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9.5.2011 | Von:
Dominik Groß

Zum Wandel im Umgang mit der menschlichen Leiche: Hinweise und Erklärungsversuche

Zugriff auf den eigenen Leichnam: Diamantierung, Kryonisierung, Plastination

Der beschriebene Bestattungspluralismus ist Zeichen einer individualisierten Gesellschaft, aber auch Ausdruck des individuellen Versuchs, den persönlichen Tod durch einen spezifischen Zugriff auf die Leiche zu relativieren. Liselotte Hermes da Fonseca zufolge stellt der Tod die "größte Kränkung des Menschen" dar.[18] Vor diesem Hintergrund erklärt sich das uralte Bestreben der Menschheit, über das Unverfügbare schlechthin - den Tod - zu verfügen. Während die bisher beschriebenen Bestattungsformen die Absolutheit des Todes und seine Einordnung gleichwohl als unüberwindbares Ereignis anzuerkennen scheinen, trifft dies für einige andere Formen der Bestattung - wie die Diamantierung, die Plastination und die Kryonisierung[19] - nur noch bedingt zu. Sie dienen vielmehr auf unterschiedliche Art und Weise dem Ziel, den Tod durch den spezifischen Einsatz der eigenen Leiche gefügig zu machen: Sei es, dass die konkreten Äußerungsformen des Todes - die verwesende beziehungsweise zu Asche zerfallene Leiche - "umgangen" werden (Diamantierung und Plastination) oder eine spezifische Vorstellung von Unsterblichkeit und Wiederauferstehung realisiert werden sollen (Kryonisierung).

Diamantierung


. [20] Sie setzt eine Kremierung der Leiche voraus: Kremationsasche besteht zu einem geringen Teil aus Kohlenstoff. Durch ein spezielles Trennungsverfahren wird der Kohlenstoff aus der Asche gelöst und in einem weiteren Schritt der extrahierte Kohlenstoff in Grafit verwandelt. In dieses wird ein Startkristall eingebettet, um den unter konstant zunehmendem Druck und steigender Hitze langsam ein Diamant "wächst". Die Kosten werden je nach Unternehmen, Steingröße und Quelle mit 4500,[21] 15000[22] oder 22000[23] Euro beziffert.

Die Diamantbestattung ist in Deutschland aufgrund des Bestattungszwangs unzulässig, wird aber geduldet, wenn die Asche des Verstorbenen in Länder gebracht wird, in denen die Diamantierung als ordentliche Bestattung akzeptiert wird. Dies ist mittlerweile in vielen Staaten der Fall. Verlässliche Daten zur Zahl der Diamantbestattungen liegen nicht vor; es ist jedoch davon auszugehen, dass die hohen Preise limitierend wirken, zumal die Beisetzung der nicht verbrauchten Asche weitere Kosten verursacht. Dass man mit der Diamantierung der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens entgegenzutreten glaubt, insinuiert bereits die Wortwahl der Unternehmen in ihren Werbekampagnen. So wird die Diamantierung als Prozesskette beschrieben, an dessen Beginn eine "Leiche" und an dessen Ende ein "Lebensjuwel" ("LifeGem") stehe.[24] Darüber hinaus wird suggeriert, dass der Prozess der Diamantierung sogar der Individualität Rechnung trage: "Der Erinnerungsdiamant erstrahlt einmal in weiß bis zu einem bläulichen Ton. So unterschiedlich die Menschen sind, so differiert auch die Farbe in seiner Abhängigkeit vom individuellen Bor-Gehalt der Urnenasche."[25]

Die Diamantierung des Leichnams kann verschiedenen Zielen dienen. Im einfachsten Fall ist sie an die Vorstellung geknüpft, mit dem Schmuckstein eine konkrete Erinnerung an den Verstorbenen zu erhalten. Dass man mit der Diamantierung allerdings nicht vorrangig Hinterbliebene ansprechen möchte, sondern vielmehr den Lebenden und dessen Wunsch nach fortwirkender Selbstbestimmung, zeigt ein Blick auf die Webseiten der Anbieter. Diese werben mit dem Angebot, Diamanten bereits zu Lebzeiten vorzubestellen.[26] Mit dem Verfahren der Diamantierung erreichen Menschen, die sich nicht der Vergänglichkeit preisgeben wollen, einen Zustand der "Unvergänglichkeit" und "Ewigkeit". Demnach ist die Diamantierung Ausdruck einer neuen Sehnsucht nach dauerhafter materieller Repräsentanz. Ebenso wesentlich scheint die mit der Diamantierung erreichte Ästhetisierung der Erscheinungsform: Auch sie steht in starkem Kontrast zu Zerfall und Zersetzung insbesondere erdbestatteter Leichname.[27] Besonders verdichtet ist diese Botschaft in der Bezeichnung "LifeGem" ("Lebens-Juwel"): Sie verbindet die Aspekte Vitalität ("Leben") und Ästhetik ("Juwel"). Schließlich wird suggeriert, dass die Unverwechselbarkeit des Betroffenen in der kristallinen Form des Diamanten fortbestehe.

