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9.5.2011 | Von:
Dominik Groß

Zum Wandel im Umgang mit der menschlichen Leiche: Hinweise und Erklärungsversuche

Bestattungspluralismus: Ausdruck von Individualisierungstendenzen?

Wer sich mit den gegenwärtigen Möglichkeiten der Bestattung des menschlichen Leichnams beschäftigt, sieht sich mit einer Fülle von Optionen konfrontiert:

Die Erd- beziehungsweise Sargbestattung gilt als die klassische und nach wie vor häufigste Bestattungsart.[4] Hierbei erfolgt die Beisetzung in einem Sarg. Doch auch die Beerdigung unterliegt seit den 1980er Jahren einem zunehmenden Diversifizierungs- und Pluralisierungsprozess. Dies betrifft zum Beispiel die Särge selbst - neben konfektionierten Särgen finden sich mittlerweile bunte, selbstgestaltete und individualisierte Särge und Sargformen.[5] In Deutschland ist das Friedhofs- und Bestattungsrecht durch landesrechtliche Vorschriften geregelt, die bisher einen "Friedhofszwang" vorsehen. Hierunter wird eine Vorschrift verstanden, die es verbietet, die physischen Reste eines toten Menschen (sei es im Sarg oder in der Urne) an einem anderen Ort als auf einem Friedhof (oder im Meer) aufzubewahren. Einige Bundesländer haben allerdings bereits eine Liberalisierung beschlossen oder ziehen diese in Betracht.

Lässt die Erdbestattung bereits eine zunehmende Zahl von Wahlmöglichkeiten zu, so gilt dies für die Feuer- beziehungsweise Urnenbestattung in weit größerem Maße.[6] 1998 lag der Prozentsatz der Feuerbestattungen bei knapp 40 Prozent; in östlichen und nördlichen Bundesländern beträgt er inzwischen über 50 Prozent.[7] In jüngster Zeit werden im Rahmen von Naturbestattungen auch schnell abbaubare Urnen eingesetzt; manchmal wird sogar ganz auf Urnen verzichtet. Findet die Beisetzung im Wurzelbereich von Bäumen statt, spricht man von Baumbestattung.[8] Vor der amerikanischen Ostküste wird mittlerweile auch eine Korallenriff-Bestattung angeboten. Bei der Almwiesenbestattung wird die Asche des Verstorbenen an einer bestimmten Stelle auf einer Almwiese in der Schweiz in die Erde eingebracht.

Einer zunehmenden Beliebtheit unter den Bestattungsformen erfreut sich die Naturverstreuung. So besteht beispielsweise in der Schweiz die Möglichkeit, die Asche auf ausgewiesenen Aschestreuwiesen zu verstreuen. Bei der Himmelsbestattung [9] wird die Asche aus der Luft verstreut. Im Rahmen einer Seebestattung wird die Asche des Verstorbenen in einer wasserlöslichen Urne der See übergeben. Die Übergabe erfolgt in der Regel in gesondert ausgewiesenen Gebieten in der Nord- oder Ostsee, auf speziellen Wunsch aber auch in allen Meeren der Welt. Die Zahl der Seebestattungen lag in Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts bei etwa 5000 jährlich.[10] Als besonders exklusiv gilt die sogenannte Weltraumbestattung:[11] Dabei wird ein geringer ("symbolischer") Teil der Asche mit Raketen in den Weltraum befördert und dort der "Ewigkeit" übergeben.

Eine größere quantitative Bedeutung kommt der Verwahrung der Asche im Privatbereich zu. Zwar verbietet der Friedhofszwang in Deutschland die Möglichkeit, die Asche eines Verstorbenen im Privatbereich aufzubewahren, doch steigt die Zahl der Menschen, die diese Regelung umgehen. Die Einäscherung muss hierbei entweder im Ausland vorgenommen werden, oder dem deutschen Krematorium geht eine ausländische Urnenanforderung zu. Das Krematorium verschickt daraufhin die Asche in der Regel ohne weitere Formalitäten per Post ins Ausland. Wird von den lokalen Behörden zur Ausstellung der Bestattungserlaubnis der Nachweis einer Grabstätte im Ausland gefordert, werden oftmals kostengünstige ausländische Verstreuungsgrabstätten angegeben. Anschließend holen Angehörige die Asche entweder selbst im Ausland ab oder sie wird ihnen vom ausländischen Bestatter per Post zugeschickt. Aufgrund der beschriebenen Praxis gewinnt die Verwahrung der Totenasche im Privatbereich zunehmend an Bedeutung - auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Kosten für diese Art der privaten "Bestattung" vergleichsweise niedrig sind.[12] Von der Verwahrung der Asche in einer Schmuckurne im Wohnzimmer, über die Beisetzung im eigenen Garten bis zur Aufbewahrung eines Teils der Asche in einem Amulett eröffnen sich hier vielfältige Optionen.

