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9.5.2011 | Von:
Dominik Groß

Zum Wandel im Umgang mit der menschlichen Leiche: Hinweise und Erklärungsversuche

Entritualisierung des Umgangs mit den Toten

Jeder zweite Deutsche tritt durch die Wahl individualisierter Bestattungsformen, -orte und -rituale bewusst aus der traditionellen Erinnerungskultur heraus. Eine zunehmende Entritualisierung des Umgangs mit den Toten und eine tendenzielle Abkehr vom Friedhof als traditionellem Ort des Leichnams und der letzten Ruhe gehen damit einher. Der Wandel der Bestattungsriten und der Erinnerungskultur spiegelt damit beispielhaft die gesellschaftlichen Trends zur Säkularisierung, Liberalisierung, Individualisierung, Pluralisierung, Privatisierung und Technisierung. Der gezielte Zugriff auf die eigene Bestattung lässt sich mit vielfältigen programmatischen Zielen verbinden:

  • mit dem Ziel, sich durch die Wahl einer speziellen Bestattungsform gegenüber anderen abzugrenzen oder sich selbst zu inszenieren. Bei dieser Ausgestaltung fungiert der Verstorbene (letztmalig) als Dramaturg seiner eigenen Lebensgeschichte: "Wer will, kann seine Asche als Feuerwerk am Himmel explodieren lassen oder aber seine sieben Gramm Totenasche zu einer Weltraumbestattung in den Orbit schießen lassen, um dort mit der Urnenkapsel als Sternschnuppe zu verglühen."[17]

  • mit dem Ziel, den eigenen Lebensverlauf durch die Wahl der Bestattung in einem gleichsam symbolischen Akt zu "spiegeln". Die Seebestattung von Matrosen und Seeleuten gehörte früher zu den wenigen etablierten alternativen Bestattungsformen. Hintergrund war der Wunsch der Betroffenen, durch diese Form der Beisetzung die "programmatische" Rolle des Meeres in ihrem Leben zu dokumentieren. Ähnliches gilt für eingefleischte Fußballfans, die in Gräberfeldern ihres Vereins ihre letzte Ruhestätte finden wollen. Ein Beispiel hierfür bietet der Hamburger Sportverein (HSV), der auf dem Friedhof Altona in unmittelbarer Nähe des Fußballstadions ein Gräberfeld reservieren ließ.
  • mit dem Ziel, dem Leben eine besondere (wie gemeinschaftsstiftende) Sinnhaftigkeit zu verleihen. Beispiel hierfür ist die anatomische Körperspende bei Personen, die ihren toten Körper in den Dienst der Allgemeinheit stellen wollen.
  • mit dem Ziel, eine besondere Naturverbundenheit zu demonstrieren. Die Baumbestattung in Friedwäldern kann als Ausweis besonderer Naturverbundenheit oder einer naturreligiösen Einstellung interpretiert werden. Gleiches gilt für die verschiedenen Formen der Naturverstreuung.
Die beschriebene Herausbildung diverser posttraditionaler Bestattungsformen ist Ausdruck zunehmender Autonomiebestrebungen. Der bewusste Zugriff auf die eigene Bestattung(sform) eröffnet einen persönlichen Aktionsraum. Gleichzeitig zeigt sich ein neuer, stark säkularisierter und technisierter Umgang mit dem Tod: Voraussetzung für den beschriebenen Bestattungspluralismus war eine Schwächung beziehungsweise die Aufhebung des traditionell engen gedanklichen Zusammenhangs zwischen der (kirchlicherseits favorisierten) Erdbestattung und dem Wiederauferstehungsglauben. An seine Stelle treten neue Interpretationsmuster des Todes und neue Versuche einer Relativierung und Überwindung desselben - wiederum auf der Grundlage der Dienstbarmachung des eigenen toten Körpers und unter Zuhilfenahme neuester technischer Methoden.

Fußnoten

17.
Alternative Bestattungsformen, 3sat-Bericht, Juni 2008, online: www.3sat.de/page/?source=/scobel/122961/index.html (21.3.2011).

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