It takes six to boogie: Allocating cadaver kidneys in Eurotransplant, in: Transplantation, 77 (2004) 4, S. 615ff.
6.
Vgl. Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), Organtransplantationen seit 1963 (Stand 2010), online: http://dso.de/grafiken/g27.html (15.4.2011).
7.
Vgl. Eurotransplant International Foundation, Annual Report 2009, S. 41, online: www.eurotransplant.org/files/annual_report
/ar_2009.pdf (15.4.2011).
8.
Vgl. Kathrin Alber, Priorisierung in der Medizin, Bayreuth 2011, S. 13.

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