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9.5.2011 | Von:
Eckhard Nagel
Kathrin Alber
Birgitta Bayerl

Transplantationsmedizin zwischen Fortschritt und Organknappheit. Geschichte und aktuelle Fragen der Organspende

Ethische Aspekte der Organspende

Die Feststellung des Todes eines potenziellen Spenders ist einer der zentralen Prozesse in der Transplantationsmedizin. Die diesbezügliche Diagnostik ist dabei keineswegs unumstritten. Grundsätzlich darf die Bestimmung des Todes nicht auf technisch-medizinische Erkenntnisse reduziert werden. Es spielen immer kulturelle, religiöse und soziale Faktoren eine Rolle, die das Verständnis des Todes oder des Sterbeprozesses prägen.

In Deutschland gilt das Hirntodkriterium, um den Tod festzustellen. Diese Perspektive auf den Tod des Menschen etablierte sich weltweit durch einschlägige Arbeiten an der Harvard Medical School in den USA im Jahr 1968. Dieses gilt auch als Voraussetzung für die Entnahme und Transplantation von Organen in Deutschland. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer definierte 1991 den Hirntod als den "Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms" und legt in seiner Fortschreibung 1997 dar, dass "mit dem Hirntod (...) naturwissenschaftlich-medizinisch der Tod des Menschen festgestellt" ist.[17]

Anders als in Deutschland dürfen beispielsweise in Österreich, Belgien und den Niederlanden Organe von sogenannten non heart-beating donors entnommen werden. Doch diese Herztoddiagnose gilt in vielen Ländern als überholt, da durch die Möglichkeit der künstlichen Beatmung das Herz-Kreislauf-System aufrechterhalten werden kann. Das deutsche Transplantationsgesetz fordert deshalb die Diagnose des Hirntodes als Todesfeststellung für eine Organentnahme.[18] Dies hat zur Folge, dass Eurotransplant keine Organe, die Patienten mit Herz- und Kreislaufstillstand entnommen wurden, nach Deutschland vermitteln darf.[19]

Über die Diskussion des Hirntodkriteriums hinaus werden auch mögliche Tendenzen einer Kommerzialisierung des Körpers ethisch kontrovers diskutiert. Angesichts der absoluten Knappheit an Spenderorganen und der damit verbundenen lebensbedrohlichen Situation für die Patienten auf der Warteliste taucht in der Diskussion darüber immer wieder die Möglichkeit des Zukaufs von Organen auf. Allerdings gibt es mit Blick auf die Frage, in welchem Umfang die Nutzung des Körpers beziehungsweise seiner Teile kommerzialisiert werden darf, bedeutsame ethische und rechtliche Einschränkungen. So bildet das Gebot der Nichtkommerzialisierung des Körpers eine internationale Norm, die annähernd einen universellen Gültigkeitsanspruch in verschiedenen Kulturkreisen einnimmt. Diese wurde beispielsweise auch in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union festgelegt. Auch das deutsche Transplantationsgesetz von 1997 verbietet mit Paragraf 17 den Handel mit Organen.

Aus rechtlicher Sicht stellt sich die Frage, ob die Einschränkung von Freiheitsrechten durch das Kommerzialisierungsverbot zulässig ist.[20] Durch das Verbot von Organhandel soll die Menschenwürde geschützt werden. Dieser Begriff wird verstanden als der soziale Wert und Anspruch, der jedem Mensch aufgrund seines Menschseins zukommt. Daraus resultiert das Verbot der Instrumentalisierung des menschlichen Körpers für andere Zwecke. Damit sind Behandlungen ausgeschlossen, welche die Subjektqualität des Menschen infrage stellen.

Aus ethischer Sicht wird oft argumentiert, dass die Organspende eine genuin moralische Verpflichtung sei. Die Verweigerung einer Organspende käme dann aus moralischer Sicht einer unterlassenen Hilfeleistung gleich.[21] Diesem Argument steht aber der hohe Wert der Selbstbestimmung entgegen.[22] Als weiterer ethischer Einwand wird oft angeführt, dass der Organspende etwas Freiwilliges innewohnt. Eine Kommerzialisierung der Organspende könnte auch dazu führen, dass altruistisch motivierte Spender durch eine finanzielle Belohnung oder Entschädigung nicht mehr spendebereit sein könnten. Welche Auswirkungen dies dann auf die Anzahl der zur Verfügung stehenden Spendeorgane hätte, ist ungewiss. Die Diskussion wird an dieser Stelle sehr kontrovers geführt. Nach Ulrich Schroth, Professor für Strafrecht und Rechtssoziologie, ist es beispielsweise kein Widerspruch zur Subjektqualität, wenn ein Mensch sich nach einer Aufklärung über Organspende freiwillig bereit erklärt, gegen eine bestimmte Summe ein Organ zu spenden.[23]

Das wichtigste Argument für die Ablehnung einer finanziellen Regelung zur Organspende besteht in der großen Gefahr eines Organmarktes und damit einer "Zwei-Klassen-Medizin", die den Wert eines Menschen nicht nach seinem Menschsein an sich, sondern nach seiner Kaufkraft bemisst. Zudem bestünde Gefahr, dass beispielsweise arme Menschen aus Entwicklungsländern aus finanziellen Motiven der Organabgabe zustimmen - verbunden mit der Gefahr lebensbedrohlicher Situationen. Nicht zuletzt sind gerade der altruistische Gedanke der Spende ohne Gegenleistung und auch der Solidarität das Fundament der Organspende. Eine Kommerzialisierung dieses Spendeaktes könnte dazu führen, dass dessen Akzeptanz in der Bevölkerung abnimmt.[24]

Fußnoten

17.
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer, Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes, in: Deutsches Ärzteblatt, 95 (1998) 30, S. A-1861-A-1868.
18.
Vgl. hierzu den Beitrag von Sabine Müller in dieser Ausgabe.
19.
Vgl. Bundesärztekammer, Organentnahme nach Herzstillstand, in: Deutsches Ärzteblatt, 95 (1998) 50, S. A-3235.
20.
Vgl. Jochen Taupitz, Das Verbot der Kommerzialisierung des menschlichen Körpers und seiner Teile, in: ders. (Hrsg), Kommerzialisierungsverbot des menschlichen Körpers, Berlin 2007, S. 1-7.
21.
Vgl. Bettina Schöne-Seifert, Kommerzialisierung des menschlichen Körpers, in: ebd., S. 37-52.
22.
Vgl. Johann S. Ach/Urban Wiesing, Ethische Aspekte des Organmangels und der Organverteilung, in: Gerd Brudermüller/Kurt Seelmann (Hrsg.), Organstransplantation, Würzburg 2000, S. 139-148.
23.
Vgl. Ulrich Schroth, Das strafbewehrte Organhandelsverbot des Transplantationsgesetztes, in: ders./Wilhelm Vossenkuhl/Fuat S. Oduncu (Hrsg.), Transplantation: Organgewinnung und -allokation, Göttingen 2003, S. 166-188.
24.
Vgl. Dieter Birnbacher, Organtransplantation. Stand der ethischen Debatte, in: G. Brudermüller/K. Seelmann (Anm. 22), S. 11-28.

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