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9.5.2011 | Von:
Eckhard Nagel
Kathrin Alber
Birgitta Bayerl

Transplantationsmedizin zwischen Fortschritt und Organknappheit. Geschichte und aktuelle Fragen der Organspende

Organspende in Deutschland

Seit Beginn der Transplantationsmedizin als reguläre Versorgungsaufgabe wurde nach geeigneten Strategien gesucht, den persistierenden Organmangel zu verringern. Die Erhöhung des Spenderorganaufkommens war und ist dabei der zentrale Ansatzpunkt. In einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) waren im Jahr 2010 beispielsweise 74 Prozent der Befragten grundsätzlich damit einverstanden, dass man ihnen nach ihrem Tod Organe und Gewebe entnimmt. Gleichzeitig hatten nur 25 Prozent der Befragten einen Organspendeausweis. Die Hälfte aller Befragten fühlte sich eher schlecht über das Thema Organ- und Gewebespende informiert.[25]

Vor diesem Hintergrund wird in Deutschland immer wieder über eine Änderung der gesetzlichen Regelungen zur Organspende diskutiert. Nach den Paragrafen 3 und 4 des Transplantationsgesetzes kann die Entnahme von Organen und Geweben bei toten Spendern in Deutschland entweder mit direkter Einwilligung des Spenders (wie durch einen Organspendeausweis) erfolgen oder über die Zustimmung von nächsten Angehörigen, die dann verpflichtet sind, den mutmaßlichen Willen des Organ- beziehungsweise Gewebespenders zu berücksichtigen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit der Entnahme von Organen und Geweben bei lebenden Spendern. Der Spender muss nach Paragraf 8 TPG hierbei volljährig und entsprechend aufgeklärt sein. Voraussetzung für die Lebendspende ist zudem eine positive ärztliche Beurteilung. Sie ist außerdem nur zulässig, wenn zum jeweiligen Zeitpunkt kein Spenderorgan eines verstorbenen Organspenders zur Verfügung steht.

Diese erweiterte Zustimmungslösung wird häufig als Grund genannt, weshalb das Spenderorganaufkommen in Deutschland im Vergleich zu europäischen Ländern mit Widerspruchslösung geringer ist. Die Regelung erfordert eine ausdrückliche Ablehnung einer Organentnahme noch zu Lebzeiten, beispielsweise in einem Widerspruchsregister. Wurde nicht widersprochen, so können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern haben die Angehörigen ein Widerspruchsrecht. In Spanien gibt es beispielsweise 27 Spender pro eine Million Einwohner und Jahr, in Österreich 24 Spender pro eine Million Einwohner und Jahr. Beide Länder verfügen über die Widerspruchslösung. In Deutschland gibt es im Schnitt 13 Spender pro eine Million Einwohner und Jahr.

So hat auch der Nationale Ethikrat in seiner Stellungnahme "Die Zahl der Organspenden erhöhen - Zu einem drängenden Problem der Transplantationsmedizin in Deutschland" ein Stufenmodell vorgeschlagen, das bei der postmortalen Organentnahme eine Erklärungsregelung mit einer Widerspruchsregelung verbindet. Danach werden Bürger in einem geregelten Verfahren zu einer persönlichen Erklärung darüber aufgefordert, ob sie der Organspende (gegebenenfalls bezogen auf bestimmte Organe) zustimmen oder ihr widersprechen, und darüber informiert sind, dass die Organentnahme bei unterbliebener Erklärung gesetzlich erlaubt ist, sofern die Angehörigen ihr nicht widersprechen.[26]

Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass das Thema auch in der parlamentarischen Diskussion angekommen ist. Der Bundestag hat sich im Januar 2011 mit einer möglichen Neuregelung der Organspende befasst. Während in einigen Kreisen votiert wird, eine Widerspruchslösung wie in anderen europäischen Ländern wie Spanien oder Österreich einzuführen, gibt es auch Stimmen, die sich direkt für eine Volksbefragung aussprechen. Ein weiteres Modell sieht eine sogenannte Entscheidungslösung vor. Dabei wurde vorgeschlagen, dass jeder erwachsene Bundesbürger sich für oder gegen eine mögliche Organspende erklärt. Die momentan in Deutschland herrschende erweiterte Zustimmungslösung ist darauf angelegt, dass Angehörige im Todesfall gefragt werden müssen und damit auch eine Antwort geben müssen, sei sie nun positiv oder negativ. Wenn für Betroffene eine Äußerungspflicht besteht, so ist es eigentlich nur folgerichtig, dass von jedem selbst eine solche Entscheidungspflicht abverlangt werden kann.

Allerdings müsste auch hier gewährleistet sein, dass sich jemand ausgiebig informieren kann, und die verantwortlichen Stellen nicht nur eine Information übergeben und den Betroffenen dann alleine lassen. Bisher sind die Krankenkassen gesetzlich dazu verpflichtet, ausreichend über den Bereich der Organspende zu unterrichten.

Diese Entscheidung kann dann beispielsweise bei Ausgabe eines Führerscheins oder Personalausweises dokumentiert und auch jederzeit wieder verändert werden. Bezüglich einer zentralen Stelle - eines zentralen Registers - gibt es in einigen Ländern Erfahrungen, die jedoch keinesfalls dazu angetan sind, den relativ großen finanziellen Aufwand mit einem adäquaten Resultat in der Vermittlung von Organspenden oder wahrgenommener Sicherheit vor Organspenden zu untermauern.

Fußnoten

25.
Vgl. BzgA, Repräsentativbefragung: Wissen, Einstellung und Verhalten der Allgemeinbevölkerung zur Organspende, 2010, online: www.dso.de/pdf/bzga2010.pdf (15.4.2011).
26.
Vgl. Nationaler Ethikrat, Die Zahl der Organspenden erhöhen. Zu einem drängenden Problem der Transplantationsmedizin in Deutschland, Stellungnahme, 2007, S. 53, online: www.ethikrat.org/dateien/pdf/Stellungnahme
_Organmangel.pdf (15.4.2011).

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