APUZ Dossier Bild

9.5.2011 | Von:
Christian Lenk

Mein Körper - mein Eigentum?

Bioethik-Konvention des Europarates

Ist es in Europa verboten, den menschlichen Körper als eine Sache zu behandeln und Teile des menschlichen Körpers zu verkaufen? In der Mehrheit der Mitgliedstaaten der Europäischen Union wurde die Bioethik-Konvention des Europarates ratifiziert, die einen gemeinsamen Standard für den Schutz von Patienten und Studienteilnehmern in medizinischer Forschung und Anwendung bieten soll.[6] Artikel 21 der Konvention (die im Übrigen von Deutschland nicht ratifiziert wurde) enthält die folgende Bestimmung: "Der menschliche Körper und Teile davon dürfen als solche nicht zur Erzielung eines finanziellen Gewinns verwendet werden." Mit einigen Abwandlungen findet sich dieser Wortlaut auch in anderen europäischen Dokumenten wie in Artikel 7 der Empfehlungen des Komitees der Minister des Europarates zur Forschung mit biologischen Materialien menschlicher Herkunft: "Biological materials should not, as such, give rise to financial gain."[7]

Man könnte meinen, dass dadurch eine Kommerzialisierung des menschlichen Körpers wirkungsvoll unterbunden sei. Man könnte mit etwas Wohlwollen sogar daraus schließen, dass das oben erwähnte no-property-principle - der Körper und seine Teile können kein Eigentum darstellen - in Europa verwirklicht ist. Dieser Eindruck wäre allerdings falsch, wie es im Frühjahr 2010 auch die breitere Öffentlichkeit erfuhr, als durch Zufall ans Tageslicht kam, dass am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zu Diagnosezwecken entnommene Proben von Krebspatienten ohne deren Zustimmung an ausländische Privatfirmen verkauft werden.[8] Nach Medienberichten musste die erstaunte Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, dass anonymisierte Proben von Patienten der hamburgischen Kliniken auch ohne explizite Zustimmung dieser an Dritte weitergegeben werden dürfen - dank einer entsprechenden Regelung in Paragraf 12 des Hamburgischen Krankenhausgesetzes.

Das bedeutet jedoch offensichtlich nicht nur, dass der menschliche Körper und seine Teile unter Umständen sehr wohl als eine Sache behandelt werden, sondern auch, dass es beispielsweise in Deutschland durchaus legal ist, finanzielle Gewinne mit menschlichem Gewebe zu erzielen - eine Tatsache, die durch die genannten europäischen Dokumente nicht nur nicht verhindert, sondern im Prinzip sogar verschleiert wird. Wie der Medizinrechtler Jochen Taupitz ausgeführt hat, "existieren [im deutschen Recht] nur wenige Vorschriften, die sich explizit mit der Frage der Kommerzialisierung des menschlichen Körpers und seiner Teile befassen".[9]

Nicht im deutschen Transplantationsgesetz selbst, aber in der Begründung des Gesetzes wird auf die Menschenwürde als normatives Prinzip verwiesen, um das Kommerzialisierungsverbot des menschlichen Körpers zu rechtfertigen: "Immerhin führt der Gesetzgeber in der Begründung zum Transplantationsgesetz tatsächlich aus, die Garantie der Menschenwürde werde verletzt, wenn der Mensch bzw. seine sterblichen Reste zum Objekt finanzieller Interessen werden. Sowohl der Verkauf von Organen als auch Organspenden gegen Entgelt seien daher mit der Schutzgarantie des Art. 1 I GG nicht vereinbar."[10] Wie das obenstehende Beispiel zeigt, wurde diese Auffassung in Deutschland aber nicht umfassend umgesetzt, so dass es beispielsweise auf Gewebeproben von Patienten keine Anwendung findet.

Darüber hinaus verbieten es auch die internationalen Dokumente nicht, abgetrennte Teile des Körpers als eine Sache zu behandeln und zu verkaufen, sondern sie verbieten lediglich, mit diesen einen Gewinn zu erzielen. Ab wann beim Verkauf von Körpermaterialien aber von einem Gewinn zu sprechen ist und nicht nur eine angemessene Aufwandsentschädigung vorliegt, ist wiederum eine andere Frage, zu deren Beantwortung genauere Vorgaben notwendig wären. Was also in den internationalen Dokumenten als ein umfassendes Kommerzialisierungsverbot des menschlichen Körpers und seiner Teile erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen eher als ein pragmatischer Kompromiss hinsichtlich der tatsächlichen Praktiken unseres Umgangs mit dem menschlichen Körper.

Fußnoten

6.
Vgl. Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung von Biologie und Medizin: Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin, 4.4.1997, online: http://conventions.coe.int/Treaty/ger/
Treaties/Html/164.htm (1.4.2011).
7.
Recommendation Rec(2006)4 of the Committee of Ministers to member states on research on biological materials of human origin, 15.3.2006, online: https://wcd.coe.int/wcd/ViewDoc.jsp?id=977859 (1.4.2011).
8.
Vgl. NDR info, Weltweiter Handel mit Krebsgewebeproben aus UKE, 29.3.2010, online: www.klinikmanagement-aktuell.de/nachrichten/medizin/id__
21254___view.html (1.4.2011).
9.
Jochen Taupitz, Das Verbot der Kommerzialisierung des menschlichen Körpers und seiner Teile: Lässt es sich rational begründen?, in: ders. (Hrsg.), Kommerzialisierung des menschlichen Körpers, Berlin 2007, S. 4.
10.
Ebd.

Dossier

Bioethik

Wann beginnt das Leben? Was genau ist die Würde des Menschen? Gibt es ein Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende? Und welchen moralischen Status haben Tiere? Die Bioethik setzt sich mit grundsätzlichen Fragen des Seins auseinander. Sie liefert Antworten für die politischen Entscheidungen der Gegenwart. Aber wirft auch neue Fragen und Probleme auf.

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Haben Tiere Rechte?

Haben Tiere Rechte?

Angesichts eines gewachsenen Verantwortungsbewusstseins gegenüber (Nutz-)Tieren beschäftigt sich das Buch aus interdisziplinärer Sicht mit unterschiedlichen Aspekten des gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisses. Es enthält Analysen, beschreibt Herausforderungen und eröffnet neue Perspektiven.Weiter...

Zum Shop