Plastination.
Der Begriff Plastination beschreibt ein vergleichsweise neues Konservierungsverfahren, das bei der anatomischen Präparation von toten Körpern und Körperteilen Verwendung findet. Die durch Gunther von Hagens etablierte Technik wurde bekannt durch die Wanderausstellung "Körperwelten", in der derartige anatomische Präparate sowie vollständige Leichen öffentlich präsentiert werden. Das Verfahren ist dadurch charakterisiert, dass das in den Zellen vorhandene Wasser durch Kunststoff (Polymere) ersetzt wird. Dadurch entstehen Präparate, die den natürlichen Gegebenheiten sehr nahekommen. Plastinate sind dauerhaft haltbar. Anders als die Diamantierung oder die nachfolgend beschriebene Kryonik fallen für die Körperspende mit dem Ziel der Plastination keine Kosten an; sie ist somit der breiten Bevölkerung zugänglich. Tatsächlich erfreut sich die Plastination eines wachsenden Interesses.

Der Wunsch, den eigenen Leichnam posthum in ein Plastinat überführen zu lassen, kann durchaus unterschiedlich motiviert sein: Die Plastinierung kann zum Beispiel - ähnlich wie die Diamantierung - an das Ziel geknüpft sein, post mortem durch die fortdauernde physische Präsenz besser in Erinnerung zu bleiben. In diesem Fall steht der Wunsch, der Verwesung entrissen zu werden - die Sterblichkeit im Sinne von Vergänglichkeit zu überwinden -, im Mittelpunkt des Interesses. Angesprochen ist hiermit letztlich der Denkmalcharakter eines Plastinats. Die eigene Plastinierung kann aber auch an den weitergehenden Wunsch gekoppelt sein, zu "über"leben. In diesem extremen Fall wird der Präparator tatsächlich als "Unsterblichkeitsmakler"[28] begriffen. Derartige an die Materialität der eigenen Leiche geknüpfte Unsterblichkeitsphantasien befördert Gunther von Hagens gezielt mit Aussagen wie: "Willst du wirklich ewig leben, musst du deinen Körper geben."[29] Dazu bedient sich von Hagens einer Ästhetik der Vitalität: Dies gelingt ihm, indem er Plastinate in dynamische, bewegte Posen einrückt.[30] Neben das Phänomen der "Verlebendigung" tritt ein weiterer Aspekt: die Schaffung von Identität und Unverwechselbarkeit; die Plastinate werden mit Alleinstellungsmerkmalen und mit Namen versehen (wie "Der Läufer", "Der Schachspieler").[31]

Ob eine solche subjektive Wahrnehmung einer kritisch-objektiven Beurteilung standhält, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden.[32] Entscheidend scheint hier die Feststellung, dass der Zugriff auf den eigenen toten Körper und dessen Plastinierung zumindest von einem Teil der Körperspender als eine Option wahrgenommen wird, dem Tod zu entgehen oder ihn in seiner Absolutheit zu relativieren. Doch auch der Teil der Körperspender, der Plastinate vornehmlich als moderne Form von "Denkmälern" sieht und mit der Plastination "lediglich" das Ziel verbindet, postmortal in Erinnerung zu bleiben, zielt damit auf eine Relativierung des eigenen Todes ab - gemäß Bertolt Brechts Feststellung: "Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt."

Kryonisierung.
Ein dritter Versuch, den Tod gefügig zu machen, stellt die Kryonik oder Kryostase dar. Sie dient dem Ziel, verstorbene Menschen mittels Kältekonservierung für die Zukunft zu erhalten, um sie zu einem geeigneten Zeitpunkt ins Leben zurückzuführen. Anhänger der Kryonik gehen davon aus, dass die Medizin künftig die Krankheit, die zum Tod des Menschen geführt hat, heilen und darüber hinaus Körper, Geist und Intellekt des Verstorbenen wiederbeleben kann. Der Betroffene wird hierbei unmittelbar nach seinem Tod kältekonserviert. Dazu bedient sich die moderne Kryonik der Vitrifizierung: Das Blut wird durch eine Kühlflüssigkeit ersetzt, um damit die Entstehung von Eiskristallen, welche die Zellmembranen zerstören würden, zu verhindern. Zur Lagerung wird der Organismus üblicherweise bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff gekühlt. Zu einem unbekannten Zeitpunkt in der Zukunft soll der kryokonservierte Körper "reanimiert" werden. Die Kosten für eine Ganzkörperkonservierung werden auf etwa 120000 US-Dollar beziffert, der Betrag für eine Neurokonservierung wird mit 50000 US-Dollar angegeben.[33] Während die Kryokonservierung von Leichen in Deutschland verboten ist, finden sich mittlerweile in einigen westeuropäischen Staaten wie in der Schweiz und in Großbritannien Anbieter. Belastbare Zahlen zur Verbreitung der Kryokonservierung von Leichen liegen nicht vor. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich das Verfahren auch künftig auf eine vergleichsweise kleine Personengruppe beschränken wird. Der typische Kunde wird als "atheistisch, männlich, gebildet und vermögend" beschrieben.[34]