Tradition hat in Deutschland auch die postmortale Körperspende an ein anatomisches Institut. In diesen Fällen werden die Leichname als Lehr- und Studienmaterial verwendet. Anschließend wird der Körper eingeäschert und auf Kosten des Instituts oder gegen einen geringen Kostenbeitrag bestattet. Eine Körperspende kann nur dann angenommen werden, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten eine entsprechende schriftliche Erklärung gegenüber dem betreffenden anatomischen Institut abgegeben hat. Neben altruistischen und fachlichen Motiven werden mittlerweile auch finanzielle Aspekte für die Entscheidung zur Körperspende geltend gemacht.[13] Seit einigen Jahren übersteigt das Angebot an "Körperspendern" bei weitem den Bedarf der anatomischen Institute: Etwa 80000 bis 100000 Bundesbürger haben derzeit eine Körperspendevereinbarung mit anatomischen Prosekturen geschlossen.[14]

Als Innovation auf dem Gebiet der Bestattungstechnologie gilt demgegenüber die Promession.[15] Ziel des auch als "Öko-Bestattung" bezeichneten Verfahrens ist die harmonische Eingliederung des Verstorbenen in den Kreislauf der Natur. Hierzu wird der tote Körper kompostiert. Der Leichnam hinterlässt keine Rückstände und belastet weder Böden noch Meere. Im Rahmen der Promession wird der Tote zunächst auf minus 18 Grad Celsius heruntergekühlt, dann in minus 196 Grad kalten flüssigen Stickstoff getaucht und schockgefroren. Schallwellen in einer Vibrationskammer lassen den Körper anschließend in geruchsfreies Pulver zerfallen. In einer Vakuumkammer wird das Pulver getrocknet, anschließend in einen kompostierbaren Sarg gefüllt und bestattet.

Eine weitere neue Bestattungsmethode ist die alkalische Hydrolyse oder Resomation, bei welcher der Leichnam durch die Einwirkung einer starken Lauge aufgelöst wird. Die Leiche wird in einem Druckbehälter aus Edelstahl bei Temperaturen von 150 bis 160 Grad Celsius in Kalilauge binnen weniger Stunden zersetzt. Abgesehen von wenigen Knochenresten resultiert hierbei eine braune, äußerst zähflüssige Flüssigkeit, die über den Abfluss entsorgt werden kann. Bis zum Sommer 2007 wurden in den USA angeblich etwa 1000 Menschen auf diese Art bestattet.[16]

Fußnoten

4.
Vgl. Dagmar Hemmer/Andreas Höferl, Privatisierung und Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungen in der EU-15: Bestattungswesen, Wien 2003, S. 8; Stiftung Warentest (Hrsg.), Bestattung: was tun im Todesfall?, Berlin 2008.
5.
In jüngerer Zeit werden zunehmend auch Sargformen angeboten, die dem Selbstverständnis des Verstorbenen Rechnung tragen sollen. Särge aus der Werkstatt von Kane Kwei in Form von Korkenziehern, Biergläsern, Getränkeflaschen, Fischen oder Autos sind in Europa hoch gehandelte Kunstobjekte. Vgl. Dominik Groß/Michael Rosentreter, Sarg, in: Héctor Wittwer/Andreas Frewer/Daniel Schäfer (Hrsg.), Sterben und Tod, Stuttgart-Weimar 2010, S. 261-266.
6.
Vgl. Norbert Fischer, Zwischen Trauer und Technik, Berlin 2002.
7.
Vgl. D. Hemmer/A. Höferl (Anm. 4), S. 4.
8.
Vgl. Sylvie Assig, Waldesruh statt Gottesacker, Stuttgart 2007.
9.
Vgl. Dorothea Lüddeckens, Oase ohne Geier, in: Bestattungskultur, (2006) 7, S. 14f.; Manfred Gerner, Friedhofskultur, Hohenheim 2001, S. 122f.
10.
Vgl. N. Fischer (Anm. 6), S. 119.
11.
Vgl. Webseite eines Anbieters: www.memorialspaceflights.com/services.asp (21.3.2011).
12.
Sie werden derzeit mit 150 bis 350 Euro angegeben. Vgl. Webseite eines Anbieters: www.bestattungsplanung.de/pages/
bestattungsarten/283-0.html (21.3.2011).
13.
Vgl. Gereon Schäfer/Dominik Groß, Körperspende oder Tauschgeschäft?, in: Dominik Groß (Hrsg.), Die dienstbare Leiche, Kassel 2009, S. 42ff.
14.
Vgl. Kurt W. Becker, Anmerkungen zur Geschichte der anatomischen Sektion, Homburg 2002.
15.
Vgl. Thomas Vilgis, Eiskalt ins Grab, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8.7.2007, S. 60.
16.
Vgl. Neue Bestattungstechnik. In Lauge auflösen und ab in den Abfluss, in: Spiegel online vom 10.5.2008: www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/
0,1518,552562,00.html (21.3.2011).

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