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12.4.2011 | Von:
Thomas Schneider
Daniel Küchenmeister

Sport ist Teilhabe! - Essay

Sport für alle

Seit Sport als eigenständiges Teilsystem unserer Gesellschaft existiert und sich immer weiter entwickelt hat, erfasst er immer breitere Kreise der Bevölkerung. Seit der Aufklärung ist das Betreiben von Leibesübungen nicht länger ausschließlich exklusiver Zeitvertreib gehobener Schichten, sondern steht prinzipiell allen zur Verfügung. Seinem Wesen und der Überzeugung "Turnvater" Jahns nach - der mit seiner ursprünglich patriotisch ausgerichteten Bewegung nicht zuletzt auf das Engagement des Staatsbürgers für das Gemeinwesen abzielte - sollte das Turnen öffentlich sein in dem Sinne, dass es für alle Altersgruppen und sozialen Schichten offen ist (zu seiner Zeit allerdings noch nicht für Frauen). Freilich war und ist die Einbeziehung der Bevölkerung in das gesellschaftliche Teilsystem Sport genauso wenig vollständig wie in andere Teilbereiche.[6]

Der breit angelegte Aktionsplan "Sport für alle", der am 2. Juli 2009 vom Deutschen Bundestag beschlossen wurde, soll unter anderem die bessere Integration von zugewanderten Menschen in die Sportvereine fördern und vor allem die gesellschaftliche Bedeutung des Sports stärken. Derzeit ist der organisierte Sport mit einer Million Vorstandsmitgliedern sowie 1,1 Millionen Trainern, Übungsleitern und Schiedsrichtern der quantitativ bedeutsamste Träger bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland - allerdings scheinen diese Zahlen aus verschiedenen Gründen rückläufig zu sein. Laut Sportentwicklungsbericht 2007/2008 des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und des DOSB sind die gegenwärtigen Hauptprobleme der Sportvereine die Gewinnung und Bindung von ehrenamtlichen Funktionsträgern. Im Vergleich zu 2005 gab es hierbei einen Rückgang um etwa 20 Prozent, während die Arbeitsbelastung der Aktiven um 13 Prozent auf monatlich 17,6 Stunden anstieg. Das Engagement im Verein wird mit einer jährlichen Wertschöpfung von 6,6 Milliarden Euro beziffert.

Aber noch weit darüber hinaus ist der Sport Träger, Förderer und Instrument gesellschaftlichen Engagements, was sich in vielfältigen Aktivitäten nicht nur von Vereinen, sondern auch beispielsweise von Stiftungen zeigt, welche die integrierende, gesundheitsfördernde, pädagogische oder auch kommunikative Kraft des Sports in ihrer Förderarbeit nutzen. Alles das macht den Sport zu einem bedeutenden zivilgesellschaftlichen Akteur und wesentlichen sozialen Faktor, der kaum zu unterschätzende gesellschaftliche Bindungskräfte freisetzt. Aus diesem Grunde muss der Sport verstärkt eine Vorstellung davon entwickeln, wie er seine Stellung festigen und ausbauen sowie den Herausforderungen bei der Bewältigung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben von Staat, Markt und Zivilgesellschaft in Deutschland begegnen will.[7]

Der Sport muss idealerweise seine Rolle im Ensemble der Kooperationspartner einer neuen Bürgerlichkeit definieren, die umfangreiche Unterstützung von staatlicher Seite legitimieren und die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Akteuren unter veränderten Rahmenbedingungen ausgestalten. Dabei muss er sich auch weiter in Richtung anderer, vielleicht noch nicht in Betracht gezogener Handlungsräume, Betätigungsfelder und Mitspieler bewegen, nicht zuletzt in Richtung der privaten Wirtschaft, um auf dem Wege der Corporate Social Responsibility engagierter Unternehmen neue Ressourcen zu erschließen.

In einer Liga mit Wohlfahrtsverbänden und Kirchen als bedeutenden sozialen Trägern spielt der Sport schon lange. Bereits seit 1965 gibt es einen verbindlichen Austausch sowie seit 1975 die gemeinsamen Spitzengespräche "Kirche und Sport", in denen die beiden großen Kirchen auf der einen und der DOSB auf der anderen Seite gesellschaftspolitische Themen und Positionen austauschen. 2007 veröffentlichte die "Gemeinsame Kommission Kirche und Sport" das Ideenheft "Gemeinsam Gesellschaft gestalten". Dass es darin um mehr als nur hehre Anliegen und fromme Wünsche geht, zeigen die beschriebenen Projekte sowie die Erkenntnis: "Kirche und Sport sind in der Gesellschaft tief verwurzelt, sie machen Angebote und verfügen über Räume, in denen sich Menschen unterschiedlicher Nationalität, Religion, Kultur, sozialer Herkunft oder Hautfarbe begegnen können." Unter dem Titel "Zum Wohl der Menschen und der Gesellschaft" folgte 2009 ein gemeinsames Grundsatzpapier.

Fußnoten

6.
Vgl. Ilse Hartmann-Tews, Sportentwicklung in Europa unter Einbeziehung von Frauen, in: APuZ, (2004) 26, S. 31-38.
7.
Die Notwendigkeit einer engagementpolitischen Konzeption der Fußballverbände und -vereine diskutiert Sebastian Braun, Die schönste Nebensache der Welt im Bildungspluralismus. Thesen zum vereins- und verbandsorganisierten Fußball als zivilgesellschaftlichem Mitspieler, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, (2010) 23, S. 63-72.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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