Wenngleich die überwältigende Mehrheit der Biowissenschaftler und Mediziner grundsätzlich bezweifelt, dass eine fortgeschrittene Wissenschaft der Zukunft kryokonservierte Körper wiederbeleben kann, gibt es gerade unter den Anhängern der Kryonik auch viele Wissenschaftler.[35] Auch bei der Kryonik handelt es sich stricto sensu nicht um eine Bestattungsart, und ähnlich wie die Diamantierung und die Plastination richtet sich die Kryonik (vorrangig) direkt an die Lebenden, die ihren Handlungsspielraum über den eigenen (vermeintlich reversiblen) Tod hinaus ausdehnen wollen. Wie bei der Plastination wird der eigene Leichnam für den Kryonik-Kunden zur unverzichtbaren Ressource, da die Hoffnung auf Unsterblichkeit ganz konkret und unmittelbar an die Materialität der Leiche geknüpft ist.[36]

Fußnoten

18.
Liselotte Hermes da Fonseca, "Trauerlose Würfelanatomie" als Gesellschaftsmodell, in: dies./Thomas Kliche (Hrsg.), Verführerische Leichen - verbotener Verfall. "Körperwelten" als gesellschaftliches Schlüsselereignis, Lengerich 2006, S. 432.
19.
Vgl. Nadine Witt/Thomas Dickinson, "Cryonics" - Die Wichtigkeit der Körper für die Unsterblichkeit, in: D. Groß (Anm. 13), S. 136-140.
20.
Im Unterschied zur Diamantierung wird bei der "Edelsteinbestattung" lediglich nach der Kremation die Aschekapsel eine geraume Zeit mit einem ausgewählten Edelstein gemeinsam "gelagert". Die zugrunde gelegte These ist, dass der Stein durch die Wirkung der Asche "energetisiert" wird. Vgl. Webseite eines Anbieters: www.friedjuwel.de/downloads/praesentations
mappe.pdf (21.3.2011).
21.
Vgl. Andrea Mühlberger, Neuer Bestattungstrend aus Wien. Der Verblichene im Ohrring, ARD-Hörfunkstudio Wien vom 3.11.2006.
22.
Vgl. Petra Busch, Öko-Bestattung und Glanzstücke: Aus 75 Kilo Leiche werden 25 Kilo Dünger - oder ein Diamant, in: Kleine Inseln. Das Pietätsportal vom 20.9.2008.
23.
Leichen-Diamanten. Firma presst Tote zu Trauer-Klunkern, in: Spiegel online vom 29.8.2002: www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/
0,1518,211215,00.html (21.3.2011).
24.
Vgl. ebd.
25.
Wegseite eines Anbieters: www.algordanza.ch/Verfahren/Bestellung.aspx (21.3.2011).
26.
Vgl. ebd.
27.
Vgl. D. Groß/M. Ziefle (Anm. 1), S. 134.
28.
Zygmunt Baumann, Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien, Frankfurt/M. 1994, S. 93.
29.
Zit. nach: Nina Kleinschmidt/Henri Wagner, Endlich unsterblich? Gunther von Hagens - Schöpfer von Körperwelten, Berlin 2000, S. 82.
30.
Vgl. Eva Blome/Johanna A. Offe, Die Konstruktion des Echten: Das Körperbild der Ausstellung Körperwelten, in: L. Hermes da Fonseca/Th. Kliche (Anm. 18), S. 191.
31.
Vgl. ebd., S. 208.
32.
Tatsächlich lassen sich viele Argumente anführen, die eine solche Einschätzung zumindest relativieren. Zum einen bleiben die Leichname in der Regel nicht als Ganzkörper-Plastinate erhalten, sondern werden in "Baukastenmanier" neu zusammengesetzt. Ebenso sagen die Posen der Plastinate nichts über die Körperspender aus: Das als Schachspieler inszenierte Plastinat muss kein Schachspieler gewesen sein, so dass es sich um willkürliche Zuschreibungen von "Identitäten" handelt. Vgl. Liselotte Hermes da Fonseca, "Lifeseeing" in den "Körperwelten", in: dies./Th. Kliche (Anm. 18), S. 14; Michael Langhanky, Jenseits des Anstands - Ein Versuch über Anstand, Abstand und Transformation, in: ebd., S. 66f.
33.
Vgl. Peter Hossli/Robert Huber, Verstorben, bis auf weiteres, in: Focus, (2003) 43.
34.
Ebd.
35.
Vgl. Scientists' Open Letter on Cryonics, 24.3. 2004, online: www.imminst.org/cryonics_letter (21.3. 2011).
36.
Vgl. N. Witt/Th. Dickinson (Anm. 19), S. 137.

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