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9.5.2011 | Von:
Christian Lenk

Mein Körper - mein Eigentum?

"Bündeltheorie" des Eigentums

Die sogenannte Bündeltheorie des Eigentums spielt vor allem in der angloamerikanischen Diskussion eine Rolle, ist aber auch für unseren Eigentumsbegriff aussagekräftig.[11] Sie besagt, dass "Eigentum" an etwas eine Reihe von Einzelrechten darstellt, die beschreiben, wie man über eine Sache verfügen darf (wie etwa eine Sache kaufen, verkaufen, handeln, nutzen, verleihen, zerstören). Für dingliches Eigentum setzen wir diesen Sachverhalt zumeist recht selbstverständlich voraus, vergessen dabei aber, dass es auch eine Reihe von "Dingen" gibt, über die wir gewöhnlich nicht in diesem Sinne verfügen dürfen.

So galten Tiere in Deutschland bis 1990 beispielsweise als Sachen - dennoch war es verboten, Tiere zu quälen oder grundlos zu töten. Seit 1990 sind laut Paragraf 90a des Bürgerlichen Gesetzbuches Tiere keine Sachen mehr, aber "die für Sachen geltenden Vorschriften [sind auf sie] entsprechend anzuwenden". Dennoch dürfen die Besitzer von Tieren mit ihnen nicht alles machen, was ihnen in den Sinn kommt. Ihre Eigentumsrechte den Tieren gegenüber sind also eingeschränkt.

Der lebende menschliche Körper ist keine Sache, aber in Deutschland wird davon ausgegangen, dass ein Körperteil oder ein Organ, welches vom Körper entfernt wird, die Eigenschaften einer Sache erlangt. Die Frage ist eben nur, welche Rechte uns aus dem vollständigen Bündel der Besitz-, Kontroll- und Verfügungsrechte an Organen oder Körperteilen zustehen. Da die Weitergabe von Organen an andere in Deutschland streng reguliert ist, ist auch unsere Verfügungsgewalt über unsere eigenen Organe, wenn sie aus dem Körper entfernt werden, entsprechend eingeschränkt. Der Staat schreibt uns also vor, wie wir mit aus dem Körper entfernten Teilen umzugehen haben.

Beispielsweise ist Organhandel verboten: Wir können nicht in dem Sinne über unseren Körper verfügen, dass wir anderen Personen eine Niere verkaufen dürfen. Auch die altruistische Spende an eine beliebige Person ist im Bereich der Organe verboten. Laut Transplantationsgesetz dürfen wir die Lebendspende nur an Ehe- oder Lebenspartner, Verwandte oder andere Personen durchführen, die uns "in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen".

Auch nach dem Tod dürfen wir mit unserem Leichnam nicht alles machen, was uns in den Sinn kommen könnte. So wäre beispielsweise eine testamentarische Verfügung, unseren Körper nach dem Tod an wilde Tiere verfüttern zu lassen, ungültig, während uns zu Lebzeiten vielleicht niemand daran hindern würde, uns von denselben Tieren auffressen zu lassen.[12] Daraus lassen sich eine ganze Reihe normativer Prinzipien ableiten, die unser Verfügungsrecht über den eigenen Körper einschränken:

Erstens möchte der Staat gewisse Praktiken verhindern, die er für unsittlich hält wie den Organhandel. Dabei kommen aus ethischer Sicht zwei überzeugende Begründungen in Frage: Zum einen soll die Versorgung mit Organen nicht vom Vermögen des einzelnen Patienten abhängen, so dass der- oder diejenige, die viel Geld hat, entscheidende Vorteile gegenüber dem Patienten erhält, der mittellos ist. Zum anderen sollen keine Anreize dafür geschaffen werden, Teile des eigenen Körpers zu verkaufen. Dieses Argument deutet auf den Schutz der Integrität des Körpers und den individuellen Körper als Grundlage der Person.[13]

Zweitens soll offensichtlich auch die Selbstschädigung der Spender vermieden werden. Aus einer reinen Nutzenperspektive betrachtet, wäre es ja belanglos, ob jemand seine Niere an eine nahestehende Person oder an eine ihm unbekannte Person spenden möchte. In jedem Fall wäre ja einem Patienten, der ein Spenderorgan benötigt, geholfen. Es zeigt sich aber, dass hier eben nicht die reine Nutzenperspektive eingenommen wird, sondern vielmehr auch die Frage eine Rolle spielt, wofür der Spender die Belastung einer Organentnahme auf sich nimmt. Dieses Argument ist aber in einem gewissen Sinne "paternalistisch", das heißt, es schreibt den potenziellen Spendern ausdrücklich vor, wer von ihm oder ihr ein Organ erhalten darf.

Drittens kommen beim Umgang mit dem toten Körper offensichtlich auch Fragen der Menschenwürde und der "guten Sitten" ins Spiel, die über die autonome Entscheidungsgewalt des Einzelnen hinausgehen. Offensichtlich ist auch unsere pluralistische Gesellschaft nicht bereit, alle möglichen Arten des Umgangs mit dem toten Körper zu ertragen und macht deshalb genaue Vorschriften, wie mit dem Körper umzugehen ist.

Im Gesamtbild betrachtet ergeben sich also einige gravierende Einschränkungen, die zeigen, dass der lebende Körper in jedem Fall keine Sache darstellt - aber auch der tote Körper und vom Körper entfernte Teile im Sinne der "Bündeltheorie" des Eigentums allenfalls in einem stark eingeschränkten Sinne als Dinge bezeichnet werden können, die auch eigentumsfähig sind - die man also so behandeln darf, wie man Dinge normalerweise behandelt.

Fußnoten

11.
Vgl. Barbro Björkman/Sven O. Hansson, Bodily rights and property rights, in: Journal of Medical Ethics, 32 (2006), S. 209-214.
12.
Vgl. Y.M. Barilan (Anm. 3), S. 4f., S. 11.
13.
Vgl. hierzu den Beitrag von Ingrid Schneider in dieser Ausgabe.

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