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9.5.2011 | Von:
Christian Lenk

Mein Körper - mein Eigentum?

"Gemeinsames Erbe der Menschheit"

Das Ethikkomitee der Internationalen Human Genom Organisation (HUGO) hat in seinem Statement on Benefit-Sharing vom 9. April 2000 das menschliche Genom als ein gemeinsames Erbe der Menschheit interpretiert.[4] Es wird dabei Bezug genommen auf andere Entitäten natürlichen Ursprungs, die ebenfalls als ein gemeinsames Erbe aufzufassen seien, wie die Meere, die Luft oder der Weltraum. Solche allgemeinen Ressourcen gelten in der internationalen Rechtsprechung gewöhnlich als res extra commercium, also Dinge, mit denen kein Handel getrieben werden darf. Daraus kann dann der Schluss gezogen werden, dass das menschliche Genom niemandes Privatbesitz darstellen kann, dass niemand das Recht hat, das menschliche Genom und die in ihm enthaltenen Informationen ganz für sich in Anspruch zu nehmen.

Damit können allerdings wohl kaum die konkreten, individuellen Erbinformationen gemeint sein, die jeder Mensch in sich trägt. Stellen diese konkreten Erbinformationen auch ein "gemeinsames Erbe der Menschheit" dar? Dann würden sie eventuell ja gar nicht dem einzelnen Individuum allein gehören, sondern ein kollektives Eigentum darstellen. Die Metapher des "Erbes" legt zwar auf der einen Seite nahe, dass es sich beim menschlichen Genom um eine Sache handelt, die auch besessen werden kann - andererseits könnten wir aber auch etwas in unserem Körper haben, unsere Gene, die uns sozusagen nur anteilig, zusammen mit dem Rest der Menschheit gehören.

In deutscher Übersetzung lauten die entscheidenden Passagen des Statement on Benefit-Sharing folgendermaßen: "Als eine Spezies teilen wir im Wesentlichen dasselbe Genom. Dieses gemeinsame Genom ermöglicht die Fortpflanzung zwischen allen Gruppen der Menschheit. Auf dieser kollektiven Ebene ist das Genom das gemeinsame Erbe der Menschheit (...). Die Chance, ein Gen zu entdecken, dass zu einem Produkt führen könnte, kann zwischen verschiedenen Populationen variieren. Die Suche nach Genen kann daher auf besondere Populationen oder Familien gerichtet sein. Manchmal haben Entdeckungen in Familien mit extrem seltenen Krankheiten Implikationen für größere Gruppen mit allgemeineren Erkrankungen. Obwohl nicht von allen Nationen respektiert, findet das Konzept des gemeinsamen Erbes auch Anklang im internationalen Recht (beispielsweise das Meer, die Luft, der Weltraum). Angewandt auf die Humangenetik, besagt es, dass jenseits des Individuums, der Familie oder der Population ein gemeinsames Interesse im genetischen Erbe der Menschheit besteht. Daher sollte das Humangenomprojekt der gesamten Menschheit zugutekommen."[5]

Mit "Population" ist dabei die Bevölkerung beziehungsweise sind Teile der Bevölkerung im Sinne der Humangenetik gemeint. Mit einem "Produkt" ist ein neues Arzneimittel gemeint, woraus sich zugleich eine Beziehung zur internationalen Arzneimittelforschung beziehungsweise zur Möglichkeit einer Patentierung von Genen ergibt. Was ein gemeinsames Erbe darstellt, darf nicht von Privatpersonen oder Privatunternehmen für eigene Zwecke vereinnahmt werden. Aus dem Status des gemeinsamen Erbes folgt dann vielmehr, dass die nützlichen Ergebnisse der Genforschung dem öffentlichen Wohl und der Gesamtheit zugutekommen müssen.

Fußnoten

4.
Vgl. Human Genome Organisation, Statement on Benefit Sharing, 9.4.2009, online: www.hugo-international.org/img/benefit_sharing_
2000.pdf (1.4.2011).
5.
Ebd., S. 2.

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